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Grundlagenwissen für Pädagog:innen

Queere Jugend in Zeiten von Corona

Dr. Claudia Krell (mittlerweile Gleichstellungsbeauftragte der Universität Passau) vom Deutschen Kinder- und Jugendinstitut hat uns einen Einblick in die Lebenssituation von lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans* und queeren (LSBT*Q) Jugendlichen während der Corona-Pandemie gegeben. Diese waren und sind in der Pandemie zusätzlich belastet. Ihre Bedürfnisse verdienen hier Gehör und Sichtbarkeit.

Quelle: Vonecia Carswel – unsplash

Jugendliche wie „alle Anderen“ auch?

Gleichzeitig befinden sie sich in einer besonderen Lebenssituation. LSBT*Q Jugendliche erleben Exklusionsrisiken in einer heteronormativen Gesellschaft. Denn sexuelle und geschlechtliche Vielfalt ist noch nicht selbstverständlicher Bestandteil der Gesellschaft. Vielmehr werden nicht-heterosexuelle und nicht cis-geschlechtliche Menschen noch immer als „die Anderen“ wahrgenommen, die von „der Norm“ abweichen. Besondere Herausforderungen stellen hierbei das Aufwachsen in einer heteronormativen Gesellschaft, inneres und äußeres Comingout, die Entwicklung eines Lebensentwurfes als LSBT*Q und der Umgang mit Diskriminierungserfahrungen dar. In einer Studie wurden 2016 rund 11,2 % der 14 – 29-jährigen in Deutschland als LSBT* definiert (Dalia Research 2012).

Welche Konsequenzen hat die Situation für LSBT*Q Jugendliche?

 

Nenne eine Sache, von der du dir wünscht, dass sie sich in deinem Leben verändern würde

LSBT Jugendliche

Nicht LSBT Jugendliche

Verständnis | Toleranz | Hass
(18 %)

Geld | Finanzen | Schulden
(26 %)

Meine Eltern | meine familiäre Situation
(15 %)

Aussehen | Gewicht
(9 %)

Wo ich lebe | mit wem ich zusammen lebe
(9 %)

Verbesserung psychischer Gesundheit
(7 %)

 

Nenne ein Problem, dem du in deinem Leben gerade gegenüber stehst

LSBT Jugendliche

LSBT Jugendliche

Nicht-akzeptierende Familie
(26 %)

Noten | Examen
(25 %)

Schule | Probleme mit Bullying 
(21 %)

Kollege | Karriere
(14 %)

Angst davor, „out“ zu sein und offen zu leben
(18 %)

Finanzieller Druck in Zusammenhang mit Kollege oder Job
(11 %)

Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie

Die Corona-Maßnahmen bedeut(et)en auch einen erheblichen Einschnitt in das Leben und den Alltag von LSBT* Jugendlichen. U.a. wurde seit März 2020 war Kontakte beschränkt. Jedoch bildete hierfür die traditionelle Kleinfamilie den Bezugsrahmen, so dass sich Wahlfamilien nicht treffen konnten. Auch waren Freizeiteinrichtungen, Sport- und Spielstätten, Gastronomie und Partylocations von Schließungen betroffen. Darüber hinaus gab es Einschränkungen bei Beratungsangeboten und Psychotherapie sowie Verschiebungen von planbaren Operationen, die einen wichtigen Bestandteil von Transitionsprozessen darstellen.

Nicht nur die Maßnahmen selbst stellten eine Belastung dar, sondern ebenso der ohnehin häufig abwertende gesellschaftliche Blick auf Jugendliche:

„Was aber noch schwerer wiegt: auch die Interessen und Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen sind mit der Corona-Pandemie vollkommen vernachlässigt.“ (Rohde 2020) 

So wurde die Situation von Jugendlichen im Pandemiegeschehen lange Zeit lediglich unter dem Aspekt der schulischen Bildung betrachtet bzw. auf diese reduziert. Weitere alters- und entwicklungstypische Bedürfnisse fanden keinen Platz. Lebten Jugendliche diese aus, wurde das als negativ, gefährlich und egoistisch bewertet. Erst nach und nach treten die Verluste der jugendlichen Generation deutlicher zu Tage.

Die Erfahrungen von LSBT*Q Jugendlichen in ihren Familien

LSBT*Q Jugendliche teilen sich das Merkmal, nicht hetero/cis zu sein, meist mit keinem anderen Familienmitglied (ILGA 2006). Sie haben in ihrem familiären Umfeld deutlich seltener eine Vertrauensperson (HRC 2012) und erleben in ihren Familien häufig Diskriminierung (Krell/Oldemeier 2017).

45 % der befragten 5.037 LSBT*Q Jugendlichen haben angegeben, in ihrer engeren Familie Diskriminierung erfahren zu haben (Krell/Oldemeier 2016):

Meine geschlechtliche Identität / sexuelle Orientierung wurde nicht ernst genommen

63,5 %

Meine geschlechtliche Identität / sexuelle Orientierung wurde absichtlich ignoriert

47,1 %

Meine geschlechtliche Identität / sexuelle Orientierung wurde nicht mitgedacht

37,8 %

Meine geschlechtliche Identität / sexuelle Orientierung wurde zu stark betont

16,6 %

Ich wurde beschimpft, beleidigt oder lächerlich gemacht

16,6 %

Ich wurde gegen meinen Willen geoutet

15,2 %

Ich wurde ausgegrenzt oder ausgeschlossen

11,4 %

Mir wurde Gewalt angedroht

4,1 %

Mir wurden Sachen weggenommen oder zerstört

3,8 %

 

Das heißt, nicht alle Jugendlichen leben in einem neutralem, im besten Fall positiven und unterstützenden Umfeld. Vielmehr erleben Jugendliche, deren sexuelle Orientierung bzw. geschlechtliche Zugehörigkeit bekannt ist, in einem negativen Umfeld, dass sie nicht ernst genommen oder auch lächerlich gemacht werden. Ebenso werden sie beschimpft, misgendert oder mit falschem Namen angesprochen:

„Dann [Anm.: nach dem Coming-out gegenüber der Mutter] gab es einen großen Streit […] das Thema kam dann immer wieder auf und in den folgenden Monaten verschärfte sich das dann so ein bisschen das Problem und ich hab̕ halt, also meine Mutter hat mich nicht mit Romy angesprochen und ich fühlte mich dann irgendwie total übergangen und sie hat auch so ein bisschen absichtlich gestichelt, absichtlich den falschen Namen verwendet und so. Wir hatten immer mehr Streit und letzten Endes hat sie mich dann rausgeworfen, genau, aber das war so eine Nacht und Nebelaktion eher, also weiß ich noch, abends war das, da stand ich dann vor der Tür.“ (Romy, 27 Jahre, weiblich mit trans* Biografie, bisexuell)

Jugendliche, die in einem negativen Umfeld leben und deren sexuelle Orientierung bzw. geschlechtliche Zugehörigkeit nicht bekannt ist, werden permanent mit heteronormativen Vorannahmen konfrontiert und nicht als die Person gesehen, die sie sind. Sie müssen ein bestimmtes Bild aufrecht erhalten:

„Also, es weiß bis jetzt niemand aus meiner Familie. Ich glaub', ein Großteil meiner Familie ist tatsächlich halt, so homophob oder transphob, also sehr, ziemlich konservativ. […] Und Zuhause, bin ich ziemlich verschlossen. Also, meine Eltern wissen tatsächlich sehr sehr wenig über mich. […] da bin ich auf jeden Fall verschlossen und rede nur über Sachen, die auf etwas völlig anderes hinweisen.“ (Leonid, 18 Jahre, cismännlich, pansexuell)

Durch die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie sind die jungen Menschen auf ihr engstes familiäres Umfeld und den gemeinsamen Wohnraum reduziert, wodurch weniger Möglichkeiten bestehen, einem negativen Umfeld zu entkommen.

Erfahrungen von LSBT*Q Jugendlichen in der Freizeit

Kontakt und Umgang mit Gleichaltrigen spielt in der Entwicklung von Jugendlichen eine zentrale Rolle. In zweckgebundenen Zusammenschlüssen (z.B. Schulklassen), selbstgewählten Kontexten (z.B. Freundeskreis) und nicht zuletzt in engen individuellen Beziehungen zu besonderen Freund*innen sammeln Jugendliche zwischenmenschliche Erfahrungen, testen Grenzen, bilden Interessen und eigene Positionen aus, erleben und bieten Unterstützung oder sind einfach „nur jung“. Für viele LSBT*Q Jugendliche sind Kontakte und Freundschaften zu anderen LSBT*Q Jugendlichen von großer Bedeutung (Krell/Oldemeier 2018). Jedoch sind durch die Beschränkungen keine persönlichen Treffen mit Freund*innen oder mit möglichen Partner*innen möglich. Es kann nicht mehr gemeinsam die Freizeit verbracht werden; geschützte Räume wie LSBT*Q Jugendzentren bzw. -gruppen können nicht aufgesucht werden.

Queere Jugendarbeit

Bundesweit gibt es weniger als 20 queere Jugendzentren. Oft sind sie in Großstädten und bedingen weite Fahrwege. LSBT*Q Jugendgruppen sind meist selbstorganisiert, ohne finanzielle Möglichkeiten, hauptamtliche Mitarbeiter*innen oder eigene Räume.

Digitale Medien

LSBT*Q Jugendliche nutzen täglich 45 Minuten länger das Internet als hetero/cis Jugendliche (out online 2012) und sind deutlich aktiver als ihre cis/heterosexuellen Peers (Krell/Oldemeier 2018): Diskussionen in Internetforen und Newsgroups 8,9 % vs. 4,3 % | selber etwas ins Netz stellen 13,4 % vs. 3,7 % | bloggen und twittern 16,2 % vs. 2,9 %. LSBT*Q Jugendliche erleben häufig Diskriminierung im Internet (80 – 90 %) (ebd.). Aber ist die Mediennutzung ungestört auch unter den Bedingungen von HomeOffice, Distanzunterricht, fehlenden eigenen Endgeräten oder Internetzugängen möglich?

„…und bei solchen Sachen hab ich mich dann halt immer gefühlt, als müsste ich mich rechtfertigen, weil das halt einfach so Falschannahmen sind, die man ja aber irgendwie eigentlich klären könnte. Aber, ja, da verrennt man sich dann halt … ich hab versucht, sachlich zu argumentieren und irgendwie Fakten darzulegen und hab aber irgendwie immer mehr so verletzende Sachen zurückgekriegt.“ (Clemens, 24 Jahre, genderfluid, asexuell)

Und das bedeutet?

Zusätzlich zu den alterstypischen Herausforderungen bedeutet das Aufwachsen und Leben in einer heteronormativen Umwelt eine höhere Vulnerabilität, die durch die Corona-Maßnahmen noch verstärkt wurde. LSBT*Q Jugendliche werden auf negative Familienkontexte  zurückgeworfen, verlieren unterstützende Kontakte und Schutzräume; zudem werden Transitionsprozesse unterbrochen. Das sollte jede:r Pädagog:in im Kopf haben und entsprechend sensibel mit den anvertrauten Jugendlichen umgehen.

 


Zur Erläuterung: Der Vortrag von Dr. Claudia Krell fand im Rahmen eines Treffens der AG LSBTI* (jetzt Bundesausschuss Queer) der GEW am 20.02.2021 satt. Die wichtigsten Punkte werden hier mit Genehmigung der Referent*in wiedergegeben. Eine ausführliche Liste an verwendeter und empfohlener Literatur zu diesem Thema findet Ihr in der Onlineversion dieses Beitrags auf der Internetseite der GEW Thüringen.
Kontakt
Marcel Helwig
Mitglied im Sprecher*innenteam der Jungen GEW und im Landesauschuss Diversity