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Offener Brief der Lehrerinnen und Lehrer eines Thüringer Gymnasiums: Hilferuf an das Bildungsministerium

27.04.2018 - GEW Thüringen

Am 16. April 2018 und damit wenige Tage vor den beginnenden Abiturprüfungen wendeten sich die Lehrer*innen eines Gymnasiums aus Thüringer mit einem offenen Brief an den Hauptpersonalrat Schule im Thüringer Ministerium für Bildung, Jugend und Sport (TMBJS), an die Thüringer Staatskanzlei und an die bildungspolitischen Sprecher*innen. Dieser offene Brief ist ein lauter Hilferuf in Sachen Arbeitszeit und Mehrbelastung. Die GEW Thüringen sieht darin einen deutlichen Ausdruck veralteter und unzuverlässiger Regelungen auf dem Rücken der Lehrer*innen und hat dem Bildungsministerium bereits signalisiert, an der Lösung der Probleme vor Ort als Vermittler mitzuarbeiten.

In diesem Brief machen sie auf die dauerhaften Belastungen der Kolleg*innen aufmerksam. „Wir werten dieses Schreiben als weiteren Beleg dafür, dass die Praxis im Umgang mit den bestehenden  Arbeitszeit- und Mehrarbeitsregelungen der Thüringer Lehrkräfte mitunter an die Grenzen der Belastbarkeit der Kolleg*innen führt und  deshalb die Regelungen selbst dringend verbessert werden müssen. Das ist ein wichtiger Schritt, um den hohen Langzeitkrankenstand in den Griff zu bekommen“, so Kathrin Vitzthum, Landesvorsitzende der GEW Thüringen. Und weiter: „Wir hoffen immer noch, dass die von Bildungsminister Holter versprochene Änderung in der Kultur des Umgangs mit Problemen seitens des Ministeriums und der Schulämter tatsächlich greift und der Überbringer der schlechten Nachricht nicht für diese verantwortlich gemacht wird. Wer einen Hilferuf absetzt, dem muss geholfen werden und der darf nicht stattdessen sanktioniert werden.“

Seit vielen Jahren weist die GEW Thüringen das Bildungsministerium darauf hin, dass die Regelungen zur Arbeitszeit und zur Mehrarbeit nicht nur präzisiert werden müssen, sondern dass aufgrund der Unklarheiten vielerorts an den Schulen von den Lehrer*innen mehr gearbeitet wird als vertraglich geregelt – und damit auch mehr als bezahlt. Die damit verbundene Verdichtung der Arbeit und der damit einhergehende Stress sind wohl eine der Ursachen für den hohen Langzeitkrankenstand und für die weitverbreitete Unzufriedenheit an den Schulen. Im November 2017 unternahm das TMBJS den Versuch, hier Klarheit hineinzubringen. Die GEW Thüringen unterstützte das und klärte ihre Mitglieder vor allem über die Frage auf, was genau denn Unterricht ist und wann genau Mehrarbeit entstehen kann. Genau hier gehen die Auffassungen auseinander. Diese Differenzen müssen im Interesse der Lehrer*innen aufgeklärt werden, damit  es gerade nicht zu ungerechtfertigter und letztlich nicht bezahlter Mehrarbeit kommt. Hier brauchen die Lehrer*innen und besonders die Schulleiter*innen verlässliche Regelungen an die Hand. Und genau darauf machten die Lehrer*innen im offenen Brief aufmerksam, wenn sie schreiben:

„Führt ein Lehrer am Gymnasium in der Zeit der ersten acht Unterrichtsstunden eines Schultages Aufsicht in Abiturprüfungen und kann deshalb in dieser Zeit seine an diesem Tage zu haltende planmäßig vorgesehene eine Unterrichtsstunde nicht halten, gilt diese eine Unterrichtsstunde … als gehalten. Klargestellt wird, dass ihm in diesem Fall eine - nicht acht - Unterrichtsstunden angerechnet werden.“ Das bedeutet in der Praxis, dass eine Lehrerin/ein Lehrer also acht Unterrichtsstunden arbeitet, aber nur eine bezahlt bekommt. Die Unlogik zu Lasten der Lehrer*innen ist offensichtlich – und letztlich nur ein Beispiel von vielen unklaren oder ungerechtfertigten Regelungen.

Oder um es noch deutlicher mit den Worten eines Kollegen dieses Gymnasiums  auszudrücken: „Am 27. April ist Deutsch-Abi, bis zur Abgabe der zweifach korrigierten Arbeiten haben die Kolleg*innen bis zum 24. Mai Zeit (an unserer Schule müssen die Erstkorrektoren auch die Zweitkorrektur stemmen, um ein ‚hohes Maß an Objektivität zu gewährleisten‘.) Sie haben also 40 Aufsätze in 27 Tagen (davon 12 reguläre halbe Arbeitstage, wenn man unterstellen würde, dass eine Lehrkraft an den Wochenenden und Feiertagen nicht arbeiten würde) neben der vollen Stelle zu korrigieren und sich mit ihrem Zweitkorrektor abzustimmen. In dieser Zeit liegt auch noch der Hauptprüfungstag für das mündliche Abitur. Wenn man pro Aufsatz mit 3 h rechnet, kann sich jeder selbst ausrechnen, wie bekömmlich das für die Gesundheit und das Wohlwollen der Kolleg*innen ist.“

Die GEW Thüringen sieht hier einen hohen Handlungsbedarf, um zu einheitlichen, verlässlichen und verbindlichen Regelungen zu kommen, die auch die Ergebnisse moderner Arbeitszeitstudien berücksichtigen. Es ist offensichtlich, dass die Frage der Arbeitszeit in Zeiten der demografischen Entwicklung im Lehrerkollegium, Stichwort Überalterung, eine immer größere Bedeutung bekommt. Deshalb lädt die GEW Thüringen alle daran interessierten Kolleg*innen zur „Konferenz zur Arbeitszeit/Mehrarbeit“ ein. Sie findet am Mittwoch, den 03.05.2018, 15:00 bis 18:00 Uhr, in der Alten Parteischule Erfurt, Hörsaal 3, Werner-Seelenbinder-Straße 14, 99096 Erfurt, statt.

Auf dieser Konferenz sollen Konsequenzen aus den Arbeitszeitstudien gezogen, mögliche Entlastungen diskutiert und erarbeitet werden, denn die Lehrkräfte arbeiten nachweislich länger als andere Beschäftigte. Problematisch ist: Es fehlen Erholungsmöglichkeiten zwischen den Unterrichtsstunden, die Sieben-Tage-Woche ist in der Schulzeit quasi obligatorisch und die Entgrenzung der Arbeitszeit ist fast die Regel. Selbst unter Einbeziehung der Ferienzeiten, die zumeist erhebliche Arbeit zu Hause bedeuten, kommen die Lehrkräfte im Mittel auf 48 Stunden und 18 Minuten – bei einer Bezahlung von 40 Stunden pro Woche. Seit rund 20 Jahren werden den Lehrkräften immer mehr Aufgaben angewiesen, die Pflichtstundenzahl wurde aber nicht entsprechend reduziert. Die Gesundheitsrisiken sind inzwischen immens, der hohe Langzeitkrankenstand spricht Bände.

 

Über die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Thüringen:
Die Bildungsgewerkschaft GEW THÜRINGEN ist die größte und bedeutendste bildungspolitische Kraft in Thüringen. Sie organisiert aktive und ehemalige Beschäftigte an den Thüringer Bildungseinrichtungen. Schwerpunkte der politischen Arbeit sind die Bildungsgerechtigkeit, die Lern- und Arbeitsbedingungen an Kitas, Schulen, Hochschulen und anderen Bildungseinrichtungen sowie die Angestellten-, Beamten- und Tarifpolitik. Vorsitzende ist Kathrin Vitzthum.

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