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„Mit Irritationen produktiv umzugehen, das ist eine Herausforderung von Gesellschaft“

Fragen an Dr. Gesa C. Teichert, Gleichstellungsbeauftragte der HAWK (Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim/Holzminden/Göttingen):

13.10.2016 - Marcus Felix, Landesausschuss Diversity

  • Sie verstehen ihre Aufgabe nicht nur in der Gleichstellung vonMann und Frau. Damit unterscheiden Sie sich von so manch anderenGleichstellungsbeauftragten.

Selbstverständlich ist mein Auftrag laut niedersächsischem Hochschulgesetz, die Chancengleichheit zwischen Mann und Frau herzustellen. Mein Alltag und mein Anspruch sehen darüberhinaus aber vielschichtiger aus. Ich habe da ein intersektionales Selbstverständnis von Gleichstellungsarbeit, die nicht ausschließlich auf zwei Geschlechter bezogen ist, sondern besonders im Hinblick auf die vielen Facetten, aus denen sich die persönliche Identität zusammensetzt. Allerdings habe ich offiziell nur für die Chancengleichheit von Mann und Frau Sanktionsmöglichkeiten. Alles andere denke ich mit, aber nur hier habe ich Handlungsvollmacht.  

  • Wer kümmert sich dann um die anderen Diskriminierungsmerkmale? 

Wir arbeiten eng zusammen mit den Diversity-Beauftragtenunserer Hochschule, zu denen ich selber auch gehöre. Laut AGG ist ja für die darin aufgeführten Dimensionen oder sozialen Merkmale wie Behinderung, Ethnie oder sexuelle Identität eine Ansprechperson an Hochschulen vorgesehen, an die sich Studierende und Beschäftigte wenden können, wenn sie selber Diskriminierungen erlebt haben oder bei anderen beobachten mussten. Allerdings haben die Diversity-Beauftragten nicht die Handlungsvollmacht, die ich als Gleichstellungsbeauftragte habe.  

  • Würden Sie sich für die Zukunft wünschen, dass für die anderen Diskriminierungsdimensionen ähnliche Posten geschaffen würden und diese mit den gleichen Vollmachten ausgestattet würden wie sie? 

Nein, da würde man wieder Schubladen aufmachen, die einem intersektionalen Verständnis nicht gerecht würden. Außerdem wäre das nicht praktikabel. Da würden wir an die Grenzen des Operierbaren stoßen. Es ist ja jetzt schon teilweise schwierig, darauf aufmerksam zu machen, dass Berufungsverfahren zum Beispiel an einem Termin stattfinden, an dem auch ich und der Personalrat können. Ich begreife mich mit meinem Mandat, und das betone ich auch immer wieder, auch als Service-Kraft. Das heißt, es ist wichtig, die Menschen abzuholen und mitzuziehen. Deshalb entwerfen wir auch gerade gender- und diversitysensible Leitlinien für Berufungs- und Stellenbesetzungsverfahren. Das Ziel dabei ist, die Mitarbeitenden selbst sensibel für diese Dimensionen zu machen.Das ist, denke ich, mittelfristig die beste Lösung. 

  • Haben Sie hin und wieder das Gefühl, als die „Andere“ wahrgenommenzu werden oder zu irritieren? 

Hin und wieder geschieht es, dass man nur auf die Behinderung reduziert wird. Mittlerweile habe ich da aber ein dickes Fell. Ich kann mich ganz genau an eine Situation aus meiner Studienzeit erinnern: Ich hatte gerade ein Referat gehalten. Im Anschluss kamen Kommiliton_innen auf mich zu und äußerten mit überraschtem Ausdruck, dass mein Vortrag richtig gut gewesen sei, woraufhin ich erwiderte: Ja, ich kann zwar meine Beine nicht benutzen,aber sehr wohl meinen Kopf. [lacht] 

Klar löse ich mit meinem Erscheinen Irritationen aus. Aber diese Irritationen sind wichtig. Sichtbarkeit finde ich auch ganz wichtig. Klar kann es auch anstrengend sein, aber in meinem Fall kann ich die Behinderung nicht verstecken, es ist nun mal sichtbar, dass ich Räder unterm Hintern habe. Aber ich zeige mich auch bewusst und gehe offen damit um. Zum Beispiel zeige ich mich mit meiner Frau, einer Schulleiterin, ganz offen, auch an ihrem Arbeitsplatz. Dann wissen die Schüler_innen, dass es auch ok ist, als Frau eine Frau zu küssen und eine der beiden ist dick und die anderen im Rolli – so vielfältig ist das Leben. Oder ich besuche regelmäßig unsere hochschuleigene Krippe, die zu meinem Arbeitsbereich gehört. Wenn ich da die Kinder besuche, die fragen natürlich. Dadurch wird eine Rollstuhlfahrerin für Kinder, Eltern und das Team zur Normalität.  

  • Wird man behindert oder ist man behindert?  

Beides. Definitiv beides. Behinderung hat immer beide Ebenen. Ich kann das ganz persönlich, individuell sagen: Ich habe aufgrund meiner Erkrankung chronische Schmerzen. Die zu haben, behindert mich. Das tut der Seele nicht gut, es ist auch manchmal schwierig, sich dabei zu konzentrieren. Da kann man Kompensationswege für sich finden, aber das kostet Energie. Da kann die Gesellschaft überhaupt nichts dafür. Die Frage ist aber, ob ich aufgrund meines Schmerzsyndroms stigmatisiert werde, beispielsweise wenn ich einen Termin nicht halten kann, sondern noch eine Woche länger brauche. Wenn es dann heißt „Na dann eben nicht. Entweder jetzt oder gar nicht“, dann sehe ich das als Barriere. 

  • Welche Aufgaben kommen dabei der Hochschule zu?  

Es ist ganz klar ein Auftrag aller Bildungseinrichtungen, nicht nur der Hochschule, zu schauen, welche strukturellen Barrieren in materieller Hinsicht es gibt, also: Gibt es ausreichende Wegbeschreibungen? Gibt es Aufzüge? Wie sind wir ausgestattet? Dann sollten die Barrieren soweit abgebaut und Angebote gemacht werden, dass alle Personen ihre Ressourcen auch entfalten können. 

Gleichzeitig gilt es zu schauen: Wo gibt es Bilder und Vorstellungen von Gesellschaft in den Köpfen, die Menschen davon abhalten, ihr Potenzial auszuschöpfen? Da ist man letztendlich auch sehr nah an dem, was für mich dann auch wieder Gleichstellung bedeutet. Wenn ich etwa auf die Geschlechtergeschichte gucke, gab es eben auch lange Vorstellungen darüber, was Frauen können oder nicht können. So ändern sich auch die gesellschaftlichen Vorstellungen darüber, was behinderte Menschen können oder nicht können. Ich denke, es gilt, daran zu arbeiten, sich über solche Bilder zu informieren und zu sagen: Da gehört eine andere Haltung dazu. Und ich denke, das ist etwas, das was uns in der Gesellschaft immer wieder herausfordert. 

Wir haben ja schnell Bilder in unseren Köpfen. Aber dass wir die Bilder haben, ist ja meines Erachtens gar nicht das große Problem. Sondern wir müssen lernen, mit diesen Bilder reflektiert umzugehen. Denn ich glaube, diese zu verbieten oder verdrängen zu wollen, ist Quatsch. Das funktioniert nicht. Ich merk das immer wieder bei Trans* oder Inter*-Menschen, unter denen ich auch viele Kontakte habe. Natürlich irritiert es mich erst einmal, wenn ich nicht weiß, ob ich da mit einem Mann oder einer Frau spreche. Dass mich das im ersten Moment irritiert, ist völlig ok. Und das ist auch nicht das Problem. Das entscheidende ist: Was mache ich mit der Irritation? Werde ich sauer? Werde ich aggressiv? Stell ich eine super indiskrete Frage? Sage ich einfach: Ich weiß gerade nicht, wie ich Sie ansprechen soll. Das ist das Entscheidende. Und ich glaube, es ist eine gesellschaftliche Herausforderung, mit solchen Irritationen produktiv umzugehen. Das, finde ich, ist der entscheidende Punkt, an dem Gesellschaft arbeiten soll.  

  • Ist die Hochschule für Sie ein exklusiver Raum? 

Das ist ein ganz schwieriges Thema [überlegt]. Das kann man so nicht beantworten. Die Hochschule ist ein spezieller Raum, der mitunter andere Aspekte erfüllen muss als etwa eine Schule (im Rahmen der Schulpflicht). In der Schule sollten alle Kinder zusammen lernen. Gleichzeitig müssen diese Kinder am Ende nicht alle einen einheitlichen Abschluss haben. An der Hochschule benötigt man bestimmte kognitive Ressourcen. Denn es geht an der Hochschule um ein gemeinsames Level, einen gemeinsamen Abschluss. Dieser darf nicht verwässert werden. Über Modalitäten sollten wir aber auf jeden Fall verhandeln. Da geht es zum Beispiel dann um die Frage, statt einer schriftlichen Prüfung, weil ich nicht lange schreiben kann, eine mündliche Prüfung abzulegen. Als ich angefangen habe zu studieren, war es um die Barrierearmut noch nicht so gut bestellt wie heute. Ich denke, die Hochschulen sind da heute auf einem guten Weg.  

  • Wo wünschen Sie sich für behinderte Menschen an Hochschulen noch mehr Unterstützung? 

 Das, was vor allem auf Seite der Studierenden eine wichtige Maßnahme wäre, ist das Empowerment. Behinderte Menschen werden sehr oft mit ihrem vermeintlichen körperlichen Defizit konfrontiert und merken oftmals nicht, dass sie von ihren Leistungen her sehr gut sind. Hier bedarf es des persönlichen Empowerments von Seiten der Lehrenden oder auch der Kommiliton_innen. 

Ich selbst habe mit einem Begabtenstipendium des BMBF promoviert. Das hätte ich vermutlich nicht, wenn nicht Leute auf mich zugekommen wären und mir gesagt hätten, dass meine Leistungen überdurchschnittlich sind. Aber auch Mitarbeitende und Lehrende mit Behinderung sollten gute Arbeitsbedingungen an Hochschulen finden, zum ersten, weil sie ein Recht darauf haben, zum zweiten, weil sie somit Vorbilder für Studierende sein können und weil sie drittens mit ihren besonderen Erfahrungen Lehre, Forschung und Hochschulkultur bereichern. 

  • Vielen Dank.

 

Das Interview hat Marcus Felix vom Landesausschuss Diversity geführt.

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