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Erfahrungsbericht Von einer, die auszog, als Wissenschaftlerin an der Hochschule zu arbeiten

Das Wissenschaftssystem braucht gute Hochschulabsolvent*innen, behandelt als Arbeitgeber wissenschaftliche Mitarbeiter*innen aber schlecht: häufig Teilzeitstellen, kurze Befristungen, selbst nach Jahren noch unsichere Perspektive. Im deutschen Wissenschaftssystem ist man/frau „Nachwuchswissenschaftler*in“ – und das gern auch mit 50 Jahren und viel Erfahrung - , solange man nicht auf eine Professur berufen ist. Und die sind rar.

05.10.2020 - Anonym (Der Name ist der Redaktion bekannt.)

Als ich mit 19 Jahren mein Einser-Abitur in der Hand hielt, war ich überglücklich, denn für jemanden, der wie ich aus nichtakademischen Kontexten stammte (mein Vater hatte die Hauptschule absolviert, meine Mutter die Realschule), war das nicht selbstverständlich. Das Studium machte mir Freude und ich staunte über die neue Welt, die sich hier für mich auftat und mit über ganz andere Möglichkeiten, als ich sie aus meinem Umfeld kannte. Als ich nach dem Studium die Chance hatte, eine Doktorarbeit zu schreiben und dafür sogar, erstmals, ein Stipendium erhielt, überlegte ich deshalb nicht lange.

Spannende Projekte, die Bedenken kommen erst später

Nach dem Rigorosum teilte mir mein Doktorvater mit, dass er mir eine Stelle in einem Drittmittelprojekt vermitteln könne. Die Stelle war zwar zunächst nur eine Teilzeitstelle (später wurde sie aufgestockt) und befristet, aber ich dachte wieder nicht lange nach, denn er machte mir Hoffnung auf eine folgende befristete Stelle, ja sogar auf eine unbefristete Stelle am selben außeruniversitären Institut. Dass die Stelle nicht mit einer Möglichkeit zur Habilitation verbunden war, erschien mir damals nicht als Problem. Es lief ja gut. Ich konnte weiterhin an den Themen arbeiten, über die ich schon während meiner Promotionsphase geforscht hatte, die Arbeit war spannend und machte mir Freude. Als wieder nur ein befristeter Vertrag folgte, hatte ich noch keine Bedenken. Die bekam ich erst, als es zu spät war. Mein Doktorvater wurde pensioniert, und ein weiterer befristeter Vertrag lief aus. Meine Stelle in dem immer noch laufenden Projekt wurde mit einer anderen Person besetzt, nachdem mein Doktorvater mich nicht mehr unterstützen konnte und eine neue Leitung eigene Schüler*innen unterbringen wollte.

Alternativen außerhalb der Wissenschaft sind verbaut

Das war der Zeitpunkt, an dem ich erstmals über Alternativen außerhalb der Wissenschaft nachdachte. Leider musste ich dabei feststellen, dass ich für viele Stellen entweder schon zu alt war oder dass mir Qualifikationen fehlten, die man im akademischen Mittelbau kaum erwerben kann, wie etwa Führungserfahrung. Studentische Hilfskräfte angeleitet zu haben, reichte nicht aus. Fortbildungen, die mir weitergeholfen hätten, waren mit hohen Kosten verbunden und mir deshalb versperrt. Weil ich von meiner Familie und meinem Partner, der ebenfalls eine befristete Stelle hatte, kaum finanzielle Unterstützung erwarten konnte, musste ich erneut eine befristete Stelle im akademischen Mittelbau suchen. Das ist mir noch ein paar Mal, mal sehr kurz, mal etwas länger, an teils renommierten Institutionen gelungen, mal an einer Universität, mal an außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Dabei kam mir zugute, dass es mir immer wieder gelang, Kontakte zu Wissenschaftler*innen in Führungspositionen zu knüpfen, denn die meisten Stellen wurden zwar ausgeschrieben, letztlich aber doch über Kontakte vergeben. Mehrere vielversprechende Projektanträge, die mir längerfristig eine Stelle verschafft hätten, scheiterten kurz vor dem Ziel. 

Selbstständigkeit unter prekären Bedingungen als einziger Ausweg?

Mir ist klar, dass nun bald Schluss sein wird und dass mir – ohne die auf meinem Qualifikationslevel geforderte Führungserfahrung – dann nur noch die Möglichkeit bleibt, mich unter prekären Bedingungen selbstständig zu machen. Ich arbeite, nachdem ich erstmals eine etwas länger befristete Stelle habe, die das ermöglicht, zwar an einem Habilitationsprojekt, bin aber inzwischen letztlich zu alt, um noch eine Professur zu bekommen. Die wenigen unbefristeten Stellen, die es in meinem Bereich im Mittelbau gibt, werden in der Regel mit Bewerber*innen besetzt, die vorher maximal eine oder zwei Arbeitsstellen hatten. 

Kettenverträge und die Folgen

Weil ich mich seit dem Ende meiner ersten Kettenverträge stets deutschlandweit beworben habe, waren mit Arbeitsplatzwechseln immer Umzüge verbunden. Die Miete wurde mit jedem Umzug höher und die Entfernung von meinem Partner mal kürzer, mal länger. Kinder konnten wir unter diesen Umständen keine bekommen. Auch der Erwerb von Wohneigentum, für den man einen Kredit hätte aufnehmen müssen, war unmöglich. Solidarität unter den prekär beschäftigten Kolleg*innen ist leider rar. In einer Online-Diskussion zu ungewollter Teilzeitarbeit „wünschte“ mir einmal ein Kollege, dass ich bald ALG II bekomme.

Es ist klar, dass es befristete Qualifikationsstellen und befristete Stellen in Projekten geben muss. Der gänzliche Verzicht auf Dauerstellen im akademischen Mittelbau ist aber eine Vergeudung von Talenten und zerstört Lebenschancen.

Von dem Glück, das ich bei der Abiturfeier empfunden habe, ist mir über die Freude an Forschungsergebnissen hinaus leider nicht viel geblieben.