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Was nicht erwähnt wird, wird nicht gedacht

Eindrücke aus der diversitätsbewussten Schulbuchanalyse der AG LSBT*I* der GEW.

01.06.2018 - Marcus Heyn - Sprecher der AG LSBT*I* der GEW

  • Warum eine Schulbuchanalyse?

Die Schulbuchforschung versteht Lehr- und Lernmaterialien theoretisch als Politikum, Informatorium und Paedagogicum, denn sie sind „eingebettet in einen politischen, pädagogisch-didaktischen und gesellschaftlich-ökonomischen Kontext“ [1]. Vor diesem Hintergrund wird das in ihnen zu vermittelnde Wissen von verschiedenen Akteur*innen ausgehandelt. In Folge dessen bilden Schulbücher „Wissen nicht einfach nur neutral ab, sie produzieren Wissen je nachdem welche Begriffe, Inhalte, Forschungsergebnisse, Kritikpunkte aufgegriffen werden oder nicht aufgegriffen werden, wodurch sie auch gesellschaftlichen Einfluss nehmen.“ [2] Die Aufbereitung von Informationen in Lernmitteln prägt damit den geheimen Lehrplan im Schulalltag mit. Aus diesem Grund sind Schulbücher immer wieder Gegenstand der Bildungsforschung – und das nicht erst seit Kurzem.

Eine der frühen Untersuchungen zur Darstellung von Geschlecht stammt z. B. von Renate Rauch (1977), die klischeehafte Frauenbilder in Schulbüchern als Legitimation für die gesellschaftliche und rechtliche Benachteiligung von Frauen in der BRD aufdeckte. [3] Später zeigte Detlev Franz in bundesdeutschen Biologiebüchern Rassismen (u.a. Befürwortung von Eugenik) und Sexismen (u. a. Pathologisierung von Homosexualität), die noch bis in die 1980er Jahre auf nationalsozialistische Denkmuster zurückgriffen. [4] Eine neuere Schulbuchanalyse, die neben Geschlechterdarstellungen auch auf verschiedene sexuelle Identitäten fokussiert, stammt von Melanie Bittner im Auftrag der GEW (2012).

In Anlehnung an diese gleichstellungsorientierten Untersuchungen nahm die AG Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans* und Inter* (kurz: LSBT*I*) der GEW in ihrer  Frühjahrssitzung im April dieses Jahres eine diversitätsbewusste Lektüre aktueller Schulbücher insbesondere der Fächer Geschichte, Englisch, Politik/Gesellschaftslehre und
Biologie vor. Wenngleich die Untersuchung nicht als repräsentativ gelten kann – schon allein, weil nur die Verlagsgruppe Westermann und Cornelsen dankenswerter Weise Lehrmittel zur Verfügung gestellt haben – sollen im Folgenden Tendenzen aufgezeigt werden, die in der gemeinsamen Überblicksarbeit herausgestellt wurden. 

  • Vielfalt in der Bildsprache

Bilder und Abbildungen illustrieren nicht nur Lehrinhalte, sie reproduzieren auch Vorstellungen von Wirklichkeit. Dass sich Verlage zunehmend bemühen in der Bildsprache vielfaltssensibler zu sein, ist ein Ergebnis der Untersuchung. Doch noch immer schleichen sich No-Nos in die Darstellungen ein: So wird in Erlebnis Biologie für die Jahrgangsstufen 7 und 8 in Baden-Württemberg (Verlagsgruppe Westermann) der Aspekt der sexuellen Identität (nur) mit einer Drag Queen bebildert (S. 120).

Beim Thema Nahrungsbeschaffung werden frühere Methoden mit dunkelhäutigen Menschen in Lendenschutz bebildert, die mit Pfeil und Bogen in der Savanne jagen, während die heutige Art der Nahrungsmittelbeschaffung mit einem Besuch weißer Menschen im Supermarkt illustriert wird (S. 61). Auch beim Thema Körperbau und Bewegung (S. 38) werden weiße Menschen beim Kraftsport und in High-Heels gezeigt, die einzige Abbildung von People of Colour im gesamten Kapitel erfolgt exotisierend beim Tragen von schweren Lasten auf dem Kopf. Menschen unterschiedlicher Hautfarben werden in den untersuchten Büchern überwiegend marginalisiert. Wenn, dann tauchen sie gezielt in Kontexten auf, in denen die Unterschiedlichkeit von Menschen bzw. von Gepflogenheiten besprochen wird – und dann vielfach als Bewohner*innen anderer Kontinente. Das ist rassistisch und eines Einwanderungslandes nicht würdig.

Positive Ausnahmen bei der Sichtbarkeit ethnischer Vielfalt bilden die Englischbücher Headlight 6 und Lighthouse 3 von Cornelsen. Allerdings kommen auch hier Menschen mit körperlicher oder geistiger Beeinträchtigung zu selten vor. Wenn, dann stereotyp im Rollstuhl. 

  • Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt

Zwar tauchen vielfältige Liebensformen mittlerweile in beinah allen untersuchten Lehrbüchern auf (negative Ausnahmen bilden o. g. Englischbücher), diese werden immer seltener gesondert als Exkurs verhandelt. Allerdings wird das zweigeschlechtliche Ideal in nur wenigen Fällen aufgebrochen – Trans*-Personen tauchen in nur zwei Lehrwerken und nur im Fach Biologie in Text und Bild auf: In Fachwerk Biologie 7-9 für Baden-Württemberg (Cornelsen) und in Erlebnis Biologie 7/8 ebenfalls für Baden-Württemberg (Westermann). Intersexualität wird in einigen Biologiebüchern besprochen, allerdings beinah ausnahmslos im Kontext von Erbkrankheiten. Queere Menschen können nur mit wohlwollendem Blick dann und wann ausgemacht werden. Viel zu oft werden die Geschlechter noch immer mit den Farben Blau und Rosa markiert.

Am wohlwollendsten stellt Biologie heute für die Jahrgangsstufen 9 und 10 für Niedersachsen (Verlagsgruppe Westermann) sexuelle und geschlechtliche Vielfalt dar.  Unaufgeregt wird die „Vielfalt in Liebe, Sexualität und beim Geschlecht“ (S. 92) ausbuchstabiert: Heterosexualität, Bisexualität und Homosexualität werden definiert, das biologische Geschlecht (sex) und das psychische Geschlecht (gender) werden differenziert, Intersexualität und Transsexualität werden genannt. Die Textsprache lässt zwar an einigen Stellen die nötige Sensibilität vermissen, etwa wenn „Transsexuelle“ von „Transvestiten“ darin unterschieden werden, dass erstere Medikamente nähmen und sich  operieren ließen, „um so weit wie möglich dem anderen Geschlecht ähnlich zu sehen“, während letztere lediglich „die Kleidung des anderen Geschlechts“ (S. 93) trügen. Die Abgrenzung ist ebenso oberflächlich wie diskriminierend. Dem Biologiebuch muss allerdings zugutegehalten werden, dass in Lernaufgaben reflektiert wird, weshalb Menschen  fordern, die häufig pathologisierenden Attribute „transsexuell“ durch „transidentisch“ und „intersexuell“ durch „inter*“ zu ersetzen. Ebenso wird das Personenstandsgesetz problematisiert, demgemäß „die Angabe des Geschlechts im Geburtenregister weggelassen werden“ kann, wenn das Kind uneindeutige Geschlechtsmerkmale aufweist (ebd.).  Dies schaffe eher Probleme, als dass es Intersexuellen helfe – die Lernenden werden aufgefordert, dazu Stellung zu beziehen. 

Ein Beispiel für „gut gemeint, aber schlecht gemacht“ zeigt das Ethik-Buch Respekt 2 von Cornelsen für die Klassenstufen 7/8 in Berlin. Gleichgeschlechtliche Liebe wird hier anhand der „Verbotenen Liebe von Delphinen“ besprochen (S. 37). Zwar mag die Schilderung, dass „drei Viertel aller männlichen Großen Tümmler […] in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften“ leben, beispielgebend dafür sein, dass Homosexualität naturgegeben ist und nicht etwa eine Einstellungs- oder Entscheidungsfrage, doch anhand tierischer Verhaltensmuster die Kriminalisierung und Pathologisierung von Homosexualität sowie die „Rechte und Pflichten [?] homosexueller Paare“ (ebd.) zu besprechen, ist irreführend und wird den emotionalen Aspekten von Liebe und Partnerschaft nicht gerecht.

Dass Bildungsplanvorgaben in den Ländern ihre Wirkung in Unterrichtsmaterialien entfalten, zeigen die untersuchten Biologie- und Politiklehrbücher aus Baden-Württemberg mustergültig. Die weitgehend wertschätzende Thematisierung sexueller und geschlechtlicher Vielfalt in den Lehrwerken kann als Effekt der Forderungen des baden-württembergischen Bildungsplanes verstanden werden. So werden auch nur in diesen Lehrwerken „Transsexualität“ benannt und bebildert sowie die zunehmende Sichtbarkeit und Gleichstellung von LSBT*I* als Errungenschaft des emanzipatorischen Kampfes um Gleichberechtigung besprochen: Fachwerk Biologie 7-9 (Cornelsen) und Politik direkt 7/8 (Westermann). Ersteres ist auch das einzige Lehrwerk, das mit Eigendefinitionen statt mit Fremdzuschreibungen arbeitet. Beispiel: „Homosexuelle Männer bezeichnen sich selbst als schwul, homosexuelle Frauen sich als lesbisch“ (S. 288).

  • Familien- und Rollenbilder

Die untersuchten Werke arbeiten mit verschiedenen Familienbegriffen. Das Arbeitsbuch für Politik und Wirtschaft Team für die gymnasialen Jahrgangsstufen 5/6 in Nordrhein-Westfalen (Verlagsgruppe Westermann) beispielsweise definiert Familie normativ (ohne Angabe von Quellen), wodurch kinderlose Paare und andere Beziehungskonstellationen ausgeschlossen werden (S. 61). Die Lernenden werden in einer Aufgabe außerdem aufgefordert „echte Familien“ zu identifizieren (ebd.). Demgegenüber leitet der Cornelsen-Verlag in Politik entdecken für die gymnasialen Jahrgangsstufen 7/8 den Familienbegriff etymologisch her (lateinisch „Hausgemeinschaft“), wodurch ein inklusiver Einstieg ermöglicht wird. Kinder unterschiedlicher Familienformen kommen hier zu Wort, die sowohl Vor- als auch Nachteile ihres Familienlebens benennen. Im Anschluss werden die Lernenden angeregt, ihre eigene Definition von Familie zu finden (S. 117).

Erfreulicher Weise widmen sich alle untersuchten Politik- und Gesellschaftskundebücher der real gelebten Familienvielfalt, setzen sich mit Rollenvorstellungen innerhalb von Familien auseinander und fordern den Respekt gegenüber „neueren“ Familienformen ein. Das gelingt in den Lehrwerken allerdings recht unterschiedlich: In Menschen
Zeiten Räume
für die Jahrgangsstufe 6 in Berlin und Brandenburg
 wird im Kapitel „Jeder ist anders“ zwar die soziale Vielfalt in der Gesellschaft thematisiert, aber Geschlechterstereotype werden nach wie vor reproduziert: Mädchen tanzen und lesen laut der Steckbriefe gern, während die Jungen lieber Computer und Basketball spielen (S. 102-103).

Darüber hinaus werden Regenbogenfamilien zwar benannt, aber von Eltern- Kind-Familien abgegrenzt (S. 106) und nicht bebildert. Homosexualität wird lediglich im Kapitel Minderheitenschutz definiert. Gleichsam verhält es sich in der Ausgabe der Reihe Menschen Zeiten Räume für die Klassen 7/8 in Baden-Württemberg. Hier wird zur Abbildung von zwei Müttern mit zwei Kindern gefragt, „was daran ungewöhnlich ist“ (S. 70).

Als Minderheiten werden des Weiteren „abweichende Religionen“ (S. 70) genannt. Im Anschluss daran sollen Gruppen genannt werden, die „von den ‚vorherrschenden Sitten und Verhaltensweisen‘ abweichen“ (ebd.). Dadurch wird offensiv Othering betrieben, die Markierung anderer Gruppen durch Distanzierung oder Differenzierung von einem mutmaßlichen gesellschaftlichen Konsens, um damit die eigene vermeintliche Normalität zu bestätigen. Mit Minderheitenschutz lässt sich das nicht vereinbaren. 

  • Diskriminierung und Gewalt 

Erfreulich ist, dass in vielen Lehrwerken familiäre und schulische Konfliktsituationen sowie Mobbing thematisiert werden, um konstruktive Lösungsvorschläge zu besprechen und um Gewalt und Missbrauch zu ächten. Mehrfach wird Toleranz gegenüber den vermeintlich „Anderen“ eingefordert und Empathie durch Fallgeschichten und Rollenspiele eingeübt. Dass trotz der zunehmenden rechtlichen Gleichstellung die soziale Gleichberechtigung noch aussteht, wird in verschiedenen Kontexten aufgegriffen. In  diesem Zusammenhang werden Sexismus, Rollenklischees und Ausgrenzung mit Verweis auf die Grundrechte dekonstruiert und unter Einbeziehung neuer Medien diskutiert. Während allgemein die Funktion der Medien sowie ihre Beeinflussung der öffentlichen Meinung in allen untersuchten Sozialkunde- und Politiklehrbüchern besprochen werden, sticht die Politik erleben-Reihe der Westermann-Verlagsgruppe für die Klassenstufen 7 bis 10 dadurch heraus, dass sie sich der Gefahren digitaler Kommunikation und sozialer Medien  widmet: Vom Umgang mit dem Smartphone und der Nutzung von Informationen im Internet, über das Erkennen von Fake News sowie das Verhalten auf Plattformen und Dating-Portalen, bis hin zu Interventionsmöglichkeiten bei Hate Speech und Cyber-Mobbing – in teils kreativen und interaktiven Aufgaben werden die Schüler*innen angeregt, ihre Informations- und Medienkompetenzen zu schulen. 

Die Bedeutung der Pressefreiheit für die Demokratie wird in der Politik erleben-Auflage für die neuen Bundesländer von 2017 vor dem Hintergrund wieder zunehmender Angriffe  auf Journalist*innen und der Diffamierung der Medien besprochen. In diesem Zusammenhang wird der Kampfbegriff „Lügenpresse“ als leerer Signifikant demaskiert,  der u. a. von der Pegida-Bewegung popularisiert wurde, um pauschal jene Medien zu diskreditieren, die nicht die fremdenfeindlichen und nationalistischen Positionen vertreten.  Die Schüler*innen werden angehalten zu reflektieren, womit der Hass auf die Medien vereinzelt legitimiert wird und wie sehr es „Pressefreiheit und Demokratie“ gefährdet, wenn Journalist*innen „von Teilen der Bevölkerung beschimpft und bedroht werden“ (S. 211).

Auch die Bedeutung von Inklusion wird nun häufiger angesprochen. Die Westermann-Verlagsgruppe lässt z. B. im Politik- und Wirtschaftsbuch Team Kinder zu  Ausgrenzungserfahrungen zu Wort kommen. Leider wird der Inklusionsbegriff hier allerdings auf das gemeinsame Lernen von Kindern mit und ohne Beeinträchtigungen  eingeengt. Die Diversitätssensibilität ist dahingehend in allen untersuchten Schulbüchern weiter ausbaubar.

  • Der Umgang mit HIV

Leider ist auch ein unaufgeregter und differenzierter Umgang mit der erworbenen Immunschwäche noch immer keine Selbstverständlichkeit. So fragt etwa das Lehrbuch  Erlebnis Biologie für die Jahrgangsstufen 7 und 8 in Baden-Württemberg (Verlagsgruppe Westermann) auf Seite 212: „Wie groß ist das Risiko sich mit AIDS zu infizieren?“ (der Erreger ist HIV, AIDS ist ein Symptomkomplex) und attribuiert AIDS später reißerisch als „tödliche Infektionskrankheit mitten unter uns“ (S. 214). An Aktualität mangelt es  ebenso: So ist von einer „Kombination aus mehreren Medikamenten“ die Rede, die „starke Nebenwirkungen“ haben. Die Verträglichkeit der antiretroviralen Therapie ist inzwischen so hoch, dass sie HIV-positiven Menschen die gleiche Lebenserwartung ermöglicht wie einem HIV-negativen Menschen. Dass sie darüber hinaus einen ebenso  verlässlichen HIV-Schutz wie das Kondom garantiert (Stichwort: „Schutz durch Therapie“) und Familienplanung ermöglicht, bleibt in den untersuchten Biologiebüchern  unerwähnt. Nach wie vor werden angstgenerierende Bilder reproduziert, die einen sensiblen Umgang mit HIV erschweren und HIV-positive Menschen nicht aus der alltäglichen Stigmatisierung befreien. 

Als Anregung für die Reflexion von diskriminierenden und geschlechterstereotypen Darstellungen in Lehrmaterialien hat die AG LSBT*I* bereits 2013 die Broschüre „Geschlecht und sexuelle Vielfalt – Praxishilfen für den Umgang mit Schulbüchern“ erstellt. Diese vereint ebenso Praxistipps für die Fächer Deutsch, Geschichte, Sozialkunde, Biologie und Fremdsprachen. 

 


[1] Wiater, Werner (2003): Schulbuchforschung in Europa – Bestandsaufnahme und Zukunftsperspektive. S. 12.
[2] GEW (2012): Geschlechterkonstruktionen und die Darstellung von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Trans* und Inter* (LSBTI) in Schulbüchern. Eine gleichstellungsorientierte Analyse von Melanie Bittner im Auftrag der Max-Traeger-Stiftung. Frankfurt a.M. S. 13.
[3] Rauch, Renate (1977): Bollwerk des Patriarchats. Klischees in Schulbüchern. In: Betrifft: Erziehung. S. 70-74.
[4] Franz, Detlev (1993): Biologismus von oben.

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