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Zur aktuellen Lage in ThüringenWie ein Kaugummi alle müde macht

Ich spüre in mir eine Müdigkeit, wie ich sie bislang nicht kannte. Ich bin müde, ob der vielen Diskussionen über Lockdown, Test- und Impfstrategie, Öffnung, Schließung, immer und immer wieder. Ist das schon die Frühjahrsmüdigkeit?

26.03.2021 - Kathrin Vitzthum - Landesvorsitzende

Während des letzten Frühjahrs hatte ich den Eindruck, dass die Landesregierung in Thüringen einen inneren Fahrplan hatte, wie sie mit dieser Pandemie umgehen will. Klar, da lief auch nicht alles rund, mussten wir um vieles kämpfen, einiges geraderücken und bremsend eingreifen. Aber so insgesamt blieb es ein transparentes und damit weitgehend ruhiges Fahrwasser.

Dieser Eindruck wiederholt sich nicht - eher im Gegenteil.

Als Bundesland mit dem höchsten Inzidenzwert diskutieren wir nicht einmal über Strategien vorsichtiger Öffnungen, nein, wir machen auf. Teils ohne dass es genügend Schnelltests gibt, geschweige denn genügend Impfstoff, der in großem Maße vor der Infektion schützt, mindestens aber schwere Verläufe nach einer Ansteckung verhindert. Überhastet wirken die Entscheidungen des Thüringer Ministeriums für Bildung, Jugend und Sport (TMBJS). Die kaugummiartige Haltung des Ministerpräsidenten Bodo Ramelow zum Umgang mit der Pandemie erzwingt zunehmend spontane Entscheidungen bzw. deren Korrektur. Am liebsten übrigens freitags, gegen 15:10 Uhr, wenn auch die Schulleiter:innen denken, sie könnten nun endlich mal Feierabend machen. Das macht alle müde.

Unerfüllbare Mitgliederwünsche

Müde macht aber auch, dass wir es nicht allen Mitgliedern Recht machen (können). Während einige uns vorwerfen, wir sollten uns nicht zum Narren machen und als Regierungskasperle die unsäglichen Maßnahmen verteidigen, verlangen andere, dass wir noch viel mehr tun müssen, bevor überhaupt an die Rückkehr in die Bildungseinrichtungen zu denken ist. Für mich stehen, und daran hat sich seit Beginn der Pandemie nichts geändert, sichere Arbeitsbedingungen für alle Pädagog:innen, aber auch sichere Lern- und Betreuungsbedingungen für die Schutzbefohlenen im Fokus. Noch sind die Langzeitfolgen einer Covid-19-Erkrankung nicht vollständig bekannt, aber sicher ist, dass ein Großteil der Genesenen lange Zeit braucht, um zur ursprünglichen Leistungsfähigkeit zurückzukehren. Angesichts bereits jetzt hoher Ausfälle durch Langzeitkranke halte ich es für ausgesprochen kurzfristig gedacht, über eine häufigere Testung des Personals „nur“ die Infektionsketten zu unterbrechen, statt dafür zu sorgen, dass sich möglichst wenige überhaupt anstecken.

Vermeintlich neue pädagogische Herausforderungen

Die Schließung der Bildungseinrichtungen stellt uns alle ja vor noch mal ganz andere pädagogische Herausforderungen. Wie umgehen mit Kindern, die in der Pandemie den Anschluss verloren haben? Die vermehrt physischer und psychischer Gewalt ausgesetzt waren? Wie zurückholen ohne zu stigmatisieren? Wie aber auch mit Lernfortschritten umgehen, mit neu und selbsterworbenen Kompetenzen, die es unweigerlich gibt, wenn der Distanzunterricht richtig gut funktioniert hat? Kleben bleiben am Lernstoff, also der abrechenbaren Menge an Inhalt, oder doch eine Konzentration auf Kompetenzen?

Individuelle Förderung gewinnt einmal mehr an Bedeutung und die braucht Ressourcen: Zeit, Personal, Geld. Langzeitkranke Pädagog:innen fehlen dann erst recht. In diesem Sinne muss noch viel mehr getan werden, um Bildungseinrichtungen zu sicheren Orten zu machen!

Sonne, frische Luft und Mut!

So, nun lasst Euch nicht anstecken von meiner Müdigkeit. Während ich diesen Text schreibe, scheint nach einem heftigen Regenguss die Sonne und lässt völlig vergessen, dass es vor zwei Wochen 18 °C in Thüringen hatte und wenige Tage davor noch nicht mal die riesigen Schneemengen in Erfurt beseitigt waren. Die Nase in die Sonne halten, frische Luft schnappen, so oft es geht und niemals den Mut verlieren!

Diese Pandemie fordert viel von uns allen, achten wir also auf uns und ein gutes Miteinander.