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Studie zur Fachkräftesituation in Thüringer KindertageseinrichtungenThüringen drohen dramatische Engpässe bei Kita-Erzieher*innen

Wir mahnen seit langem attraktivere und tarifrechtlich gesicherte Arbeits- und Ausbildungsbedingungen im Arbeitsfeld Kita an. Eine Studie bestätigt nun: andernfalls drohe ein hausgemachter, landes- und kommunalpolitisch zu verantwortender Fachkräftemangel.

28.04.2020 - Nadine Hübener

Eine Studie des Arbeitsbereichs Arbeit-, Industrie- und Wirtschaftssoziologie der Friedrich-Schiller-Universität (FSU) Jena analysiert die Situation der Fachkräfteentwicklung bis zum Jahr 2030. Sie wurde vom Thüringer Landesförderverein Kindertagesstätten e.V. (TLfK) gemeinsam mit den beiden Gewerkschaften GEW und ver.di in Auftrag gegeben.

Der Leiter des Arbeitsbereiches, Prof. Dörre, fasst die Ergebnisse folgendermaßen zusammen: „Die Arbeit in den Kitas ist geprägt von steigenden fachlichen Anforderungen bei zugleich niedrigen Personalschlüsseln und hohen krankheitsbedingten Ausfällen. Weil die Renteneintritte steigen und die Absolventenzahlen sinken, wird es zu einer Verschärfung der bereits heute bestehenden Fachkräfteengpässe in Perspektive 2030 kommen. Wird auch zukünftig vor allem in die Beitragsfreiheit investiert, drohen Versorgungsengpässe und eine Verschlechterung der Betreuungsqualität.“

Die Auftraggeber sehen angesichts der pädagogischen Herausforderungen, der demographischen Fakten und der Fachkräftesituation dringenden Handlungsbedarf für die Landes- und Kommunalpolitik. Die Vorsitzende des TLfK e.V., Bettina Löbl, schlussfolgert: „Man muss keine Hellseherin sein um vorherzusagen, dass sich die Lage in den Kindergärten dramatisch zuspitzen wird. Wenn immer weniger Erzieher*innen zur Verfügung stehen, müssen Öffnungszeiten verkürzt und im schlechtesten Fall Kindergärten geschlossen werden.“

Kathrin Vitzthum, Landesvorsitzende der GEW, betont: „Anhand der Studie wird deutlich, dass zu den Arbeitsbedingungen von Erzieher*innen auch deren Entgelte gehören. Zur Sicherung sowohl des aktuellen als auch eines zukünftigen Fachkräftebedarfs bedarf es einer materiellen Aufwertung des Berufes. In Thüringen lässt sich dies am stärksten durch die Anwendung von guten, das bedeutet am TVöD orientierten, Tarifverträgen realisieren. Gerade die Corona-Krise zeigt, dass Beschäftigte und Einrichtungen unter dem Schutz von Tarifverträgen besser durch schwere Zeiten kommen als andere.“

Die Geschäftsführerin von ver.di Thüringen, Corinna Hersel, sagt dazu: „Durch die Studie wird offenbar, dass Thüringen in den nächsten Jahren Anstrengungen unternehmen muss, um den aktuellen wie auch zukünftigen Fachkräftebedarf zu erfüllen. Die Ausbildungsplätze und Studienangebote für Fachkräfte müssen erhöht und die Ausbildung attraktiver gestalten werden. Dafür müssen Gebühren und das Schulgeld abgeschafft, die staatlichen Berufsschulen gestärkt, die praxisintegrierte Ausbildung und ihre tarifliche Vergütung flächendeckend eingeführt und Möglichkeiten eines qualifizierten Quereinstiegs eröffnet werden.“

Die Auftraggeber erwarten, dass sich Landes- und Kommunalpolitik konstruktiv mit den Ergebnissen befassen. Noch in der laufenden Legislaturperiode sei eine Novellierung des ThürKITAG und die Berücksichtigung in den Haushalten des Landes und der Kommunen erforderlich.

Die zentralen Ergebnisse der Studie zur Fachkräftesituation in Thüringer Kindertageseinrichtungen lauten:

  • Aufgrund steigender Renteneintritte müssen bis zum Jahr 2030 rund 40% des pädagogischen Personals ersetzt werden. Gleichzeitig ist von 2015 bis 2019 die Zahl an Absolvent*innen, die an Thüringer Fachschulen eine Erzieherausbildung absolvieren, von 1.117 auf 795 gesunken. Weil auch in vielen anderen Branchen händeringend Nachwuchs gesucht wird, sind immer weniger junge Menschen bereit, die fünf Jahre lange und unvergütete Ausbildung zu absolvieren.
  • Hinzu kommt, dass es in den alten Bundesländern aufgrund von Geburtenanstiegen, Zuwanderung und wachsenden Betreuungsquoten eine stark steigende Nachfrage und große Engpässe an pädagogischem Personal gibt. Weil die Personalschlüssel deutlich besser und die Löhne erheblich höher sind, ist von steigenden Abwanderungszahlen auszugehen. Besonders in ländlichen und in grenznahen Regionen gibt es in Thüringen bereits heute zum Teil große Schwierigkeiten, offene Stellen zu besetzen.
  • Ohne politische Gegenmaßnahmen werden sich die bereits heute bestehenden Engpässe in Perspektive 2030 zu einer deutlichen Mangelsituation ausweiten. In der Folge drohen nicht nur Schließungen und Versorgungsengpässe, sondern vor allem eine Verschlechterung der Betreuungsqualität. Auf Grund des Personalmangels und der hohen Ausfallzeiten liegen die Fachkraft-Kind-Relationen schon jetzt zum Teil unterhalb der gesetzlichen Vorgaben. Diese wiederum liegen deutlich unterhalb dessen, was zahlreiche Experten überhaupt als Voraussetzung für gelingende frühkindliche Bildungs- und Entwicklungsprozesse benennen.
  • Wie die vorliegende Studie zeigt, ist eine gute Kindertagesbetreuung wünschenswerter Weise gebührenfrei, bedarf aber zunächst der Fachkräftesicherung und einer Aufwertung des Berufsfeldes. Diese Teilziele sind eine notwendige Voraussetzung, um den Beruf attraktiv zu machen, damit die gute Infrastruktur und die hohen Betreuungsquoten in Thüringen verstetigt werden kann. Zugleich kann nur so eine Betreuungsqualität gewährleistet werden, die tatsächlich dem Anspruch gerecht wird, Erziehung und Bildung im Kleinkindalter als eine sehr wichtige gesellschaftliche Aufgabe zu definieren.

Mit diesen zentralen Ergebnissen lassen sich folgende Fragen beantworten:

Wie groß ist der Bedarf an pädagogischem Personal in Thüringer Kitas in Perspektive 2030?

Aktuell arbeiten rund 14.500 Personen als pädagogisches Personal in Thüringer Kitas (ohne Leitungskräfte). Bis 2030 werden aufgrund von Renteneintritten in der erwartbaren Variante rund 6.000 neue Fachkräfte benötigt (Tabelle 1, V2). Würden die Personalschlüssel auf ein Niveau angehoben werden, wie es unter anderem die Bertelsmann Stiftung fordert, würden rund 19.000 zusätzliche Fachkräfte gebraucht.

Gibt es einen Mangel an pädagogischem Personal in Thüringer Kitas in Perspektive 2030? (Abgleich von Nachfrage und Angebot)

Voraussichtlich werden bis 2030 etwa 7000 Erzieher*innen in Thüringen ausgebildet. Auf den ersten Blick gilt daher: Solange mindestens 85% der ausgebildeten Erzieher*innen in Thüringen verbleiben, deckt die AbsolventInnenzahl rein rechnerisch den Fachkräftebedarf ab (Abb. 1, V2). Davon ist aus einer Reihe an Gründen nicht auszugehen (vgl. Studie Kap. 7). Zudem gilt: Bereits heute gibt es Fachkräfteengpässe.

Würde die Fachkraft-Kind Relation auf das von Bertelsmann geforderte Niveau steigen (V3), gäbe es in Thüringen rund 10.450 ErzieherInnen zu wenig (und das obwohl in diesem Szenario aufgrund der verbesserten Beschäftigungsbedingungen bereits von steigenden Absolventenzahlen und einer erhöhten Übergangsquote in den Kita-Bereich ausgegangen wird).

Hintergrund:

Die Studie wurde in Verantwortung des Arbeitsbereichs Arbeit-, Industrie- und Wirtschaftssoziologie der Friedrich-Schiller-Universität (FSU) Jena erstellt. Sie sollte nach Auffassung der drei Auftraggeber eine wesentliche Grundlage für die Sicherung und Weiterentwicklung der frühkindlichen Bildung und Betreuung im Freistaat sein. Der TLfK e.V. war maßgeblicher Initiator des damaligen Volksbegehrens „Für eine bessere Familienpolitik“ und setzt sich seit Anbeginn für eine dem Bildungsanspruch in der frühkindlichen Förderung gerecht werdende Personalausstattung ein. Die beiden DGB-Gewerkschaften GEW und ver.di - ebenfalls Mitglieder des genannten Volksbegehrens - sind u.a. zuständig für das gesamte Personal in der frühkindlichen Förderung. Sie mahnen seit langem attraktivere und tarifrechtlich gesicherte Arbeits- und Ausbildungsbedingungen im Arbeitsfeld an. Andernfalls drohe ein hausgemachter, landes- und kommunalpolitisch zu verantwortender Fachkräftemangel.

Wesentliche Auslöser für die Erstellung der Studie waren die Diskussionen zu den Intentionen und der Umsetzung des sogenannten „Gute Kita“ Gesetz der Bundesregierung sowie bundesweite Studien zur Situation in der frühkindlichen Förderung (z.B. Bertelsmann). In deren Ergebnis wurde u.a. stets der bundesweit ungenügende Personalschlüssel - insbesondere auch in Thüringen - kritisiert. Das genannte Bundesgesetz verfolgt zwar die Ziele zur Verbesserung der Personalausstattung und der Ausbildung der Fachkräfte, lässt den Ländern aber die Möglichkeit des Einsatzes der Bundesmittel zur Gebührenbefreiung. Die meisten Länder - so auch Thüringen - setzten die Mittel überwiegend zur Gebührenbefreiung ein. Zugleich und zeitgleich wird bundesweit bereits ein Fachkräftemangel an Erzieherinnen und Erziehern beklagt, der durch den „Aufbau West“ im Bereich der frühkindlichen Förderung, die Ausweitung ganztagsschulischer Angebote und des steigenden Bedarfs in den erzieherischen Hilfen zunehmen wird. Zum Zeitpunkt der Auftragsvergabe nicht absehbar war die zwar immer bedeutende, aber durch die Coronakrise nochmals verschärfte Aufmerksamkeit und damit der Stellenwert der Kindertageseinrichtungen für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Der Arbeitsbereich Arbeits-, Industrie- und Wirtschaftssoziologie der Friedrich-Schiller-Universität hat sich bereits mehrfach und mit anerkannter Expertise mit der Fachkräftesituation und der Thüringer Sozialwirtschaft befasst. Unter anderem entstanden hier Studien zur Fachkräftesituation in der Altenpflege, der erste Thüringer Sozialwirtschaftsbericht und die aktuelle Fachkräftestudie für Thüringen mit Blick auf das Jahr 2030.