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Erfahrungsbericht des Mittelbaus an der Hochschule NordhausenSchlaflos durch das Corona-Semester

Am 16.03.2020 erhielten wir Lehrenden die Information, dass aufgrund der aktuellen COVID-19-Pandemie zum regulären Vorlesungsbeginn alle Präsenzveranstaltungen eingestellt und in drei Wochen durch Onlinelehre ersetzt werden sollten. Wie diese Entscheidung die Arbeit der Lehrenden beeinflusst hat, die im Gegensatz zu anderen Hochschulen auf eine erweiterte Vorbereitungszeit durch einen späteren Semesterbeginn verzichten mussten, wird im Folgenden beschrieben.

05.10.2020 - Kirsten Lamschus, Juliane Schinkel, Julia Hille — Hochschule Nordhausen

Hierbei beziehen wir uns auf Ausschnitte der wahrgenommen Be- und Entlastungen des Mittelbaus im Studienbereich Gesundheit und Sozialwesen, welche sowohl dem Präsidium als auch im Juli dem Thüringer Staatssekretär für Wissenschaft und Hochschulen vorgestellt wurden.

Organisation der Lehre

Bereits zwei Tage später am 18. März begannen die Schulungen zum Umgang mit den notwendigen Tools. Diese Entscheidung ermöglichte es den Studierenden, die gewohnten zeitlichen Strukturen des Semesters aufrecht zu erhalten und sich durch die neuen Online-Formate in keine gesundheitliche Gefährdungssituation begeben zu müssen.

Die Umstellung auf die digitale Lehre (inklusive überwiegender Online-Prüfungen) bedeutete nicht, dass bisher bestehende Konzepte der Präsenzlehre 1:1 online übertragen werden konnten. Insbesondere bei Seminaren mit einem hohen Interaktionsanteil mussten grundlegend neue didaktische Konzepte erarbeitet werden, damit die Studierenden die erforderlichen Lernziele erreichen konnten. Parallel wurden die eigenen Kompetenzen durch Testen und Ausprobieren erweitert, häufig bis in die späten Abendstunden. Die Umstellung der didaktischen Konzepte bei gleichzeitiger Einarbeitung in digitale Tools stellte ohne Vorlaufzeit eine hohe Belastung dar. Durch den enormen Einsatz unserer technischen Mitarbeiter*innen funktionierte die technische Umsetzung weitestgehend störungsfrei. Weiterhin bot die  Hochschule die Möglichkeit an, technisches Equipment anzuschaffen. Bürokratische Hürden wurden dafür zurückgefahren und zusätzliche Mittel bereitgestellt. 

Verbindung zu den Studierenden 

Auch Studierende konnten mitunter aufgrund unterschiedlichster Problematiken, die mit der technischen Ausstattung, Internetverfügbarkeit sowie Störungen der Stabilität der Verbindung zu tun hatten, teilweise nur eingeschränkt an den Online-Veranstaltungen teilnehmen oder eine aktive Beteiligung war nicht möglich. Es war sowohl aus unserer als auch aus studentischer Perspektive sehr gewöhnungsbedürftig, ohne nennenswerte soziale Interaktion zu referieren und nur gelegentlich eine „Stimme aus dem Off“ zu hören. Viele Studierende sind in ihrem Heimatort geblieben und konnten aufgrund der räumlichen Distanz die Bibliothek nicht nutzen, so dass zu Beginn des Semesters viel Unterstützung von uns zur Beschaffung von Literatur notwendig war. Von den Mitarbeiter*innen in der Bibliothek wurden schnelle entlastende Lösungen erarbeitet, sodass sich die Situation innerhalb des Semesters stark verbesserte, insbesondere durch den enormen Aufwuchs an digital verfügbarer Literatur. 

Deutlich höherer Zeitaufwand 

Aufgrund der fehlenden physischen Präsenz war jegliche Abstimmung und Feedback mit den Studierenden wesentlich zeitaufwendiger. Es entfiel die Möglichkeit von kurzen, informellen Gesprächen, welche i.d.R. sehr effizient Absprachen ermöglicht hatten. Jedwede Rückmeldung musste schriftlich, via Telefon bzw. Onlineberatungstermin erfolgen, was einen deutlich höheren Zeitaufwand mit sich brachte. Vermehrt wendeten sich die Studierenden auch mit Fragen zur Vereinbarkeit von Familie, individuellen Belastungen, Betreuungsaufgaben und Studium an uns Lehrende. Die regulären  Sprechstundenzeiten reichten bei weitem nicht aus. Einige Studierenden konnten aufgrund persönlicher (Kinder, Pflege von Angehörigen), wirtschaftlicher (fehlende finanzielle Mittel) oder technischer (stabile Internetverbindung, Hardware) Herausforderungen an dem Online-Semester nicht teilnehmen. Wir finden es bewundernswert, dass zeitnah einige dieser Studierenden den Kontakt zu uns suchten, um mit Hilfe der Studienberatung den weiteren Studienverlauf zu planen. Es wird sich bald zeigen, wie viele Studierende das Studium dennoch abbrachen. Neben dieser Teilhabeeinschränkung konnten wir gleichzeitig beobachten, dass die Möglichkeiten der Online-Lehre insbesondere von Studierenden mit familiären Pflegeaufgaben, chronischen Erkrankungen und zum Teil psychischen Erkrankungen die Partizipationsmöglichkeiten erhöhten und es ein expliziter Wunsch dieser Studierenden ist, auch zukünftig Online-Angebote vorzuhalten.

Erhebliche Mehrfachbelastungen für die Lehrenden

Für alle Lehrenden mit Care-Aufgaben bestanden erhebliche Mehrfachbelastungen. Zur anspruchsvollen Durchführung von Vor- und Nachbereitung von Lehraufgaben mussten Kinder und Jugendliche, unterschiedlichen Alters und Bedürfnisse ganztägig über einen Zeitraum von 13 Wochen betreut werden. Dies umfasste die Strukturierung des Alltags, die Ersatzbeschulung und Pflegeaufgaben. Es führte zu einer „ungesunden“, stetigen Ambivalenz über Prioritätensetzungen. Um dies irgendwie von uns bewerkstelligt zu bekommen, verlagerten sich Arbeitszeiten oft in Nacht-  und frühe Morgenstunden, was zunehmend zu Erschöpfung führte. Erst eine Woche vor Beginn des eingeschränkten Regelbetriebes bestand die Möglichkeit für einige wenige der Hochschullehrenden, die Notbetreuung in Anspruch zu nehmen. 

Nicht alle Lehrende verfügten im Homeoffice über eine durchgängige, störungsfreie Verfügbarkeit des Internets und mussten weiterhin neben familiärere Betreuungsaufgaben an die Hochschule fahren, um die Online-Lehre abzuhalten. Zudem belastete die fehlende Möglichkeit von Bildschirmpausen, da sowohl die Vor- und Nachbereitung als auch die Lehre selbst ausschließlich sitzend vor dem Bildschirm stattfanden. Dies führte zu immer stärkeren Kopf-, Augen und Rücken-/Nackenschmerzen. Eine Bildschirmarbeitsplatzschulung im Homeoffice erscheint uns zukünftig als eine wichtige Arbeitsschutzmaßnahme.

Probleme der Lehre wurden deutlich sichtbar trotz hohem Einsatz der Mitarbeitenden

Die COVID-19-Pandemie wirkte als Katalysator der Digitalisierung an Hochschulen. In kürzester Zeit haben wir unsere didaktischen Kompetenzen erweitert und sind als Team an der Hochschule über die einzelnen Arbeitsbereiche hinaus zusammengewachsen. Gezielt eingesetzte Online-Lehrveranstaltungen, eine gut ausgestattete digitale Bibliothek oder eine digitalisierte Verwaltung möchten wir beispielsweise auch in Zukunft nicht mehr missen. Gleichzeitig war dies nur möglich durch den enormen Einsatz aller Mitarbeitenden nahe und über der Belastungsgrenze, so dass die  ressourcenfordernde Online-Lehre dazu führte, bestehende Probleme der Lehrsituation des Mittelbaus an Hochschulen sichtbarer und spürbarer werden zu lassen.

Reduktion der Lehrverpflichtungen als Garant für verlässliche Lehre

Auch das nächste Semester wird uns mehr abverlangen, da durch Corona-Schutzmaßnahmen weiterhin ein großer Teil der Lehre online stattfinden wird und wir durch eingeschränkte räumliche Kapazitäten zeitlich flexibler arbeiten müssen. Deshalb wünschen wir uns neben der ideellen Wertschätzung des Präsidiums und des Ministeriums, dass für das kommende Semester unser Positionspapier mit unseren Forderungen sowie den Ergebnissen der Aktionskonferenz „Lehrkräfte für besondere Aufgaben (LfbA) – Entwicklung und Probleme in Recht und Praxis“in Erfurt zu Veränderungen führen wird. 

Nur durch eine Verbesserung unserer Arbeitsbedingungen, insbesondere einer Reduktion der Lehrverpflichtungen, können wir auch weiterhin für die Studierenden eine verlässliche Lehre bieten!