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Freie Träger in der Erwachsenenbildung: Prekäre Bedingungen als Regelfall

Ich bin seit fast 15 Jahren in der Erwachsenenbildung in Thüringen unterwegs. Ich kenne die Bildungslandschaft in Thüringen aus verschiedenen Blickwinkeln, dozierend für Honorar, befristet in Bildungsprojekten und auch koordinierend. Ich bin es gewohnt, in Projektzeiten von zwei bis drei Jahren zu arbeiten. Es macht mir Spaß, Neues zu lernen. Ich habe einen Universitätsabschluss mit einem pädagogischen Hintergrund. Im diesem Jahr habe ich mich mehrfach auf Stellen in Thüringen beworben. Ich möchte kurz auf drei Bewerbungsgespräche eingehen, die mir in Erinnerung geblieben sind:

12.12.2016 - Ein GEW-Mitglied

  • Erste Erinnerung: Bildungsmanager*in in einer großen Stadt in Thüringen

Es sollte ein neuer Standort für berufliche Weiterbildung durch mich aufgebaut werden, der Job war natürlich auf zwei Jahre befristet. Die erste Frage war, ob ich denn einen Lebenslauf für die beiden hätte, denn sie haben ihre Exemplare im Büro vergessen. Nach der üblichen Abfrage meiner bisherigen Erfahrungen und Kenntnisse fragte ich nach meinen Aufgaben am neuen Standort.

Die Antwort lautete: „Sie leiten den neuen Standort, sie sorgen für die pädagogische Konzeption, Koordination, für die Werbung von neuen Teilnehmern und sie bauen Kontakte zur Arbeitsverwaltung auf und den örtlichen Unter­nehmen.“ Soweit so gut dachte ich, aber es ging noch weiter: „Natürlich gehört auch das Unterrichten dazu und auch die sozialpä­dagogische Beratung der Teilnehmer dazu.“ 

Mmhhh, viele Aufga­ben, dachte ich mir. „Wir möchten natür­lich, dass sie unter­nehmerisch denken und wir bieten Ihnen 24 Tage Urlaub, natür­lich in den Schulfe­rien.“ Das gesamte Gespräch hatte einen gönnerhaften Unter­ton in der Richtung, wir bieten Ihnen die Chance, sich bei uns zu beweisen. Nach 90 Minuten Befragung kam die Frage nach dem Gehalt: Die Zeit war gekommen, unternehmerisch an mich zu denken: „Ich möchte unge­fähr eine E 12 vergleichbare Vergütung.“ Die Gesichter fielen in sich zusammen. 

  • Das zweite Gespräch  

war bei einer Gebietskörperschaft, es ging um befristete Stelle im Bil­dungsbereich auch wieder für zwei Jahre. Zu Anfang wurde ich dar­auf hingewiesen, dass ich mich glücklich schätzen dürfe, eingeladen worden zu sein. Und es wurde betont, dass es sich um eine wissen­schaftliche Stelle handele.

Daraufhin wurde ich gefragt, ob ich überhaupt wissenschaftlich arbeiten könne. Als Antwort verwies ich höflich auf meinen Hoch­schulabschluss. Auf meine Frage, welche Summe an Sachmitteln für das Projekt eingestellt sind, wurde mir beschieden, dass zu den Per­sonal- und Reisekosten keine weiteren Mittel eingeplant sind.

Als nächstes ging es um das Gehalt. Es wurde die in der Stellenaus­schreibung genannte Gehaltsgruppe erwähnt. Ich erdreistete mich, eine meiner Berufserfahrung angemessene Einstufung der Stufe 4 zu fordern. Daraufhin kam die Frage, welche Begründung ich dafür habe. Ich verwies auf meine Berufserfahrung und auf die Wissen­schaftlichkeit der Aufgabe, die vorher so oft betont wurde, welche sich jedoch nicht in der Einstufung der Tätigkeitsgruppe äußerte. Am Ende verplapperte sich der Personaler und meinte, es wäre nicht mehr als die Erfahrungsstufe 1 beantragt worden. 

  • Gespräch Nummer drei

ging um eine Tätigkeit bei einem Träger der beruflichen Bildung im ländlichen Raum. Zwei Optionen wurden angeboten: entweder als befriste Beschäfti­gung über zwei Jahre oder als Honorarkraft. 

Die 40-Stunden-Woche wird mit 2.300 brutto entlohnt, wobei davon 28 Stunden auf das Lehrdeputat entfallen. Der Urlaub beträgt 30 Tage. Als Honorarkraft wäre man damit bei knapp 25 € pro Stunde. Wobei der Stundenumfang wöchentlich angepasst wird, als Honorarkraft ist man also nie sicher, was man nach Hause bringt. Selbstverständlich solle man möglichst jeden Tag zur Verfügung stehen. 

  • Mein Fazit

Ich bin immer wieder erstaunt, wie Thüringer Arbeitgeber im Bildungs­bereich sich ein großzügiges Arbeitsangebot vorstellen und gern Men­schen mit einem Master- oder Diplom-Abschluss und entsprechenden Berufserfahrungen suchen, aber nur befristet und zum Preis eines Berufsanfängers ohne jegliche Erfahrungen einstellen wollen. 

Natürlich habe ich keine dieser Arbeitsangebote angenommen.

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