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Einladung zur Diskussion

Was hält die Gesellschaft zusammen? Über Vielfalt als gemeinsame Grunderfahrung

Auf der 9. Thüringer Arbeitszeitkonferenz der Evangelischen Akademie Thüringen in Zusammenarbeit mit dem DGB und der „Allianz für den freien Sonntag“ im März 2023 wurde in einem Workshop die Frage disktiert, ob Arbeit immer noch der „Kitt der Gesellschaft“ ist, ob die Arbeitswelt die Gesellschaft zusammenhält. Diese Tagung gab den Anstoß zu den folgenden Überlegungen.

Quelle: Canva Pro

Gemeinsame Erfahrungen als Basis von Zusammenhalt

Es wurde von der Annahme ausgegangen, dass gemeinsame Erfahrungen Grundlage von Zusammenhalt sind. Familien halten zusammen, weil ihre Mitglieder zahlreiche gemeinsame Erfahrungen gemacht haben. Gleiches trifft auf andere Gruppen von Menschen zu, beispielsweise sind Schulklassen stark von Lehrer:innenpersönlichkeiten geprägt – und erinnern sich auch bei 50-jährigen Klassentreffen immer noch gerne an Erfahrungen mit diesen, was ein gewisses Gemeinschaftsgefühl aufrechterhält. Für den gesellschaftlichen Zusammenhang sind nun diejenigen Erfahrungen von besonderer Bedeutung, die alle ihre Mitglieder teilen. Ursprünglich waren das vor allem religiös begründete Rituale (Taufe, Konfirmation, Hochzeit) oder Feste (Ostern, Himmelfahrt, Pfingsten, Weihnachten), die zunehmend durch weltliche bzw. staatliche Rituale oder Feiern ergänzt oder ersetzt wurden (bspw. Jugendweihe, standesamtliche Heirat, Tag der Arbeit, Nationalfeiertag), wobei religiöse und weltliche Anlässe oft auch kombinierbar sind. Gemeinsam ist vielen dieser Rituale und Feste eine stetige Kommerzialisierung, die deren eigentliche Bedeutung meist in den Hintergrund verdrängt. Kommerzielles Interesse führt sogar dazu, dass rein regionale Bräuche weltweit vermarktet werden und als „neues Brauchtum“ in zahlreiche Gesellschaften importiert werden (bspw. „Halloween“).

Mit zunehmender Individualisierung der Gesellschaft haben ihre Mitglieder die Wahl, was sie praktizieren möchten bzw. ob sie überhaupt etwas davon annehmen möchten. Diese Befreiung von gesellschaftlichen Zwängen führt allerdings dazu, dass gemeinsame Erfahrungen fehlen bzw. von immer weniger Menschen geteilt werden. Daraus ließe sich ableiten, dass vielfältigere Gesellschaften, in denen Menschen selbstbestimmt leben können, Gefahr laufen, ihre zusammenhaltenden Elemente zu verlieren und drohen, auseinanderzubrechen.

Bietet die Arbeitswelt Raum für solche gemeinsamen Erfahrungen?

Erwerbsarbeit ist eine prägende Erfahrung. Die meisten Menschen (müssen) arbeiten, um auskömmlich leben zu können. Nicht nur die Arbeit als solche, sondern viele mit ihr verbundenen „Ereignisse“ können gemeinsame Erfahrungen darstellen: beispielsweise sind Schichtwechsel oder Betriebsferien bei Volkswagen Ereignisse, die den Lebensrhythmus ganzer Regionen und der in ihnen lebenden Menschen prägend gestalten. Oder gemeinsamer Feierabend: Am Ende eines Arbeitstages öffneten sich in Emden die Tore der Werft und hunderte von Arbeitern rollten auf ihren Fahrrädern hinaus, in Den Haag strömten tausende Menschen um 16:30 Uhr aus den Bürohochhäusern und ergossen sich in Richtung Bahnhof, um auf den nächsten Zug Richtung Zuhaue zu springen. Weihnachts- und Geburtstagsfeiern, Wandertage und Betriebsausflüge tragen erheblich dazu bei, dass kollektive Erfahrungen in der Arbeitswelt gemacht werden, aber auch einheitliche Arbeitskleidung oder gemeinsame Mittagspausen mit Kolleg:innen. Ist nicht schon die Grußformel „Mahlzeit“ ganz stark mit dem Arbeitsleben verbunden?

Allerdings ist auch die Arbeitswelt in den letzten Jahren stark der Individualisierung unterworfen: Angefangen von Gleitzeit über noch flexiblere Arbeitszeitmodelle bis hin zu mobiler und Telearbeit. Die Arbeitsstätte hat inzwischen weitgehend ihre Bedeutung als Ort der Begegnung und des Austausches verloren. Viele Kolleg:innen hat man noch nie „in echt“ gesehen – man kennt sie allenfalls vom Bildschirm, wo nur ein aufs Wesentliche fokussierter Austausch stattfindet und „Seitengespräche“ meist fehlen. Ein Geburtstagsfrühstück als Video-Konferenz ersetzt eben nicht die reale Erfahrung. Und selbst Arbeitskleidung unterliegt Moden und lässt sich individuell gestalten.

Arbeit als Weg, der Diskriminierung zu entgehen?

Und dennoch wird der Arbeit gerade in der deutschen Gesellschaft immer noch eine besonders integrierende Wirkung zugesprochen. Neulich in der Straßenbahn höre ich zufällig das Gespräch zweier junger Männer – ich vermute, einer kommt aus Syrien und der andere aus Eritrea –, die sich auf Deutsch über das Leben in Thüringen unterhalten. Einer von ihnen trägt noch seine Arbeitskleidung: „Wenn ich von der Arbeit komme, bin ich respektiert – deshalb ziehe ich mich erst daheim um. Alle können sehen, dass ich auf dem Bau arbeite. Wenn ich aber abends oder am Wochenende in Freizeitkleidung ausgehe, gibt es böse Blicke oder Bemerkungen, dann ist es die Hölle“.

Was vermag die Schule?

Am ehesten vermag es wahrscheinlich die Schule, als gemeinsamer Erfahrungsraum für einen großen Teil der Bevölkerung – Kinder, Jugendliche, Eltern und teils auch Großeltern – zu wirken, allerdings mit einer ganz starken Einschränkung: Solange es nicht „eine Schule für alle“ gibt und Schule nicht ganztags für alle stattfindet, bereiten die durch die Schulformen gebildeten unterschiedlichen Erfahrungsräume die soziale Spaltung der Gesellschaft schon früh vor.

Oder ist gerade Vielfalt das Gemeinsame?

Es wird deutlich, dass das Konzept gemeinsamer Erfahrungen als Grundlage gesellschaftlichen Zusammenhalts in unseren zunehmend von Flexibilität und Individualität geprägten vielfältigen Gesellschaften allein nicht ausreicht. Diversität ist grundlegend für moderne Gesellschaften, daher müssen Wege gefunden werden, wie der Zusammenhalt der Gesellschaft gerade auf der Vielfalt menschlichen Lebens aufbauen kann – sozusagen Vielfalt als gemeinsame Grunderfahrung aller.

Was kann der Beitrag von GEWerkschaften in diesem Zusammenhang sein?

Zunächst einmal gilt auch für die Gewerkschaftsarbeit dasselbe wie für andere Bereiche: In guter Erinnerung bleiben den Kolleg:innen die Momente, bei denen sie über die eigentlichen Sitzungen hinaus gemeinsam Zeit miteinander verbracht haben, also bei Streikaktionen, Klausurtagungen oder Gewerkschaftstagen. Das sind alles Formate, die sich nicht gut durch Videokonferenzen ersetzen lassen, wenn eine auf Zusammenhalt und Solidarität aufbauende Dynamik erreicht werden soll. Aber auch hier erleben wir Individualisierung und Flexibilisierung – die gemeinsamen
Momente werden weniger. Nun entspricht es nicht wertschätzendem Umgang mit den zeitlichen Ressourcen Ehrenamtlicher, wieder alles in Präsenz durchzuführen. Umso mehr müssen aber die weniger gewordenen Sitzungen und Veranstaltungen direkter Begegnung besonders privilegierte Momente sein, die nachhaltig Wirkung zeigen und – im positiven Sinne – unvergessen bleiben. In diesem Sinne müssen wir auch Forderungen für Weiterentwicklung des Bildungswesens und unserer Arbeitsbedingungen aufstellen.

Direkte Begegnung trotz Digitalisierung

Die letzten Jahre haben – zumeist unfreiwillig - einen enormen Digitalisierungsschub gebracht. Wir konnten feststellen, dass Lernen und Studieren auch anders geht, dass es zahlreiche (neue und gar nicht so neue) Möglichkeiten des Wissens- und Kompetenzerwerbs gibt. Und gleichzeitig haben wir erfahren, dass es ohne den direkten Austausch zwischen Lehrenden und Lernenden bzw. der Lernenden untereinander nicht geht. So ist es durchaus möglich, Teile von Schulunterricht und Hochschullehre auf andere Formate umzustellen – mit wachsender Tendenz bei steigendem Alter der Lernenden. Parallel dazu ist jedoch erforderlich, die Gelegenheiten direkter Begegnung zu besonders privilegierten Momenten auszubauen, in denen Lehrpersonen mit kleinen Gruppen arbeiten und wo die Möglichkeit eines intensiven Austauschs besteht, bei dem niemand abgehängt wird. Das kann nur funktionieren, wenn Arbeitsaufgaben und -zeit grundlegend neu gedacht werden.

Beispiel Hochschuldidaktik und -bau

Wenn beispielsweise im Hochschulbereich der Wissenserwerb auf Grundlage von Literatur und mit Unterstützung digitaler Medien erfolgt, müssen die verbliebenen „Kontaktstunden“ Gelegenheit bieten, das Gelernte zu reflektieren und in den akademischen Diskurs einzubringen, um so wissenschaftsbasierte Kompetenz aufzubauen.

Eine solche didaktische Neukonzeption ist jedoch nur möglich, wenn den Beteiligten Zeit dafür gegeben wird: Neben der Reduzierung der Präsenzveranstaltungen für die Studierenden ist eine deutliche Absenkung der Lehrverpflichtung erforderlich. Dann können Lehrmaterialien weiterentwickelt werden und die Kontaktstunden können wirklich zu privilegierten Momenten akademischen Diskurses ausgebaut werden.

Allerdings muss hierfür auch die Infrastruktur geschaffen werden: Es braucht vor allem Räume für Gruppenarbeiten und zum Selbstlernen, ergänzt um Räume sozialer Begegnung. Die digitale Infrastruktur muss ebenfalls stimmen. Auch an den Hochschulen, die bislang überwiegend von einer Sender-Empfänger-Didaktik in Hörsälen geprägt sind, ist der Weg noch weit.

Bildung für eine inklusive Gesellschaft

Und eine weitere gewerkschaftliche Aufgabe muss sein, eine inklusive Gesellschaft zu fordern, in der Vielfalt selbstverständlich ist und Diversität gelebt werden kann – am Arbeitsplatz, im Kindergarten, in der Schule oder Hochschule, überall im öffentlichen und privaten Raum.

Dem Bildungswesen kommt bei der Heranbildung einer diversitätssensiblen Gesellschaft eine entscheidende Rolle zu. Vielfalt kann hier gelebt und der wertschätzende Umgang mit ihr gelernt werden. Auf diese gemeinsame Grunderfahrung von Diversität kann dann der gesellschaftliche Zusammenhalt aufbauen.

Kontakt
Thomas Hoffmann
Stellvertretender Landesvorsitzender
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