GEW Thüringen
Du bist hier:

Wir brauchen mehr Genderkompetenz! Ein Kommentar des Landesausschusses Diversity

Damit sich Kinder und Jugendliche jenseits von Schubladendenken selbstbewusst und gleichberechtigt entwickeln und alle Potenziale ausschöpfen können, ohne dass sie von Rollenerwartungen und Geschlechterstereotypen eingeschränkt werden, braucht es eine geschlechterkritische Bildung. Dazu benötigen wir Genderkompetenz.

01.06.2015 - Marcus Felix (Landesausschuss Diversity) (der Beitrag erschien in der tz Juni 2015)

Das bedeutet zum einen das Wissen um gesellschaftliche und kulturelle Vorstellungen von geschlechtsspezifischen Verhaltensweisen, Kompetenzen und Befugnissen, und zum anderen die Fähigkeit, so damit umzugehen, dass Kindern und Jugendlichen neue und vielfältige Entwicklungsmöglichkeiten eröffnet werden. 

Aktuell zeigt der Bildungsbericht der OECD vom März dieses Jahres, dass hier noch viel getan werden muss: Deutschland gehört zu den Ländern mit dem größten Geschlechtergefälle in der OECD, was die Einstellung der Geschlechter gegenüber Naturwissenschaften betrifft. Weniger als eines von 20 Mädchen kann sich vorstellen, später in einem MINT-Fach (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) zu arbeiten. Das ist erstaunlich, da die Geschlechter im PISA-Test Naturwissenschaften ähnliche Leistungen erbrachten. Und es ist fatal, da gerade die MINT-Berufe zu den bestbezahlten gehören. Zudem klafft der Gehaltsunterschied zwischen Männern und Frauen in kaum einem OECD-Land so stark auseinander wie in Deutschland.

Wenn wir Kindern und Jugendlichen gestatten, ihre Identität zu entwickeln und es gelingt, diese ohne Abweichungen von unseren persönlichen Normvorstellungen abzuwerten, beugen wir auch Gewalterfahrungen vor – etwa wenn sich ein Kind nicht rollenkonform verhält: So führt etwa das vermeintlich weibliche Verhalten eines Jungen zur Unterstellung, er sei schwul, einem Mädchen mit kurzen Haaren wird oft Weiblichkeit abgesprochen oder Trans-Menschen wird unterstellt, nicht den Erwartungen des empfundenen Geschlechts zu entsprechen. Relevant ist dabei auch die Auseinandersetzung mit hegemonialen Schönheitsidealen und ihren Folgen. So fühlt sich beinahe jedes zweite 15-jährige Mädchen zu dick und zeigt deshalb häufig eine deutlich geringere Lebenszufriedenheit.

2003 stellte der Pädagoge Wassilis Kassis in einer Studie zur Gewaltentwicklung bei Jungen fest, dass Geschlechterrollen eine deutliche Belastung für die Entwicklung von Jungen darstellen: Die dadurch aufgebauten Erwartungen, was ein richtiger Junge ist bzw. was ein Junge zu mögen hat, bewirken (neben der weitgehend unhinterfragten Parteilichkeit für bestimmte Spiele und Freizeitbeschäftigungen) die Fixierung auf eine körperlich-aggressive Abarbeitung sozialer Konflikte. Daher ist es unerlässlich Geschlechterrollenstereotype in Schule und Familie zu thematisieren, um Jungen zu unterstützen, damit sie Entwicklungsaufgaben nicht gewalttätig lösen müssen.

Mit Verweis auf die Menschenrechte begreift die GEW es als eine Aufgabe von Schule, alle Jungen und Mädchen, Trans- und Inter-Kinder sensibel in ihrer geschlechtlichen Sozialisation zu begleiten. „Auch deshalb mischen wir uns ein, wenn es um Bildungspläne, Qualitätsstandards, Richtlinien geht“, so Frauke Gützkow vom Vorstandsbereich Frauenpolitik. Auf dem Gewerkschaftstag 2013 entschied sich die GEW daher für die Stärkung der professionellen Handlungskompetenz der Lehrkräfte durch die Vermittlung von Genderkompetenz als Schlüsselqualifikation in der Aus- und Weiterbildung und für den Abbau von Geschlechterstereotypen und Diskriminierung von sexuellen Identitäten in Unterrichtsmaterialien.

Geschlechterkritische Bildung zeigt, dass verschiedene Eigenschaften und Lebensweisen allen offen stehen und diese dabei nicht hierarchisiert werden müssen. Das führt zu einer angst- und gewaltfreien Lebens- und Lernatmosphäre – für alle.

Zurück