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„Es gab Kinder, die ihn töten wollten – und das schon im Kindergarten.“

Das Gespräch mit den Eltern eines autistischen Sohnes wurde anonymisiert. Gern stehen die beiden für Nachfragen oder einen Erfahrungsaustausch zur Verfügung, der Kontakt erfolgt über die Redaktion.

12.09.2016 - Michael Kummer

  • Welche Behinderung hat Euer Sohn Paul denn?

Mutter: Paul ist Asperger-Autist und seine Beeinträchtigungen liegen vor allem im sozial-emotionalen Bereich. Er ist in der Kommunikation recht eingeschränkt und kann manchmal nicht sagen, was er möchte. Er ist andererseits aber sehr schlau und auf einem normalen Gymnasium sehr unterfordert gewesen.

  • Das heißt, er ist jetzt auf einer anderen Schule?

Mutter: Er ist jetzt auf einem Spezialgymnasium für Mathe, Informatik und Naturwissenschaften. Und dort ist es deutlich besser. 

  • Wenn wir jetzt auf die frühkindliche Bildung, Kindergarten oder Grundschule schauen, was waren denn die genauen Probleme in den Bildungseinrichtungen in Bezug auf die Behinderung von Paul?

Mutter: Die Kindergartenzeit war eine mittelschwere Katastrophe. Es gab Kinder, die sagten, dass sie ihn töten wollten und das schon im Kindergarten. Er hat sich dort total zurückgezogen und sich heimlich das Lesen beigebracht, mit fünf Jahren. Er hat draußen nur auf der Schaukel gesessen und die anderen beobachtet, drin hat er sich zurückgezogen und sich an die vielen kleinen Kindercomputer gesetzt und das Lesen und Rechnen geübt. 

  • Wart ihr im Gespräch mit der Leitung der Einrichtung oder den Erzieherinnen?

Mutter: Natürlich, aber wir wussten bis dahin noch nichts von Autismus. Alle anderen haben einen vertröstet. Selbst die Ärztin hat einem gesagt, dass er sich schon noch entwickle. Aber man hat früh gemerkt, dass er total anders ist als andere Kinder. Er war überhaupt nicht so offen und wollte überhaupt nichts mit anderen zu tun haben. Er wollte lieber seine Ruhe und hat sich wohlgefühlt, wenn er für sich alleine war.

Vater: Und wenn es nicht so laut war. Schön still musste es sein, dann war alles gut. 

  • Und wurde da seitens des Kindergartens Rücksicht genommen? Wurden da spezielle Angebote unterbreitet?

Mutter: Ach, gar nichts. Wie gesagt, die wussten nichts von Autismus, wie wir auch. Er war dort der Außenseiter, der links liegen gelassen wurde, weil er angeblich nicht reden könne und er dumm sei. Wir wurden dann angesprochen, dass es einen neuen Fachkräftedienst vom Jugendamt gäbe und ob die ihn mal holen sollten. Daraufhin sagte ich zu. Das hat das Ganze dann endlich ins Laufen gebracht, wobei ich schon so lange gedrängt hatte. Dann kam eine Frau vom Jugendamt, die sich das Kind angeguckt hat und dann mit uns und dem Kindergarten gesprochen hat. Sie fragte, ob wir schon mal etwas von Hochbegabung gehört hätten. Das verneinte ich, schließlich behauptete der Kindergarten ja das Gegenteil. Obwohl ich gemerkt habe, dass er nicht dumm ist, denn er konnte zu dem Zeitpunkt ja schon lesen. Er hatte mir den Speiseplan vorgelesen, im Kindergarten. Aber der Kindergarten ist damit nicht richtig gut umgegangen – auch nicht, als sie das dann wussten. 

  • Und die Diagnose ist während seiner Kindergartenzeit erstellt worden?

Mutter: Nein. Die Grundschule war dabei auch in keiner guten Situation, denn die wussten auch noch nichts von seinem Autismus. Sie wussten nur etwas von seiner Begabung. Dort ist er so angekündigt worden, dass er ein Sonderling sei und dass man sich auf etwas gefasst machen müsse. Obwohl Paul kein auffälliger, lauter Autist ist. Er ist eher zurückgezogen. Es gibt ja auch andere, die dann richtig auf den Tisch hauen und ihren Willen wollen, aber er will ja eigentlich nur in Ruhe gelassen werden und will lernen. Und das schon immer, schon als er ganz klein war. Er wollte nicht spielen, nur wenn ich ihn dazu aufgefordert habe. Er wollte eigentlich immer nur was lernen. Er hat immer nur mit Büchern zu tun gehabt, das wollte er, mehr nicht. 

  • Warum hat das Aggressionen bei anderen Kindern ausgelöst, obwohl Paul doch immer allein sein wollte?

Mutter: Das habe ich mich auch immer gefragt, aber kleine Kinder haben ein ganz feines Gespür, wenn jemand anders ist, nicht mit anderen rumtobt oder alles so mitmacht, auch Bösartigkeiten. Undsolche Kinder werden dann halt niedergemacht. 

  • Und zu dieser Zeit war noch das Etikett dran, dass er besonders begabt und dadurch komisch sei? Wie hat daraufhin die Grundschule reagiert?

Mutter: Die Grundschule wusste nur von der Hochbegabung und ist da auch nicht richtig drauf eingegangen. Es war mehr so nach dem Motto: „Ach es wird schon alles.“ Und er hatte das Glück, das er dort einen Lehrer hatte, der mit Paul als Autist, sehr gut umgegangen ist. Er hat das aus dem Bauch heraus alles richtig gemacht und hat ihn einfach so genommen, wie er ist. 

  • Was ist der richtige Umgang mit Paul oder was müsste man da beachten, wenn man seine Lehrerin wäre?

Mutter: Naja, erst einmal kein Drama um diese Diagnose machen.

Vater: Und ihn eigentlich auch wie alle anderen behandeln. Und auch bei bestimmten Situationen eine Rückzugsmöglichkeit eröffnen. Das wäre ganz wichtig, denn irgendwann ist er zu sehr angespannt und dann bricht irgendwas aus, sodass er sich unter einen Tisch verkriecht oder irgendetwas in der Art. Und damit muss man dann umgehen können. 

  • Was hatte die Grundschule denn für ein Konzept?

Mutter: Es gab zum großen Teil Frontalunterricht. Dann wurde angefangen mit einer Art Tagesplanarbeit und darin ist er richtig aufgegangen. Er konnte da richtig loslegen, denn man darf nicht vergessen, dass er dahin gekommen ist und schon lesen und rechnen konnte. Er ist am ersten Tag nach Hause gekommen mit seiner neuen Fibel, hat sich hingesetzt und darin gelesen. Gegen um 5 hat er die Fibel hingeschmissen und war fertig. Das war dann so das ganze erste Schuljahr. 

  • Das heißt: Individuelle Lernformen sind genau das Richtige für ihn?

Mutter: Absolut.

Vater: Und man muss weiterhin sagen, dass es weder im Kindergarten noch in der Grundschule ein Förderkonzept für ihn gegeben hat. Dann gab es immer Konzepte für Schüler, die nicht so gut zu Recht gekommen sind. Denen hat man Nachhilfe gegeben, aber diejenigen, die nach mehr gelechzt haben, für die war nichts vorgesehen.

Mutter: Wir haben da ständig drauf gedrängt, haben uns nach und nach erkundigt. Auch auf speziell einen Förderplan. Den hat er dann irgendwie bekommen, aber da ist eigentlich nie etwas gemacht worden. Die Schule war damit einfach ein wenig überfordert. 

  • Gab es eine Förderschulpädagogin an der Schule?

Mutter: Nein, die gab es erst einmal noch nicht. Erst als die Diagnose, die er in der zweiten Klasse bekam, feststand, wussten wir, dass er ein Asperger-Autist ist. Und dann haben wir sofort angefangen zu kämpfen, dass er eine Integrationshelferin bekommen sollte. Was sich erst schwierig gestaltet und gedauert hatte, verbunden auch mit vielen Anträgen, aber schlussendlich hat er dann eine bekommen. Allerdings war die eine Horterzieherin. Sie hatte keine spezielle Ausbildung dafür, aber ist mit Paul trotzdem gut umgegangen und hat ihm ganz gut getan. Vor allen Dingen auch dahingehend, dass ihn die anderen Schüler dann in Ruhe gelassen haben. Denn zuvor ist er total gequält wurden. Die ersten zwei Jahre waren für ihn die Hölle. 

  • Was ist denn passiert?

Mutter: Er konnte alles, was gemacht wurde, immer schon vorher und ist von den anderen Schülern gequält worden. Er wurde eingesperrt, geschlagen, geprügelt oder angespuckt von Mitschülern und ihm wurden Sachen zerrissen. So lief das eigentlich täglich. Es gab eine Phase, in der ich täglich dort war oder zumindest angerufen habe.

Vater: Er hat sich auch nicht gewehrt. Jeder andere Schüler hätte sich irgendwann gewehrt, aber Paul hat alles mit sich machen lassen und wollte nur seine Ruhe.

Mutter: Er war ja auch viel zu langsam dafür. Er ist motorisch recht eingeschränkt, damals viel mehr als jetzt, und die anderen waren da viel zu schnell. Er hatte Beine, blau wie Landkarten damals. Das sah schlimm aus. Es war eine Katastrophe, speziell vor der Diagnose. Die war dann ein Segen, weil die Lehrer dann aufpassen mussten. Vorher hieß es, es seien ganz normale Kinderstreitigkeiten. 

  • Selbst diese Gewaltausbrüche wurden so wegdiskutiert?

Vater: Das machen die Kinder auch dann, wenn sie möglichst unbeobachtet sind.

Mutter: Es war dann ja auch die halbe Klasse, die auf ihn drauf ist. Die Kinder sind draußen rumgerannt und schrien, dass der Paul die Schule verlassen soll. Sie wollten ihn nicht haben und das ging dauerhaft so. Leider standen auch die Eltern so dahinter.

  • Wurde es denn zu Ende der Grundschulzeit besser, was die Behandlung von Paul betraf?

Mutter: Die Mitschüler mussten ihn dann mehr oder weniger in Ruhe lassen, weil die Lehrer dann mehr darauf geachtet haben. Aber Paul hat nie dazugehört. Weiterhin gab es ein Mädchen in der Klasse, die fast genauso schlau war wie Paul, die ihn aber als Konkurrenz gesehen hatte. Das wollte Paul gar nicht. Er hatte sich sogar gefreut, jemanden zu haben, der auch so schlau ist. Sie hat ihn aber total ausgegrenzt und ihre Intelligenz dazu genutzt, die Mitschüler gegen ihn aufzuhetzen. 

  • Wie kam er auf das Gymnasium?

Vater: Er hat in der ersten Klasse schon Aufgaben der vierten Klasse gerechnet. Er hat in der dritten Klasse schon an der Matheolympiade teilgenommen, die eigentlich erst ab der vierten Klasse ist. 

  • Und dann habt ihr euch Gedanken gemacht, wo er hingeht?

Vater: Das nächste wäre G. gewesen. Da war unsere große Tochter schon. Allerdings sollte da dieses „Konkurrenzmädchen“ mit ihrer Truppe hin. Und da sich Paul sogar irgendwann nicht mehr getraut
hat zu sprechen, weil sich die Truppe so über seine Worte lustig gemacht hat, wollte er da nicht hin. Und dann kannten wir außerdem noch einen anderen Autisten, der in G. schlecht behandelt worden und nach einem Jahr mit gebrochenen Arm und einer Anzeige von der Lehrerin auf ein anderes Gymnasium abgegangen ist. Deswegen war G. für uns überhaupt gar keine Option.

Mutter: Wir wussten von dem besagten Jungen, welcher aus G. weg ist, dass er in K. auf dem Gymnasium gelandet ist. Daraufhin haben wir uns das relativ zeitig angeschaut.

Vater: Sie hatten eine sehr gute Schulleiterin damals. Diese hatte bereits Erfahrungen im Umgang mit autistischen Kindern und war deshalb sensibel dafür.

Mutter: Und sie war da auch ganz offen und hatte sofort gesagt, dass die Integration solcher Kinder kein Problem sei. 

  • Was waren die besonderen Werkzeuge oder Mittel dieser Schule? Hat sie Integrationshelfer oder kleinere Klassen?

Mutter: Sie hatten nicht unbedingt kleinere Klassen. Allerdings haben sie eine Sonderpädagogin, die immer noch dort angestellt ist. Sie war für die Kinder zuständig, hat diese betreut. Auch einzeln, sodass sie einzelne Stunden mit in den Unterricht gegangen ist und vor allem auch die Lehrer sehr gut im Umgang mit autistischen Kindern beraten hat. Sie machte klar: „So etwas kann man von dem Kind erwarten und so etwas kann das autistische Kind nicht.“ Daraufhin wurden vereinzelt Abstriche gemacht oder Aufgaben geändert.

Vater: Der Unterschied war auch einfach, dass die Schule von Anfang an gesagt hat, dass sie die Schüler nimmt. Sie seien nichts Spezielles oder Besonderes, sondern einfach etwas anderes und die Schule wird sich darauf einstellen. Das gehörte einfach zur Haltung der Schulleiterin und der Lehrer – deswegen hat es auch funktioniert und wurde besser. 

  • Wurde es auch dann mit den Mitschülerinnen und Mitschülern besser?

Mutter: Mit den Mitschülern leider nicht wirklich. Wir hatten das Pech, dass er in einer ziemlichen Chaosklasse war, wo auch alles nicht so gut lief. Er war dort nicht der einzige Außenseiter. Er hat dann leider bei den Schülern auch nie wirklich dazugehört. Mit den Lehrern klappte es dagegen sehr gut. Es hat ihm dann sehr leid getan, von den vielen tollen Lehrern weg zu gehen. 

  • Wann ist er denn weggegangen?

Mutter: Nach der achten Klasse. Er hatte sich ja im Spezialschulteil des Gymnasiums in E. beworben. 

  • Dieser Spezialschulteil geht doch erst ab der neunten Klasse los?

Vater: Ja genau. Da musste er ein aufwendiges Prüfungsverfahren durchlaufen, welches er auch bestanden hat. 

  • War es sein Wunsch dahin zu gehen oder habt ihr ihm das nahegelegt?

Mutter: Ich habe das ehrlich gesagt schon ein bisschen gelenkt. Ich hab ihn immerzu dazu ermutigt, denn sie haben ihn ja jedes Jahr vom Spezialschulteil angeschrieben. Er hat in K. jede Matheolympiade mitgenommen, die es gab, und hat auch immer sehr gut abgeschnitten. Daraufhin hat er vom Spezialschulteil immer Post bekommen, die ihn zu einem Mathekorrespondenzzirkel eingeladen haben. Später hat er dann im zweiten Anlauf an so einem Korrespondenzzirkel teilgenommen und die haben ihn daraufhin zu einem Treffen des Zirkels in die Schule eingeladen. Zu diesem Wochenende ist er dann hingegangen und der Probeunterricht hat ihm dann richtig gut gefallen. Und dann sah er das als Option, weil er in K. auch nicht richtig glücklich war. Später wurde er zwar von seiner Klasse in Ruhe gelassen, aber auch wirklich nur in Ruhe gelassen. Insgesamt war er dort nicht glücklich.

Vater: Er war auch weiterhin unterfordert. Da gab es Fächer, in denen er sich zu Tode gelangweilt hat. 

  • Unabhängig davon, dass er jetzt in Mathe so stark gefördert wird, passiert da jetzt noch was anderes in Hinblick auf seine Beeinträchtigung?

Vater: Die gehen da ganz anders mit um. Da wird überhaupt kein Drama draus gemacht. Er ist mit Schülern zusammen, die genau wie er lernen. Und genau das ist der Punkt. Er ist dort einer von vielen. Er ist dort kein Sonderling und hat gar nicht das Gefühl, dort anders zu sein als die anderen. Er hat jetzt auch nicht die Schulnoten wie vorher. Vorher hatte er ja fast nur Einsen gehabt. 

  • Da musste Paul viel mitmachen, ehe er so angenommen wurde, wie er ist.

Vater: Ein großes Problem bei der Integration von speziellen Schülern an normalen Schulen ist die Tatsache, dass die Kinder mit diesem Anderssein schwer umgehen können. Die Kinder und auch die Eltern.

Mutter: Sie gaben ihm immer das Gefühl, dass er nicht hierher gehört und dass sie ihn nicht haben wollten, aber das ist jetzt zum Glück ganz anders!

  • Vielen Dank für das Gespräch.
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