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"Sich fügen heißt lügen!"

Ausstellung: Erich Mühsam und die Bakuninhütte

„Diese Hütte haben die Genossen gebaut, 600 Meter hoch, mitten im schönsten Wald.“ (Postkarte von Erich Mühsam an seine Frau Zensl vom 9. Februar 1930)

Erich Mühsam lebte seine Vorstellung von Anarchismus und somit gehört seine Persönlichkeit in einem weit größeren Ausmaß, als dies bei anderen Schriftstellern der Fall ist, zu seiner Wirkung dazu. Sein vielseitiges Werk spiegelt sein politisches Wirken wie seine Verbundenheit zum Theater und Kabarett, zu anderen Intellektuellen, zur Boheme sowie sein Engagement für die Arbeiterbewegung und für eine herrschaftslose Gesellschaftsordnung wider. Seine Kindheit und Jugend verbrachte Mühsam als Zeitgenosse Heinrich und Thomas Manns im Lübeck der „Buddenbrooks“. Ab 1900 arbeitete Erich Mühsam als freier Schriftsteller und Publizist in Berlin und München.

Das Leben in der Boheme war für ihn das konsequente Gegenmodell zur Bürgerwelt der Väter. Die Münchener Räterepublik von 1918/19, an der Erich Mühsam an der Seite von Gustav Landauer und Ernst Toller führend beteiligt war, wurde zu einem einschneidenden Ereignis in seinem Leben. Während der anschließenden Festungshaft setzte er sich kritisch mit den Revolutionsereignissen und der marxistischen Geschichtsauffassung auseinander. Nach seiner Entlassung Ende 1924 versuchte er im Berlin der Weimarer Republik vergeblich, linke Kräfte für eine gesellschaftliche Revolution und gegen den heraufkommenden Faschismus zu bündeln.

Als jüdischer Intellektueller und Anarchist wurde Erich Mühsam eines der ersten Opfer der Nationalsozialisten, die ihn in der Nacht des Reichstagsbrandes im Februar 1933 verhafteten. Nach schweren Misshandlungen und Folter wurde er im Juli 1934 im KZ Oranienburg ermordet.

Die Kunde von der Bakuninhütte erreichte auch Erich Mühsam und so war er auch mehrmals bei den Meininger Syndikalisten als Vortragsreisender zu Gast.

Die Ausstellung „Sich fügen – heißt lügen“ zeigt die Geschichte der Bakuninhütte und das ideengeschichtliche Umfeld, aus dem sie entstand.

Einer Einführung in die Geschichte des Anarchismus und Syndikalismus folgt ein Streifzug durch Frühformen der alternativen Lebenskultur, den lebensreformerischen Welten: Wandervogel- und Vagabundenbewegung, Siedlungs- und Genossenschaftsbewegung, Reformpädagogik, Antimilitarismus und Atheismus, Freie Liebe und Sexualhygiene, Vegetarismus.

Natürlich wird auch die Geschichte der Bakuninhütte und ihres Erbauerkreises ausführlich dargestellt. So verdeutlichen unter anderem selbstgefertigte Originalwerkzeuge die Mühsal beim Bau der Hütte. Die letzten Stationen veranschaulichen die Nutzung der Bakuninhütte nach 1933, nach 1945 und nach 1990 bis in die heutige Zeit.

Die Bakuninhütte entstand in den 1920er Jahren auf einer Selbstversorgungsfläche hungernder ArbeiterInnen. Diese kamen aus Meiningen und Umgebung und waren überwiegend in der syndikalistischen Gewerkschaft Freie Arbeiter Union Deutschland (F.A.U.D.) organisiert. Auf dem einstigen Gemüsefeld wurde im Laufe der Jahre erst eine einfache Schutzhütte und später ein Steinhaus gebaut. Es gründete sich der „Siedlungsverein Gegenseitige Hilfe“. Schnell verbreitete sich die Kunde von diesem wunderschönen Ort. Neben der sonntäglichen Nutzung als Ausflugsziel für Menschen aus der Region und als Urlaubsstätte für Arbeiter- Innen aus dem damaligen Reichsgebiet, fanden überregionale Treffen u.a. der syndikalistisch-anarchistischen Jugend statt. 1932 wurde der letzte Erweiterungsbau begonnen.

Doch schon wenig später kam es zur Enteignung durch die Nationalsozialisten; bis 1945 diente die Bakuninhütte der SS, der NS-Jugend und Privatpersonen. Nach erneuter Enteignung wurde sie dem SED-Kreisvorstand Meiningen übertragen und erst landwirtschaftlich, später als FDJ-Jugendferienlager, Stützpunkt für jugendliche Naturforscher und als Übungsgelände der Bereitschaftspolizei genutzt. Nach der Wende scheiterten Bemühungen um Rückübertragung und erst 2005 gelang es, das Anwesen zu erwerben. Seitdem bemüht sich der Wanderverein Bakuninhütte, diesen Ort wieder der Allgemeinheit zugänglich zu machen.

Heute ist das Naturfreundehaus Bakuninhütte eines der letzten baulichen Zeugnisse der in Vergessenheit geratenen anarchosyndikalitischen Bewegung.

KONTAKT

Naturfreundehaus Charlotte Eisenblätter
Johannesstraße 127, 99084 Erfurt
Tel.: 0361 – 66011685
E-Mail: anmeldung@naturfreunde-thueringen.de

AUSSTELLUNG 

„Sich fügen heißt lügen!“
Erich Mühsam und die Bakuninhütte

04.10. 2020 – 30.01. 2021 • Mo – Fr 10.00 – 16.00 Uhr
oder nach Anmeldung: siehe Kontaktdaten
Eröffnung am 04.10.2020 um 16:00 Uhr
mit musikalischer Begleitung:
Isabel Neuenfeldt, Berlin (Akkordeon und Gesang)

VERANSTALTUNGSTERMINE

  • Die Internationale Transportarbeiterföderation (ITF) im Nationalsozialismus. 
    Das RAW (Reichsbahnausbesserungswerk) Meiningen als Teil eines illegalen Netzwerkes
    Vortrag von Dr. Dieter Nelles, Wuppertal
    17.10. 2020; 19:30 Uhr
  • Kaffeefahrt in Meiningen
    Meiningen und die Bakuninhütte im Aufbruch zur Demokratie – ein Versuch
    Geführte Rundreise zu historischen Orten in und um Meiningen
    24.10. 2020; 12:00 Uhr am Bahnhof Meiningen
    (Unkostenbeitrag für Bus, Kaffee und Kuchen: 15 Euro)
    Anmeldung bis zum 10.10. 2020 erforderlich
  • Geschichten, Gedichte und Lieder von Erich Mühsam
    Lasst los die Hebel der Maschinen!
    SJD – Die Falken, Erfurt
    21.11. 2020; 19:30 Uhr
  • Anarchosyndikalismus in Sömmerda
    Spurensuche einer vergessenen Gewerkschaftsbewegung
    Vortrag mit Filmschnipseln
    von Dr. PD Annegret Schüle, Erfurt
    12.12. 2020; 19:30 Uhr
  • Oasen der Freiheit
    Anarchistische Streifzüge (mit Ilja Trojanow)
    Film von Martin Hanni u. Kurt Langbein
    30.01. 2021; 16:30 Uhr
     

Aufgrund der begrenzten Platzanzahl bitten wir spätestens eine Woche vor Veranstaltungsbeginn um Anmeldung.

Beginn
04.10.2020
Ende
30.01.2021
Veranstaltungsort
Naturfreundehaus Charlotte Eisenblätter
Johannesstraße 127
99084 Erfurt
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