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Gastbeitrag„Liest du mir von der Motorradprinzessin vor?“ Für mehr geschlechterbewusstes (Vor-)Lesen!

Sarah Brune arbeitet am Kompetenzzentrum geschlechtergerechte Kinder- und Jugendhilfe Sachsen-Anhalt e.V. als Referentin für Geschlechtervielfalt. Für uns stellt sie ausgewählte Kinderbücher aus dem Medienkoffer für den KiTa- und Vorschulbereich vor.

02.12.2019 - Sarah Brune

Sarah Brune arbeitet am Kompetenzzentrum geschlechtergerechte Kinder- und Jugendhilfe Sachsen-Anhalt e.V. als Referentin für Geschlechtervielfalt. Sie bildet Erzieher*innen, Hortner*innen und Lehrkräfte in den Bereichen Geschlechtervielfalt und genderbewusste Pädagogik fort. Sie betreut ebenso den „Medienkoffer Geschlechtervielfalt“, der kostenlos für sachsen-anhaltische Einrichtungen ausleihbar ist. [1] Für uns stellt sie ausgewählte Kinderbücher aus dem Medienkoffer für den KiTa- und Vorschulbereich vor.

Das Vorlesen ist ein wichtiges Instrument der frühkindlichen Bildung. Wenn Kindern Geschichten vorgelesen werden, tauchen sie – und auch pädagogische Fachkräfte – in andere Welten ein. Zugleich werden Werte und Normen vermittelt, die die Einstellungen von Kindern prägen können – auch gegenüber Geschlechterstereotypen. Was und vor allem wem wir vorlesen, spielt dabei eine entscheidende Rolle. Es herrscht immer noch die tradierte Annahme vor, dass (Vor-)Lesen eine weibliche Tätigkeit sei, weswegen vor allem Mädchen mehr vorgelesen wird. Das führt nicht nur dazu, dass Mädchen eine höhere Sprachkompetenz entwickeln können, sondern wirkt sich auch auf die Lesemotivation bei Jungen aus. Wenn Fachkräfte eine egalitäre Einstellung vertreten und Wert darauf legen, dass jedem Kind – fernab des Geschlechts – vorgelesen wird, entwickeln Jungen eine ähnliche Lesemotivation wie Mädchen. [2]

Es zeigt sich, dass sich durch das Vorlesen Einstellungen beeinflussen lassen. Um noch gezielter Geschlechterstereotype mit Kindern kritisch zu hinterfragen, können Kinderbücher genutzt werden, um unterschiedliche Männer- und Frauenbilder aufzuzeigen. Insbesondere wenn Heranwachsende im Alltag sonst einen geringeren Zugang zu vielfältigen Rollenbildern haben. Durch vielfaltsbewusste Kinderbücher werden unterschiedliche Lebensmodelle sichtbar und es werden Emanzipationsräume zum Ausprobieren, Hinterfragen und Spielen geschaffen.

Besonders die Bücher „Puppen sind doch nichts für Jungen!“, „Prinzessin Pfiffigunde“, „Teddy Tilly“ und „Esst ihr Gras oder Raupen?“ werden von den Einrichtungen sehr positiv benannt.

In „Puppen sind doch nichts für Jungen!“ bekommt ein Junge eine Puppe geschenkt, welche sein Lieblingsspielzeug wird. Dem Vater wäre es lieber, würde sein Sohn mit einem Baukasten spielen, worauf er ihm die Puppe wegnimmt. Er ist schließlich ein Junge. Mit dem Baukasten baut der Junge einen Puppenwagen und der Vater sieht ein, dass er überreagiert hat und gibt seinem Sohn die Puppe wieder. Aus der Praxis hören wir immer wieder, dass die Geschichte der kindlichen Realität entspricht, wenn Eltern mit dem vermeintlichen gender-nonkonformen Verhalten ihrer Kinder nicht einverstanden sind. Die Erzieher*innen sprechen dann mit den Kindern und Eltern darüber, warum denn Jungen nicht mit Puppen spielen sollten, obwohl sich Väter doch auch um Kinder kümmern.

Für Mädchen wird besonders das Buch „Prinzessin Pfiffigunde“ als wertvoll empfunden. Die Prinzessin im Buch ist nun in einem heiratsfähigen Alter und soll sich für einen Prinzen entscheiden. Pfiffigunde möchte aber lieber Motorrad fahren und Abenteuer erleben, weswegen sie die Prinzen vor schwer lösbare Aufgaben stellt. Das Buch zeigt, dass es nicht schlimm ist, wenn man Prinzessinnen mag. Allerdings muss man nicht auf den Prinzen auf dem weißes Ross warten und heiraten. Diese beiden Bücher eignen sich, um Kinder alternative Modelle des Mädchen bzw. Junge-Seins  näher zu bringen.

Neben Materialien zu Rollenbildern werden auch Bücher zu den Themen Geschlechter- und Familienvielfalt angeboten.

Das Buch „Esst ihr Gras oder Raupen?“ handelt von zwei Elfen, die ein Lexikon über das menschliche Zusammenleben schreiben möchten. Auf ihrer Recherche treffen sie auf fünf Kinder, die in unterschiedlichen Familien aufwachsen. Ein Kind lebt in einer Patchworkfamilie, ein Kind lebt nur mit einem Elternteil zusammen, eins wächst mit zwei Mamas auf usw. Das Buch stellt einen Gegenentwurf zu den meisten Familienbüchern in den Einrichtungen dar, die die tradierte VaterMutter-Kind-Familie thematisieren.

Jede Familie ist einzigartig und individuell und Kinder haben unterschiedliche Vorstellungen darüber, was Familie eigentlich bedeutet. Für das eine Kind gehören nur Papa und Mama zur Familie, für das andere Kind Mama, Papa, Stiefpapa und die drei Stiefgeschwister oder Oma und Papa. Aus Studien geht hervor, dass nur noch 56 % der Kinder bei heterosexuellen Ehepaaren aufwachsen. [3] Das bedeutet aber auch, dass knapp weniger als die Hälfte in nicht-tradierten Familien aufwächst und die Repräsentation in Einrichtungen mitgedacht werden sollte, um allen Kindern und Familien gerecht zu werden.

Ebenso nutzen Einrichtungen das Kinderbuch „Teddy Tilly“, wenn sie Trans*identität im pädagogischen Alltag thematisieren wollen. Die Geschichte erzählt von Teddy
Thomas, der eine Schleife um den Hals trägt, aber lieber Teddy Tilly heißen und die Schleife auf dem Kopf tragen würde. Teddy Thomas ist traurig und hat Angst seine Freund*innen zu verlieren, wenn er sich outet. Irgendwann outet sich der Teddy als Tilly und bemerkt, dass seine Freund*innen ihn trotzdem lieb haben. Vor allem Einrichtungen, die mit gender-nonkonformen bzw. trans* Kindern oder Erwachsenen in Berührung kommen, sind über dieses Kinderbuch sehr froh, weil sie kindgerecht das Thema bearbeiten können.

 


[1] Eine Übersicht über den Inhalt der Medienkoffer finden Sie hier.

[2] Vgl. Braun, Edith/Hannover, Bettina/Wolter, Ilka (2015): Reading is for girls!?. The negative impact of preschool teachers‘ traditional gender role attitudes on boys‘ reading related motivation and skills. In: Frontiers in Psychology (6). [3] Vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2017): Familienreport 2017. Leistungen, Wirkungen, Trends. S. 16.

[3] Vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2017): Familienreport 2017. Leistungen, Wirkungen, Trends. S. 16.