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Zentrale bildungspolitische Herausforderungen

Im Rückblick zur 7. Landesvertreterversammlung im Jahre 2010 können wir feststellen, dass mit dem
Regierungswechsel des Jahres 2009 in Thüringen im Bildungswesen eine ganze Reihe von
Reformen begonnen und zum Teil auch umgesetzt worden sind.

Am deutlichsten tritt dies im Ausbau und der institutionellen Differenzierung in der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung, in der weiteren Differenzierung innerhalb des allgemeinbildenden und des beruflichen Schulwesens sowie bei der Ausweitung von Ganztagsschulangeboten zutage, aber auch in der starken Zunahme der Studienberechtigtenquote. Am wenigsten trifft dies für die Bereiche der Berufsausbildung und der Weiterbildung zu. Unter dem Druck der verstärkten Nachfrage stand in vielen Bildungsbereichen der quantitative Ausbau der Institutionen des Bildungssystems im Vordergrund.

Aufgrund der demografischen Perspektiven gewinnen aber zunehmend qualitative Aspekte der Gestaltung von Bildungsinstitutionen und Bildungsprozessen an Bedeutung. Diese lassen sich als Herausforderungen für die Bildungspolitik beispielhaft an fünf Handlungsfeldern verdeutlichen:

  • Ein erstes Handlungsfeld stellt die frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung dar. Im Zuge des quantitativen Ausbaus und der Einführung des Thüringer Bildungsplanes bis 10 sind Fragen der Qualitätsentwicklung offen geblieben, etwa die nach einem kind- und altersgerechten Personalschlüssel oder die nach der für die Förderung der Kinder am besten geeigneten Altersstruktur in den Gruppen. Auch die auffälligen regionalen und kommunalen Unterschiede in der Bereitstellung und der (zeitlichen) Ausgestaltung der Angebote verdienen Aufmerksamkeit.
  • Die Gestaltung der Ganztagsschule betrifft ein zweites Handlungsfeld. Ein klares pädagogisches Konzept für die Gestaltung von Schulen im Ganztagsbetrieb, das schultyp- und regional übergreifende Standards verbindlich macht, zugleich aber auch auf die Spezifika der einzelnen Schule eingeht und diese - u. a. über die gezielte Einbeziehung außerschulischer Akteure - nutzt, erscheint der GEW geboten. In diese Rubrik fällt auch die weitere inhaltliche und strukturelle Ausgestaltung der Thüringer Gemeinschaftsschule (siehe Kapitel 2.5.), die seit 2009 vorangetrieben wird und noch immer zahlreiche Fragen aufwirft. Die GEW Thüringen tritt seit über 20 Jahren unter der Rubrik „Länger gemeinsam lernen“ für schulartübergreifende Schulformen ein, die allen Schüler*innen gleiche Chancen im Bildungswesen des Freistaats garantieren soll.
  • Als drittes Handlungsfeld bleibt der Übergang von den allgemeinbildenden Schulen in die Berufsausbildung aktuell. Trotz demografisch bedingter Rückläufigkeit der Ausbildungsnachfrage und einer relativen Entspannung auf dem Ausbildungsmarkt münden immer noch über eine viertel Million Jugendliche in Deutschland nach dem Schulabschluss zunächst in einer der vielen Maßnahmen des Übergangssystems. Das wirft die Frage nach der inhaltlichen Systematisierung und zugleich der politischen Koordinierung der Übergangssysteme auf. Ihre Beantwortung erfordert übergreifende Gestaltungskonzepte, die die Institutionen des Bildungswesens (allgemeinbildende und berufliche Schulen), des Sozialsystems (Jugendhilfe) sowie des Arbeitsmarktes (Betriebe, Arbeitsverwaltung) mit ihren eigenen Leitbildern einbinden müssen.
  • Als viertes Handlungsfeld, mit einem weit gespannten Systemhorizont lässt sich die Schnittstelle zwischen Berufsausbildung und Hochschulausbildung identifizieren. Durch die Verschiebung der Schulabsolventenströme in Richtung Hochschulstudium ist in den letzten Jahren eine neue Konstellation im Verhältnis der beiden großen Ausbildungsbereiche, der dualen Berufsausbildung und dem Hochschulstudium eingetreten. Soll es nicht zu einer dysfunktionalen Konkurrenz um demografisch bedingt zurückgehende Schulabsolventenzahlen zwischen den Sektoren kommen, bedarf neuer ausbildungspolitischer Konzepte. Sie ins Leben zu rufen, erscheint wegen der grundlegenden institutionellen Differenz zwischen diesen beiden Bereichen extrem schwierig.
  • Die Probleme übergreifender Bildungskonzeptionen kumulieren im fünften Handlungsfeld, der Inklusion von allen Menschen auf allen Stufen und in allen Bereichen des Bildungssystems. Neben den in diesem Bereich beschriebenen institutionellen Fragen der Ausgestaltung von Bildung für Menschen mit Behinderungen sowie Menschen nichtdeutscher Herkunftssprache dürfen bei der anstehenden Entwicklung Fragen der Qualität der Bildungsangebote nicht aus dem Blickfeld geraten.

Zur Lösung dieser Herausforderungen bedarf es auch deshalb übergreifender Konzepte, weil institutionelle Veränderungen in einem Bildungsbereich nicht vorhersehbare Folgewirkungen in anderen nach sich ziehen können. Hier stellt sich für die Politik die Aufgabe, wie die notwendigen Abstimmungsprozesse zwischen verschiedenen Bildungsebenen und -akteuren organisiert werden können. Besonders wichtig erscheint dabei, dass Bund und Länder sich auf konsensfähige, erreichbare Ziele verständigen, die es mittelfristig gestatten, zumindest die genannten Handlungsfelder bedeutend produktiver als in der Vergangenheit zu bearbeiten.

(aus: Bildungspolitischer Leitantrag "Gute Bildung für alle - gute Bedingungen für alle" der GEW Thüringen, verabschiedet auf der 8. Landesvertreterversammlung, September 2014).

Ansprechpartner_in
Thomas Hoffmann
Stellvertretender Landesvorsitzender
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