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Die Situation der Erzieher*innen an den HortenHorten oder fördern wir die Kinder an unseren Grundschulhorten?

Diese provokante Frage haben am 29. April über 20 Erzieher*innen von Grundschulen aus Weimar und dem Weimarer Land in einem Fachgespräch mit Fachpolitikern gestellt. Der Einladung waren die bildungspolitischen Sprecher*innen Torsten Wolf (DIE LINKE) und Christian Tischner (CDU) gefolgt.

11.06.2019 - Steffi Kalupke - GEW-Kreisvorsitzende der Kreisverbände Apolda und Weimar

Es fehlt an fast allem.

Zunächst hörten beide Politiker eine halbe Stunde nur zu, was die Kolleg*innen aus den Grundschulhorten sachlich, sehr konkret und eindringlich schilderten. Nicht nur an nicht besetzten Stellen, vor allem aber auch an den zu geringen Beschäftigungsumfängen fehlt es, insbesondere bei den jungen bzw. neu eingestellten Kolleg*innen. Von 60 bis 65 % Beschäftigungsumfängen kann man keine Familie ernähren, das betonten vor allem auch die männlichen Beschäftigten. Aufstockungen beim Sozialamt sind nach 5 Jahren Ausbildungszeit eine Demütigung. Auch der Weggang z. B. in die Kindergärten, wo es höhere Beschäftigungsumfänge gibt, sind gravierende Folgen. Dass bei Krankheit und Urlaub von Kolleg*innen dann Gruppenstärken von 40 Kindern für eine Erzieher*in an der Tagesordnung sind, ist ein Riesenproblem – allerdings eines von mehreren.

Beim Thema Inklusion und der zunehmenden Vielfalt der zu betreuenden Schüler*innen wurde dann klar, dass es notwendig ist, die Begleitung/Hilfestellung für die Schüler*innen bereits am Vormittag des Schultags einzubauen. Warum nicht über sonderpädagogischen Nachqualifizierungen von Erzieher*innen auch diese am Vormittag in der Ganztagsschule bewusst einzusetzen? Im Begriff der Ganztagsschule ist mit der Rhythmisierung des Schulalltags schon lange der ganztägige Einsatz der Erzieher*innen vorgesehen und auch teilweise thüringenweit praktiziert worden. Damit könnte auch die zu geringe Anzahl von Förderschulpädagog*innen etwas ausgeglichen werden. Und damit wären alle Kinder - insbesondere die verhaltensauffälligen – während des ganzen Schultages (u. a. auch beim Schwimmunterricht, an Projekttagen, Schulfesten, Wandertagen oder einfach nur in den Pausen) wesentlich besser betreut. Genau für die zunehmende Anzahl von Kindern mit Besonderheiten / Auffälligkeiten sind eine Wochenstunde Vor- und Nachbereitung pro Erzieher*in völlig unzureichend. Mindestens zwei Stunden sind die klaren Forderungen der Anwesenden gewesen.

Schnelle Lösungen nicht in Sicht, stattdessen Absichtserklärungen

Die beiden Politiker hatten diese Vielzahl von Problempunkten sicher nicht erwartet. Beide konnten keine greifbaren und sofortigen Lösungen anbieten. Die Ausnahme war der Verweis darauf, dass bei den LINKEN im Wahlprogramm das Vorhaben von Stellen mit 100 % Beschäftigungsumfängen aufgeführt ist. Aber auch im Landeshaushalt für 2020 ist nur ein durchschnittlicher Beschäftigungsumfang von 71 % vorgesehen. Diese Zahl verniedlicht allerdings das Problem der prekären Beschäftigungen an den Horten der jüngeren Kolleg*innen, denn die 80 %-Stellen der älteren Kollege*innen werden hier mit eingerechnet.

Christian Tischner, CDU, versuchte dann, die ehemals kommunalisierten Horte als Erfolgsmodell zu loben. Auf eine direkte Nachfrage hin verneinte er aber, dass die CDU dieses Modell nach einer möglichen Übernahme der Regierungsverantwortung wieder aufleben lassen wolle. Es wurde im Fachgespräch darauf hingewiesen, dass die volle und üppige Finanzierung der kommunalisierten Horte durch das Land zum einen nicht dauerhaft erfolgt wäre und zum anderen eine sehr unterschiedliche Ausgestaltung durch die Landkreise und Städte erfolgt wäre, denn nicht jede Kommune ist wohlhabend. Dass diese Erzieher*innenstellen eigentlich für den Stellenabbaupfad im öffentliche Dienst geopfert werden sollten, kam von Tischners Seite nicht zur Sprache.

Was die Erzieher*innen fordern

Beiden Politikern wurde klare Forderungen für bessere Arbeitsbedingungen mit auf den Weg gegeben:

  1. Maximal 20 Kinder pro Gruppe – und das solle nicht nur in der Verwaltungsvorschrift des Bildungsministeriums stehen, sondern auch in der Praxis umgesetzt werden. Die Realität sieht seit Jahren so aus, dass die Schulleitungen mit einer Gruppengröße von 25 planen müssen.
  2. Die Schaffung eines Stellenpools in Höhe von 10 Prozent, um bei Krankheit von Beschäftigten oder bei Beschäftigungsverboten von Schwangeren sofortige Abhilfe schaffen zu können.
  3. Die Stellenanteile der älteren Kolleg*innen, die in den Ruhestand gehen (also die 80 % Stellen) sollen an der Einrichtung verbleiben und dort auf die Beschäftigten verteilt werden – und eben nicht in den Stellenpool des Schulamts einfließen. Ziel soll sein, damit bessere Angebote für jüngere Beschäftigte zu schaffen.

Die nicht anwesenden Fraktionen (Grüne, SPD) werden durch einen gesonderten Brief über diese Diskussionsrunde informiert, denn die Erzieher*innen schauen sehr bewusst auf die konkreten Ausführungen der Parteien zur Landtagswahl im Oktober 2019.

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