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GEW-Studie veröffentlicht

„Verschenkte Chancen?!“ Die Anerkennungs- und Beschäftigungspraxis von migrierten Lehrkräften in den Bundesländern

Der Bedarf an Fachkräften in den verschiedenen Bildungsbereichen ist ein Thema, dessen Dringlichkeit immer stärker hervortritt. Warum also wird ein enormes Potential verschenkt, indem man Menschen mit Migrationserfahrung und besonders jene mit im Ausland erworbenen Qualifikationen vom Lehrberuf fernhält? Dieser Frage geht eine jüngst veröffentlichte Studie der GEW auf den Grund.

Symbolbild - Quelle: Canva Pro

Es mag wie ein Allgemeinplatz klingen, aber der Lehrberuf in Deutschland ist nicht gerade divers aufgestellt. Schaut man sich die Zahlen genauer an, so haben gerade einmal 11,1 % der Menschen mit einer Lehrtätigkeit an allgemeinbildenden Schulen eine Migrationsgeschichte. Das ist der zweitniedrigste Wert nach Polizei und Justiz. Zum Vergleich: Im Bereich der Reinigungstätigkeiten sind es 55,1 %, in der Gesamtbevölkerung sind es 24,4 %. Gute Gründe und gewerkschaftliches Interesse Dabei gibt es gute Gründe, dieses enorme Ungleichgewicht zu beheben. Das offensichtlichste Argument ist der Lehrkräftemangelin allen Bundesländern. Aber auch die interkulturelle Öffnung von Schule und die Chance auf eine angemessene Tätigkeit sprechen dafür, den Lehrberuf für Menschen mit Migrationserfahrung leichter zugänglich zu machen. Eine wesentliche „Baustelle“ ist hierbei, die Anerkennung von ausländischen Abschlüssen. Es ist unser ureigenes Interesse als Gewerkschaft, diesem Missstand und der Ungleichbehandlung entgegenzuwirken. Die GEW setzt sich gemäß Satzung für „die beruflichen, wirtschaftlichen, sozialen und rechtlichen Interessen ihrer Mitglieder, die Förderung von Erziehung und Wissenschaft, Ausbau und interkulturelle Öffnung der Einrichtungen, Ausbau der Geschlechterdemokratie und Beseitigung von Diskriminierung“ ein.

Befunde aus der Praxis

Um eine Faktenbasis zu schaffen, hat die nun vorliegende Studie „Verschenkte Chancen!?“ die Situation in allen 16 Bundesländern analysiert. Dort kamen migrierte Lehrkräfte ebenso zu Wort wie Expert:innen der GEW zum Thema „Anerkennungspraxis“. Darüber hinaus sollten aber nicht nur Probleme identifiziert, sondern auch mit Hilfe von Handlungsempfehlungen und Best-Practice-Beispielen Hilfen zur Unterstützung der Lehrkräfte vorgestellt werden.

Die Befunde sprechen leider eine ernüchternde Sprache: Es gibt Probleme im Anerkennungsverfahren, die Ausgleichsmaßnahmen haben häufig nur eine geringe Relevanz und sind kaum zielgruppenspezifisch. Auch sprachliche oder finanzielle Hürden ebenso wie Diskriminierungserfahrungen blockieren die Verfahren. In der Praxis kann das ebenfalls dazu führen, dass Menschen beruflich schlechter gestellt oder ganz und gar aus der Lehrtätigkeit gedrängt werden.

Thüringen insgesamt auf gutem Weg – mit Verbesserungsbedarfen

Die Thüringer Herangehensweise wurde in den Befragungen „insgesamt als eher wohlwollend ein[geschätzt]“. Jedoch muss man hier bedenken, dass

„in Thüringen im Vergleich zum Bundesdurchschnitt in Relation zur Einwohnerzahl vergleichsweise wenige Anträge auf Anerkennung in reglementierten Berufen gestellt werden“.

Dabei sind allerdings die häufigsten Anträge im Bereich der Lehrtätigkeit zu finden. Negative Bescheide ergingen bei 9 % der Anträge. Für diese Personen gibt es kaum alternative Einstellungsmöglichkeiten. Dennoch gibt es solche etwa an freien Schulen oder durch einen Quereinstieg.

Eine Thüringer Anforderung kann jedoch zu großen Schwierigkeiten führen: Der Nachweis der staatlichen Berufserlaubnis im Herkunftsland. Gerade Menschen, die aus politischen Gründen ihr Heimatland verlassen mussten, können trotz ausreichender Qualifikation mitunter diesen Nachweis nicht erbringen, da er ihnen im Herkunftsland verweigert wurde. Ein Beispiel können Lehrkräfte aus der Türkei sein. Hier muss dringend nach Alternativen gesucht werden. Ebenfalls als problematisch identifiziert wurden

„die oftmals sehr langen Bearbeitungszeiten, die beispielsweise aufgrund der Einholung externer Gutachten, aber auch durch Personalmangel bei der Anerkennungsstelle entstünden“.

Fortschritte in der Praxis ausbauen

Trotz der verbesserungswürdigen Einzelheiten kann Thüringen auf Fortschritte in der Anerkennungspraxis blicken. Unter anderem wurde der Ausbau des Informationsangebots der Anerkennungsstelle positiv bewertet, das nun wichtige Informationen zum Ablauf des Anerkennungsverfahrens umfasst. Der Schritt klingt vielleicht zunächst banal, stellte aber bisher eine nicht zu unterschätzende Hürde dar. Auch die Defizitbescheide sind nun detailliert und zudem begründet. Bisher konnten Antragstellende die Entscheidung, besonders bei teilweisen Anerkennungen, nicht nachvollziehen. Positiv zu bewerten ist ebenfalls die „Rücksichtnahme auf die wirtschaftlichen Verhältnisse der Antragstellenden und ein Kostenerlass“. Hier kann Menschen die Anerkennung erleichtert werden, die andernfalls, trotz bester Qualifikation, vor einem Verfahren zurückschrecken würden.

Weiterführende Informationen
Die Studie und weitere Informationen findet man unter: www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/gew-stelltstudie-vor-mehr-migrierte-lehrkraefte-an-die-schulen
Informationen zur Anerkennung ausländischer Berufs- und Schulabschlüsse beim TMBJS: https://bildung.thueringen.de/schule/migration/anerkennung-schulabschluss
Kontakt
Katja Nonn
Vertreterin des Landesausschusses Diversity
Adresse Heinrich-Mann-Str. 22
99096 Erfurt
Telefon:  0361 590 95 21