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Kommentar

Die demografische Rendite in die Qualität investieren!

Die Bertelsmann-Stiftung sorgt mit ihrer aktuellen Studie „Weniger Geburten, mehr Lehrkräfte – Spielraum für die Grundschulentwicklung“ (Klaus Klemm und Dirk Zorn) derzeit für Aufregung. Ich habe sie mir angeschaut.

Klemm und Zorn kommen nach ihren Modellierungen der Entwicklung von Schüler:innenzahlen bis zum Schuljahr 2035/36 im Vergleich zur Bestandsentwicklung der Lehrkräfte an Grundschulen zu dem Ergebnis, das bereits ab 2025 der Einstellungsbedarf deutlich sinken wird und ab etwa 2030/31 sogar ein Überangebot an Lehrkräften zur Verfügung steht.

In Zeiten des Lehrkräftemangels kaum vorstellbar, aber auch für Thüringen sagt das Statistische Landesamt deutlich geringere Geburtenzahlen voraus, was bereits zu angekündigten Schließungen von Kindergärten führt.

Was mir auffällt:

  • Klemm & Zorn rechnen offenbar nicht mit Zuzügen und weiteren Migrationsbewegungen aufgrund globaler Krisen. Ja, das ist schwer kalkulierbar, aber in einem Modell doch zumindest darstellbar.
  • Klemm & Zorn kalkulieren zugleich nicht ein, dass auch in der Primarstufe Mehrarbeit anfällt, die für Bildungsministerien zumeist unsichtbar bleibt, aber in zahlreichen Arbeitszeitstudien (z. B. von der Kooperationsstelle Hochschulen und Gewerkschaften der Universität Göttingen, Dr. Frank Mußmann) nachgewiesen werden kann.
  • Nach meiner vorsichtigen Einschätzung fehlt in der Betrachtung der Bestandsentwicklung, dass die gegenwärtigen Belastungen möglicherweise zu einem früheren Eintritt in den Ruhestand (Klemm/Zorn: 64 Jahre, Thüringen: 62 Jahre) führen.
  • Klemm & Zorn nehmen nicht in den Blick, dass die Zahl der Studienanfänger:innen für Lehramt nicht nur demografiebedingt gesunken ist, sondern auch wegen der mangelnden Attraktivität des Lehrer:innenberufs und somit schwer abzuschätzen ist, ob genügend Nachwuchs ausgebildet werden kann.

Wer die Studie bis zum Ende liest, dem fällt auf, dass Klemm & Zorn nicht zu dem Schluss kommen, dass ein möglicher Überhang an Grundschullehrkräften etwas sei, das schlecht man verhindern müsse. Vielmehr regen sie an, den ewigen Kreislauf von Überschuss und Mangel zu durchbrechen. Sie machen drei konkrete Vorschläge, wie mit einem Mehr an Lehrkräften umgegangen werden kann:

  • Einsatz im StartChancen-Programm, mit welchem 4.000 Schulen in herausfordernden Lagen bundesweit (in Thüringen bis zu 100) unterstützt werden sollen.
  • Einsatz im Ganztag, um die Umsetzung des ab 2026 geltenden Rechtsanspruchs auf ganztägige Betreuung in der Grundschule, zu gewährleisten.
  • Qualifikation für die Klassenstufen 5 und 6 in ausgewählten Fächern, um dem weiterhin hohen Lehrkräftemangel in der Sekundarstufe 1 auszugleichen.

Ich möchte um einen weiteren Punkt ergänzen:

  • Um die bereits existierende Mehrarbeit der derzeitig beschäftigten Grundschullehrkräfte abzusenken, wäre der Einsatz im Mehrpädog:innensystem eine spürbare Entlastung für Grundschulen.

Mein Fazit:

Trotz einiger Schwächen der Studie gibt sie uns als GEW mehr Argumente in die Hand, die demografische Rendite endlich in die Qualität zu investieren. Sei es durch konkrete Entlastung, weil sich mehr Lehrkräfte um die individuelle Förderung kümmern können oder durch die Unterstützung im Ganztag und im StartChancen-Programm.

Es ist auch an uns, die Chancen dieser prognostizierten Entwicklung aufzuzeigen und zu nutzen, damit Grundschulen ihrem Bildungsauftrag wieder besser nachkommen können, ohne dass dabei die Belastungsgrenzen der Kolleg:innen permanent überschritten werden.

 

Quellen:

Weniger Geburten, mehr Lehrkräfte (bertelsmann-stiftung.de)

Niedersächsische Arbeitszeitstudie 2015 / 2016 (uni-goettingen.de)

Kontakt
Kathrin Vitzthum
Landesvorsitzende
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