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Gastbeitrag: Neue Wege im Schulbau

Schulbau Open Source: Staatliche Gemeinschaftsschule Weimar

Am Beginn des Neubaus der Staatlichen Gemeinschaftsschule Weimar stand ein intensiver Konzeptions- und Entwurfsprozess. Dabei standen die Perspektiven und Anforderungen der Schulgemeinschaft stets im Mittelpunkt. Gemeinsam mit der Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft und der Internationalen Bauausstellung (IBA) Thüringen entwickelte ein interdisziplinäres Team aus erfahrenen Schulbauarchitekt:innen und Fachplaner:innen daraus einen kommunikativ wirksamen, offenen Grundriss als Grundstruktur. Das Ergebnis ist ein neuer Schultyp, der den Anspruch nach Innovation mit angemessenen Mitteln umsetzt.

Baustand der Staatlichen Gemeinschaftsschule Weimar im Mai 2023 aus der Vogelperspektive © MJG, Foto: Thomas Müller

Im April 2023 fand das Richtfest statt, nach den Sommerferien 2024 soll der Neubau bezogen werden. Derzeit wird das Projekt im Rahmen der Abschlussausstellung der IBA Thüringen präsentiert.

Um die Ergebnisse allen Interessierten zugänglich zu machen, sind alle Planungsunterlagen auf der Online-Plattform „Schulbau Open Source“ der Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft öffentlich einsehbar. So soll gezeigt werden, wie sich in partizipativen Prozessen und in kritischer Auseinandersetzung mit oftmals veralteten Vorgaben und Regularien zeitgemäße Lösungen umsetzen lassen.

 

ECKDATEN
Schulform Primar- und Sekundarstufe I und II, Jenaplan-Profil
Schüler:innen ca. 380 (von insgesamt 850)
Ort Weimar, Thüringen
Baumaßnahme Ersatzneubau
Jahrgänge 1-12 altersgemischt

 

Ausgangslage

Die Staatliche Gemeinschaftsschule in Weimar befindet sich seit ihrer Gründung 1993 in einem dynamischen Entwicklungsprozess. Eine engagierte und solidarische Schulgemeinschaft betreibt unter dem Leitbild des „Jenaplan-Prinzips“ aktive Schulentwicklung. Das Schulleben basiert auf der Mitverantwortung von Kindern, Jugendlichen und Eltern. Altersgemischte Stammgruppen bilden den schulischen Sozialisationskern der Schüler:innen. Gearbeitet wird von Anfang an eigenverantwortlich und projektorientiert. Die Schule wird zum offenen Lernraum, in dem die Kinder und Jugendlichen kommunikativ voneinander, miteinander und untereinander lernen. Ort, Sozialform und Inhalte können sie im Rahmen des Lehrplans selbst wählen. Das pädagogische Team gibt Impulse, begleitet, berät und unterstützt sie auf diesem Weg.

Dieses Konzept erfährt eine hohe Nachfrage aus der Bevölkerung: Mittlerweile besuchen ca. 850 Schüler:innen die Schule, an der sämtliche Schulabschlüsse angeboten werden. Schon bald nach der Gründung reichten die Kapazitäten des Schulgebäudes in der Innenstadt nicht mehr aus. Deshalb wurde die Schule um einen Anbau erweitert und eine neue Sporthalle gebaut. Zusätzlich wurde ein Teil der Schule am Stadtrand Weimars in einem Schultypenbau aus DDR-Zeiten untergebracht.

Allerdings erforderte der hohe Sanierungsbedarf dieses zweiten Standortes dringende Entwicklungen und Investitionen. Mit der 2014 initiierten Internationalen Bauausstellung Thüringen bot sich dem Schulträger und der Schulgemeinschaft eine besondere Gelegenheit, ihre pädagogischen Konzepte und Ideen auch architektonisch umzusetzen.

Visualisierung des künftigen schulischen Lebens im Inneren der Staatlichen Gemeinschaftsschule Weimar © gernot schulz architektur

Prozess

Auf die erfolgreiche Bewerbung bei der IBA Thüringen folgte eine Vorphase, die in enger Kooperation mit der Bauhaus-Universität Weimar sowie den Kulturagenten für kreative Schulen in verschiedenen partizipativen Formaten durchgeführt wurden. Den nächsten Schritt bildete die erfolgreiche Bewerbung bei der bundesweiten Ausschreibung „Inklusive Schulen Planen und Bauen“ der Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft. Dank der Finanzierung und aktiven Mitwirkung der Stiftung konnte die nächste Entwicklungsstufe umgesetzt werden: In einer „Phase Null“ arbeiteten die Beteiligten unter der Begleitung eines erfahrenen Schulbauberater-Teams die pädagogischen Leitbilder heraus und übersetzten diese in konkrete räumliche Anforderungen.

Eine anschließende Machbarkeitsstudie untersuchte die Umsetzung der Anforderungen aus der „Phase Null“ anhand einer Variantenuntersuchung Modernisierung bzw. Neubau nach qualitativen und wirtschaftlichen Aspekten.

Im Ergebnis votierte der Weimarer Stadtrat für eine Neubaulösung.

Modell einer möglichen Innenaufteilung der Staatlichen Gemeinschaftsschule Weimar © IBA Thüringen, Foto: Thomas Müller

Die Stiftung beauftragte ein erfahrenes, interdisziplinäres Schulbauteam mit der Entwurfsleistung. In zahlreichen themenspezifischen Workshops wurde unter Fortführung der Partizipation aus der „Phase Null“ die konkrete baulich-räumliche Umsetzung unter dem Gesichtspunkt der Modellhaftigkeit entwickelt.

Neue pädagogische Anforderungen fordern von allen Fachdisziplinen ein Nachdenken über Innovationen. Deshalb trafen sich von Beginn an alle Planungsbeteiligten – Schulträger, Schule, Planung und Fachplanung – in regelmäßigen Abständen, um Herausforderungen interdisziplinär und gemeinsam zu lösen. Alle weiteren Diskussionen werden für alle einsehbar auf einer gemeinsamen Online-Plattform geführt. Auf dieser werden auch Planungsdokumente, Protokolle und Zwischenstände hinterlegt. Dieser integrative Planungsprozess hat die Umsetzung vieler Innovationen ermöglicht.

Damit innovativer Schulbau nicht einzelnen Kommunen vorbehalten bleibt, hat die Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft aus dem Bauvorhaben in Weimar die digitale Plattform „Schulbau Open Source“ entwickelt. Hier werden zukünftig weitere durch die Stiftung begleitete Modellvorhaben vollumfänglich dokumentiert, um die darin enthaltene Ideen und Lösungen zu verbreiten. Dies soll anderen ermöglichen, diese nachzuvollziehen und auf andere Gegebenheiten und Rahmenbedingungen zu übertragen.

Baustand der Staatlichen Gemeinschaftsschule Weimar im Mai 2023 aus der Vogelperspektive © MJG, Foto: Thomas Müller

Entwurfsidee

Herzstück des Entwurfes sind geschossgroße Lernlofts von ca. 400 m², in denen jeweils drei jahrgangsgemischte Gruppen zusammen lernen, arbeiten und leben. Reine Erschließungsflächen – also Flure – werden vollständig in die pädagogischen Programmflächen integriert. Die vertikale Erschließung wird in den Außenraum verlagert.

 

Visualisierung der künftigen Außenfassade der Staatlichen Gemeinschaftsschule Weimar © gernot schulz architektur

Der Ausbau ist vom Rohbau klar getrennt, damit dieser an die pädagogische Entwicklung angepasst werden kann. Raumhöhe und -tiefe der Lernlofts basieren auf den Proportionen für eine natürliche Lüftung, daher kann auf den Einsatz aufwendiger Lüftungstechnik weitgehend verzichtet werden.

Isometrieskizze der Staatlichen Gemeinschaftsschule Weimar © Studio Urbane Landschaften

Ein wesentlicher Beitrag zur Nachhaltigkeit des Entwurfs ist die kleinteilige Gebäudestruktur aus drei baugleichen Baukörpern mit offenen Grundrissen. Diese ermöglicht, dass die einzelnen Gebäudeteile leicht umgenutzt werden können. Die Versiegelung der Freiflächen kann weitgehend vermieden werden. So wird der umgebende Freiraum statt zum Schulhof zum vielseitig nutzbaren Park, der auch für die Nachbarschaft zugänglich ist.

Der neue Campus der Staatlichen Gemeinschaftsschule Weimar © gernot schulz architektur mit Ponnie Images
Projektbeteiligte
Architektur: Hausmann Architekten GmbH (Phase Null, Objektplanung Leistungsphasen 1 bis 2); gernot schulz architektur GmbH (critical friend Leistungsphasen 1 bis 2, Objektplanung Leistungsphasen 3 bis 9, mit Ernst² Architekten AG Objektplanung (Leistungsphasen 6 bis 9)
Freianlagenplanung: arge studio urbane landschaften (Leistungsphasen 1 bis 5); Station C23 (Leistungsphasen 4 bis 8)
HLS-Planung: Ingenieurbüro Hausladen GmbH (Leistungsphasen 1 bis 3); IEB Haustechnik (Leistungsphasen 4 bis 6)
Pädagogische Beratung: Walter Heilmann; Akustik: Hoock & Partner Sachverständige PartG mbB (Leistungsphasen 1 bis 6)
Bauphysik: Ingenieurbüro Hausladen GmbH (Leistungsphasen 1 bis 6)
Beratung Küchenplanung und Verpflegungskonzept: Ökomarkt e.V.; Brandschutz: IBC Ingenieurbau-Consult GmbH
Elektroplanung: Fruth, Grässner & Partner GmbH (Leistungsphasen 1 bis 3); STF Energy GmbH (Leistungsphasen 4 bis 6);
Risikomanagement: Ingenieurbüro BMPesch;
Tragwerksplanung: Ingenieurbüro Matthias Münz (Leistungsphasen 1 bis 3); Leonhardt, Andrä und Partner Beratende Ingenieure VBI AG (Leistungsphasen 4 bis 6).

 

 

 

Kontakt
Peter Sich
Referent für Öffentlichkeitsarbeit - Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft
Adresse Raiffeisenstraße 5
53113 Bonn
Telefon:  0228 267 16 310
Auf der Titelseite der tz vom Juni 2023 und hier im Hintergund zu sehen ist der neue Campus der Staatlichen Gemeinschaftsschule Weimar © gernot schulz architektur mit Ponnie Images