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Erfahrungsbericht„Ich bleibe oft an der Oberfläche, weil mir für fachlichen Tiefgang einfach die Zeit fehlt.“

Über die enorme und mürbe machende Arbeitsbelastung auf Kosten der Unterrichtsinhalte und Lernergebnisse ein beispielhafter Bericht eines Schulleiters einer staatlichen Grundschule in Thüringen.

11.02.2020 - Dirk Rittershaus - Schulleiter der staatlichen Grundschule "Anne Frank" in Themar

Lange habe ich mit mir gerungen, den nachfolgenden Beitrag zu schreiben. Zum einen weil das Schreiben selbst eine zusätzliche Belastung darstellt. Zum anderen weil ich mir nicht sicher bin, ob die Botschaft, die in mir zu diesem Thema gärt, überhaupt gern gehört wird. Nun habe ich mich aber doch dafür entschieden und mir vorgenommen, vor allem ehrlich niederzulegen, was mich als Schulleiter zum Thema Arbeitsbelastung bewegt.

In mir herrschen dazu viele verschiedene Gefühle vor, die aber fast alle negativ besetzt sind. Meine Arbeit belastet und fordert mich mehr und mehr – und trotz hohem zeitlichen und persönlichen Einsatz erreiche ich dabei sehr selten ein Level, an dem ich zufrieden innehalten kann. Ich benötige mit zunehmendem Alter mehr Zeit, die stets steigenden Arbeitsaufgaben zu erfüllen, mehr Zeit zum Ausspannen und um Abstand zum Beruf zu gewinnen. Dies vor allem auch weil sich die äußeren und inneren Bedingungen und Anforderungen des Jobs stetig ändern. Das haben sie zwar schon immer getan, aber neu und quälend empfinde ich die Geschwindigkeit und den Umfang und die dabei manchmal schwer zu entdeckende Sinnhaftigkeit. So gelange ich in einen Strudel von Aufgaben, aus dem ich mir ständig nur das gerade Wichtigste zum Erledigen herausnehme. Selten erreiche ich ein Gefühl der Arbeitszufriedenheit – häufig quäle ich mich mit Gefühlen, nicht genügend, nicht gründlich, nicht umfassend genug gearbeitet zu haben. Dies vor allem dann, wenn meine Unterrichtsverpflichtung, meine Arbeit mit den Kindern, aufgrund der vielen anderen Aufgaben wie eine zusätzlich lästige Pflicht erscheint. Das ist für mich umso bedrückender, als es sich dabei ja um den Kern des Berufes handelt, den ich einmal gewählt habe und in dem ich seit nunmehr 33 Jahren tätig bin.

Warum ist das so?

Weil meine Tätigkeit sich in den letzten 29 Jahren in fast allen Bereichen grundlegend geändert hat – und das oft nicht zum Positiven. Aber fangen wir vorn an:

1991 habe ich mich als ganz junger Lehrer als Schulleiter beworben. Vor allem mit dem Ziel, nach der politischen Wende Schule in Thüringen neu zu gestalten und dabei vor allem Bewährtes zu bewahren und ideologisch Belastetes über Bord zu werfen. Die Leistungsfähigkeit unserer „alten“ DDR-Schulen, was die Vermittlung von Wissen, und die Erziehungsarbeit betraf, war für mich damals und ist für mich auch bis heute unumstritten. Jedoch erwachte ich schnell aus meinem idealistischen
Wunschtraum. Die Wecker waren unter anderem: die Einführung neuer Fächer ohne entsprechende Lehrpläne und Fachkollegen, die Bedarfskündigungen Anfang der Neunziger, der Weg durch das Tal des Floatings, die Experimente mit dem für jede Thüringer Grundschule existenziellen Hort. Die Liste ließe sich weiter fortsetzen und vielen Lesern werden leicht weitere Beispiele in den Sinn kommen, die sich hier anreihen ließen. Nie werde ich die warnenden Worte eines bayrischen Kollegen beim Besuch einer Coburger Schule im Frühjahr 1990 vergessen: „Macht nicht die gleichen Fehler wie wir!“

Und heute? Heute sind wir in vielen unserer Schulen an einem Punkt angekommen, der viele meiner Schulleiter-, Lehrer- und Erzieherkollegen bis ans Äußerste fordert und teilweise schon krank macht. Überbordende Aufgaben, ständiger Termindruck, schwierige Schüler, übergriffige und teilweise distanz- und respektlose Eltern, fachfremder Unterricht als Normalität, die immer wieder notwendige Kompensation des allgegenwärtigen Personalmangels sind nur einige der Ursachen, die ich dafür sehe. Schule ist in Ihrem Tun gesellschaftlich wenig akzeptiert und der Lehrerberuf genießt draußen wenig Anerkennung.

Wir haben uns zu wenig fachlich geäußert

Allerdings sind wir heute auch deswegen an diesem Punkt, weil wir selbst in der Vergangenheit zu wenig unseren pädagogischen Sachverstand artikuliert haben. War es am Anfang die Scham, als „rote Socke“ gebrandmarkt zu werden, kam später dazu, dass wir nicht genügend widersprachen, wenn „neue“ Modelle und Ideen, die schon damals in den alten Bundesländern keiner mehr hören wollte, nach der Testung in personell bestens ausgestatteten Pilotprojekten auf alle Schulen übergestülpt
werden sollten oder wurden. Immer wieder gab es Kollegen aus unseren eigenen Reihen im Gefolge von selbsternannten Schulentwicklern, meist aus den alten Bundesländern, die mit dort schon überholten, aber hier auf der Thüringer Experimentier- und Spielwiese auf Erfolg getrimmte Pilotprojekten diese in offiziellen Präsentationen hochjubelten. Und zwar auch dann, wenn sie selbst ganz anderer Meinung waren und ganz andere Erfahrungen gemacht hatten. Diese hörte man dann aber nur in einem persönlichen Gespräch im Foyer.

Außerdem spielte nach meinem Dafürhalten eine große Rolle, dass wir es als Kollegien aus DDR-Zeit heraus gewöhnt waren, an uns heran getragene neue Aufgaben umzusetzen, ohne dies zu hinterfragen. Als wir spürten, dass uns alle das mit unseren Schulen in eine Richtung drängte, die uns von unserem vorherigen Standpunkt immer weiter entfernte, war es in vielen Bereichen zu spät für eine Einflussnahme.

Hilferufe und Problembenennungen wurden ignoriert oder waren unerwünscht

Aus Schulen heraus artikulierte Bedenken und Hilferufe wurden lange Zeit von vielen Verantwortlichen negiert und als nicht existent abgetan oder schlimmer noch, als Argumente gegen einen selbst verwendet. Da überlegten sich viele ganz genau, ob und an welcher Stelle sie überhaupt auf Probleme aufmerksam machten, die es ja doch offiziell gar nicht geben durfte. So kam der gemeinsame Unterricht über uns, der diesen Namen heute noch nicht annähernd verdient. So kam das Projekt „Eigenverantwortliche Schule“ über uns, dessen Name eine einzige Irreführung war. Es kamen über uns Doppeljahrgangsstufen, wegfallende Versetzungsentscheidungen, Experimente mit der Schreibschrift, der klassenstufenübergreifende Unterricht, die Kommunalisierung des Hortes…

Und nun stehen wir heute an einem Punkt, wo wir uns fragen: Wie soll das alles weitergehen? Wo soll das enden? Ganz geschickt und möglicherweise auch als Selbstschutz blenden wir dabei aus, dass in den kommenden Jahren kaum Aussicht auf Besserung besteht und funktionieren weiter. Und wir blenden aus, dass die Bedingungen, unter denen Schulleiter, Lehrer und Erzieher heute leiden, wohl als die Schlimmsten, die wir je hatten, gefühlt werden – aber lange noch nicht das Ende der Entwicklung darstellen.

Strudel der Aufgaben

Viele Schulleiter im Grundschulbereich sind mittlerweile dauerhaft oder zumindest temporär auch Klassenleiter. Die Stunden für Schulleitungsaufgaben müssen an etlichen Schulen zum Stopfen der allzu dünnen Personaldecke herhalten, da der Schulleiter häufig der einzige ist, der am Vormittag einige Klappstunden hat. Aber dieser Unterricht muss vorbereitet werden. Und die Schulleitungsaufgaben müssen nachgeholt werden.

Hier gerät ein von hohem Berufsethos getriebener Schulleiter schnell bis an die Grenzen des Machbaren. Familie und Beruf lässt sich immer schlechter vereinbaren und es kommt häufiger zu Konflikten im beruflichen oder auch im familiären Umfeld. Man gerät in einen Strudel und in diesem rotieren um einen herum die zu erledigenden Aufgaben. Trotz hohem Einsatz werden diese nicht weniger, denn der Nachschub an E-Mails, Telefonaten, Terminen reißt nicht ab. All diese dringenden Arbeitsaufgaben lassen einen schlechter abschalten und schlafen und man sehnt sich nur noch nach Feierabenden, Wochenenden und Ferien – nicht selten, um dort Liegengebliebenes auf- oder nachzuholen.

Wen wundert es angesichts solcher Bedingungen, dass Schulleiterstellen nicht nur an kleinen, oft peripher gelegenen Schulen mehrfach erfolglos ausgeschrieben werden müssen. Schulen, denen für die nächsten Jahre eine klare Perspektive in Form von ausreichenden und praktikablen Schülerzahlen fehlt. Berichte und Erfahrungen von Schulleiterkollegen, die mit der Leitung einer zweiten Schule beauftragt wurden oder von Kollegen, die mehr oder weniger aus Einsicht in die Notwendigkeit und allzu oft und allzu lange ohne finanziellen Ausgleich Schulleitungsaufgaben wahrnehmen, machen es den Verantwortlichen in den Schulämtern nicht leichter, offene Stellen zu besetzen. Schulverbünde und Kooperationsmodelle, die nur mit einem noch höheren organisatorischen Aufwand zu leiten sind, werden als Ausweg verkauft. Diese künstliche Beatmung aufgrund zu geringer Schülerzahlen eigentlich nicht weiter lebensfähiger Schulen aus politischen Gründen genießt bei den
betroffenen Lehrer- und Erzieherkollegen vor Ort oft nur deshalb Akzeptanz, weil sie glauben, dass es ihnen damit gelingt, ihre Schule dauerhaft vor der Schließung zu bewahren. Pädagogische Aspekte und Vernunft treten in den Hintergrund.

Mit der Leitung einer zweiten Schule beauftragt zu werden, impliziert Außenstehenden, dass dies eben leicht möglich ist und dass der Aufwand dafür überschaubar ist und dass der Schulleiter eben doch noch freie Kapazitäten für die zweite Schule hat. Das ist falsch. Nimmt man seine Arbeit als Schulleiter ernst, ist man mit der Leitung seiner Stammschule mehr als ausgelastet. Einige Schuljahre mit einer derartigen Zusatzaufgabe habe auch ich hinter mir. Diese brachten mich schnell an
die Grenzen des für mich Leistbaren und weit darüber hinaus. Und auch hier ging der Weg über eine erfolglos ausgeschriebene Stelle für eine sehr kleine Grundschule in Reurieth, ein von Kreistag und Ministerium verordnetes Kooperationsmodell und letztendlich unter Kämpfen hin zur einzig vernünftigen Lösung: zur Schließung der kleineren Schule und deren Aufgehen in meiner Stammschule. Dies war mit Widerständen verbunden: Instrumentalisierte Eltern und Kinder – und Kreisräte, die ihre
Entscheidungen im Rahmen von Schulnetzplanungen an den Realitäten vorbei nur mit politischem Kalkül treffen und dabei vorgeben, das Wohl der Kinder im Auge zu haben.

Seit Langem habe ich aufgegeben, meinen Arbeitstag oder gar eine Woche zu planen.

Was ist am dringendsten? Welche Termine müssen unbedingt eingehalten werden? Ich muss immer wieder selektieren, weil die Fülle der Aufgaben, E-Mails, Anfragen und Termine sonst nicht zu überblicken ist. Ich habe noch nie so viele E-Mails ungelesen gelöscht, noch nie so viel Post ungeöffnet entsorgt - manche vielleicht darin enthaltene gute Idee geht damit verloren. Ich muss das in Kauf nehmen, weil ich spüre, dass weder ich noch mein Kollegium in dem vom Tagesgeschäft und Routinen vollgepackten Schulalltag Reserven zur Umsetzung hätten.

Ich spüre, dass ich bei dem, was ich bearbeite, oft an der Oberfläche bleibe, weil mir für fachlichen Tiefgang einfach die Zeit fehlt. Viel Zeit geht verloren in der Bearbeitung bürokratischer Notwendigkeiten: Statistiken, Tabellen, Hortkinderzahlen samt Verweildauer, Protokolle von Elterngesprächen. Es ist eine ständige Rechtfertigung in Zahlen: dass wir als Schule das Personal, dass wir zur Verfügung haben, auch wirklich verdienen und richtig einsetzen. Die Kontrolle ist allgegenwärtig - wir sind nie weiter von „eigenverantwortlichen“ Schulen entfernt gewesen als heute.

All das fällt mir zunehmend schwerer, weil auch ich in den vergangenen 29 Jahren älter geworden bin. Bei wiederkehrenden Routinen frage ich mich manchmal in der Rückschau, wie viel Zeit ich noch vor wenigen Jahren hatte, um mich mit dem gleichen Problem viel intensiver auseinanderzusetzen.

Die Zusammensetzung der Kollegien hat sich stark geändert.

Allerdings nicht gleichbleibend über den gesamten Zeitraum seit den Neunzigern, sondern erst in den letzten Jahren. Und so klafft zwischen der Generation der „Jungen“ und der der „Erfahrenen“ an vielen Schulen im Alter von Anfang Dreißig bzw. Ende Vierzig eine Lücke. Aber gerade die in diese Lücken Gehörenden wären das Klientel, aus denen sich neue Schulleiter rekrutieren sollten. Kollegen mit einigen Jahren beruflicher Erfahrung und genügend Kraft, die umfassenden Aufgaben angehen
zu können.

Wobei ich jeden bewundere, der sich heute neu für diesen Job entscheidet. Ich bin hineingewachsen, vieles ist bei mir Routine, manches gehe ich mit der notwendigen Gelassenheit an. Ich habe unglaublich viele Erfahrungen, die mir helfen. Ich habe einen Rechner, der übervoll mit Vorlagen für die verschiedensten Anlässe ist. Und trotz allem habe ich oft das Gefühl, den Überblick zu verlieren, den Aufgaben nicht mehr gewachsen zu sein. Wie muss diese Aufgabenfülle erst auf einen Anfänger wirken!

Eines macht Hoffnung,…

… dass die jetzige politische Führung und damit die Spitze des Ministeriums die Probleme an den Schulen genau analysiert, den Sorgen und Nöten der Pädagogen in den Schulen offene Ohren schenkt, den Willen zum Gegensteuern signalisiert und die Voraussetzungen für die zukünftige Personalversorgung schafft. Aber allein die nackten Zahlen der in den kommenden Jahren zu ersetzenden Kollegen im Vergleich zu den erwarteten geringen Bewerberzahlen inklusiv der inzwischen fest eingeplanten Seiteneinsteiger löst bei mir eines aus: Angst.

Trotzdem muss es auch in den nächsten Jahren weitergehen. Wir müssen an den Schulen das Tal des Personalengpasses durchschreiten. Schule muss laufen, denn unsere Schüler sind da. Viele von uns sind bereit, ihr Bestes zu geben. Wenige können nicht mehr und sind lange krank, ganz wenige wollen nicht mehr.

Notwendig ist mehr Wertschätzung auf vielen Ebenen. Was Schule braucht, ist ein klares Signal der Wertschätzung aus der Gesellschaft heraus. Jeder glaubt, über Schule urteilen zu können, weil jeder selbst Schule besucht hat. Aber das ist zu kurz gedacht. Denn wem der Blinddarm operiert wurde, hat kein oder nur geringes fachliches Wissen über die Ausführung einer solchen Operation.

Unsere Kollegen an den Schulen warten darauf, dass ihre Arbeit stärker wertgeschätzt wird. Und dies bezieht sich nicht allein auf die Bezahlung, sondern zum Beispiel auch auf die Bestärkung durch den Dienstherren gegenüber ungerechtfertigten und übergriffigen Elternforderungen. Dies bezieht sich auf die Wertschätzung unserer Fachlichkeit und Achtung unserer Professionalität durch Außenstehende. Sie warten darauf, dass echte und umfassende Entlastungen im Bereich der überbordenden bürokratischen Aufgaben kommen. Sie warten darauf, dass ihre Bereitschaft zur Übernahme von Vertretungsstunden am Ende nicht durch kleinliches Auslegen der Mehrarbeitsverordnung in ein Ausnutzen umgemünzt wird. Ein Arbeitszeitkonto für jeden Kollegen würde hier helfen.

Dabei ist das Rufen nach mehr Personal aktuell nicht zielführend.

Zu oft können Stellen aufgrund fehlender Bewerber nicht besetzt werden. Es wird in den nächsten Jahren nicht ohne Einschnitte in quantitativer und auch qualitativer Hinsicht gehen. Weniger Unterricht in guter Qualität ist besser als viel (fachfremder) Unterricht in schlechter Qualität. Schulen brauchen mehr Freiräume im Anpassen der Stundentafel an die personellen Tatsachen. Wir müssen unsere Schulen entschlacken. Wir müssen schauen, welche zusätzlichen Aufgaben zwar sehr schön und der Regionalzeitung als toller Höhepunkt zu verkaufen sind, aber die Kollegien noch weiter zusätzlich belasten. Die Anzahl der Langzeitkranken in unserem Beruf ist Zeugnis dafür.

Wir spüren immer stärker, dass Förderpläne und zeitweise Hilfe durch einen Förderpädagogen in Zweitbesetzungen die Förderschule als solches nicht ersetzen kann. Bürokratische Hürden – bereits bei der Anforderung des Gutachters - machen die Sache zusätzlich nicht einfacher. Wenn dann trotz Gutachten (wobei es aufgrund des wohl niedrigen Anforderungsniveaus und der 1:1 Betreuung in den Testungen sehr schwer ist, ein solches überhaupt zu bekommen) die Lernortempfehlung Grundschule
heißt und das mit den dort angeblich vorhandenen Gelingensbedingungen politisch korrekt begründet wird, landet die nächste Aufgabe beim Lehrer. Auch dieser muss nun selektieren, welche Schwerpunkte er in seiner Unterrichtsarbeit setzt.

Unterrichtsimmanente Förderung und Forderung aller Leistungsebenen gleichermaßen allein durch Öffnung des Unterrichts und durch das vom Lehrer geforderte Selbstverständnis als Lernpartner für seine Schüler bleibt oft ein nicht realisierbarer Wunschtraum. Zu oft leiden Kollegen und Klassenverbände unter einzelnen unerzogenen Schülern. Ich weiß, diese nennt man nicht mehr so. Nein, sie haben Förderbedarf im emotionalen und sozialen Bereich. Das hört sich doch schöner an. Diese bräuchten pädagogische Zuwendung besonderer Art, die über das Berufsbild des Grundschullehrers, so wie ich es gewählt habe, größtenteils hinausgehen. Nachmittagskurse und einzelne Fortbildungen können hierbei aussterbende förderpädagogische Spezialausbildungen nur kümmerlich ersetzen. Was bleibt ist eine Niveauabsenkung in den Unterrichtsinhalten und den Lernergebnissen. Nehmen Sie sich Unterrichtvorbereitungen oder ein altes Lehrbuch von vor 10 oder 15 Jahren und Sie werden mit Leichtigkeit erkennen, wovon ich hier spreche.

Gerade im Bereich Förderung trägt jeder Grundschullehrer eine immense Last. Hier sollte zur Unterstützung und Ausprägung eines echten gemeinsamen Unterrichts nicht auf pädagogisch unbelastete Schulbegleiter zurückgegriffen werden. Hier ist die echte Chance, Horterzieher als pädagogische Fachkräfte zielführend als dauerhafte Zweitbesetzung im Unterricht zu etablieren. Bürokratische Hürden hinsichtlich der Arbeitsvertragsgestaltung sollten zügig abgebaut werden. Die Erhöhung des Beschäftigungsumfanges auf mindestens 65 % ist ein Schritt in die richtige Richtung. Aber hier gibt es bis hin zur Vollbeschäftigung erheblich mehr Potential, um unsere Schulen vor dem personellen Kollaps zu bewahren. Der Hort ist die letzte personelle Reserve über die Thüringer Grundschulen noch verfügen.

Es ist mehr denn je an uns, uns selbst dafür stark zu machen – trotz aller beruflichen Belastung.

Wir müssen unsere pädagogische Stimme lauter erklingen lassen. Zu wenig Lehrer sind gewerkschaftlich organisiert. Wir müssen unsere Gewerkschaften und Verbände durch Betritt und Beitrag unterstützen, damit diese sich für unsere Interessen einsetzen können. Es reicht nicht, sich darauf zu verlassen, dass es andere schon richten werden. Und auch gerade deshalb habe ich diesen Text geschrieben, der für mich auch noch einmal zusätzliche Arbeit bedeutete. Um mich eben nicht auf jemanden anderen zu verlassen, sondern um selbst aktiv zu werden.