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Zweiter Bildungsweg„Schulform der Inklusion“

Die Bundesländer sollen die öffentliche Präsenz des Zweiten Bildungsweges stärken. Das ist das Ergebnis eines GEW-Fachtags. Sieben Prozent der Schülerinnen und Schüler verließen das Schulsystem ohne Abschluss - und sollten diesen nachholen können.

28.09.2020 - Norbert Glaser, freier Journalist

Jürgen Schrempp, Gerhard Schröder, Norbert Blüm, Hans-Olaf Henkel – eine Erfahrung dieser vier: Der Manager, die Politiker und der Ex-Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) haben ihren gesellschaftlichen Aufstieg über den Zweiten Bildungsweg (ZBW) gemacht. Volksschule bzw. Realschule, Lehre, Zweiter Bildungsweg, Abitur. Das war bis in die 1970er Jahre hinein der typische Weg nach oben.

„Es gibt noch den ambitionierten Berufstätigen, der sich qualifizieren will“, erläuterte der Erziehungswissenschaftler Bernd Käpplinger beim Fachtag Zweiter Bildungsweg in Frankfurt. „Die Zusammensetzung der Personen, die den Zweiten Bildungsweg nutzen, scheint aber insgesamt im Wandel zu sein.“ Zunehmend würden Menschen mit Migrationshintergrund und Brüchen in der Biografie diese Form der Qualifizierung nutzten.

Käpplinger präsentierte auf der Tagung die Ergebnisse der Studie „Der Zweite Bildungsweg in den Bundesländern – Strukturen und Perspektiven“. Der Gießener Forscher verwies auf die Schwierigkeit, an aussagekräftige Daten zu kommen. Nicht alle Bundesländer verfügten über detaillierte Zahlen zu diesem Bildungsbereich. Seine „Exploration“ könne daher nur als ein erster Schritt betrachtet werden, dem weitere Untersuchungen folgen müssten.

„Sieben Prozent der Schülerinnen und Schüler verlassen zur Zeit unser Schulsystem ohne Abschluss, die Absolventenquoten mit mittlerem Abschluss und Hochschulreife sinken wieder. Sie brauchen diese kompensatorische Möglichkeit der Erwachsenenbildung, einen Abschluss gegebenenfalls später nachzuholen.“ (Ansgar Klinger)

Ansgar Klinger, im GEW-Hauptvorstand zuständig für Berufliche Bildung und Weiterbildung, wies in seiner Rede auf die Notwendigkeit eines leistungsfähigen Zweiten Bildungsweges hin: „Sieben Prozent der Schülerinnen und Schüler verlassen zur Zeit unser Schulsystem ohne Abschluss, die Absolventenquoten mit mittlerem Abschluss und Hochschulreife sinken wieder. Sie brauchen diese kompensatorische Möglichkeit der Erwachsenenbildung, einen Abschluss gegebenenfalls später nachzuholen.“

In Bildungspolitik und Bildungsforschung spielt der ZBW keine Rolle. 50.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern stellen bei den allgemeinbildenden Schulen wie auch in der Weiterbildung eine offenbar vernachlässigbare Größe dar. Fehlende Sichtbarkeit sowie stark zersplitterte, von Bundesland zu Bundesland unterschiedliche Strukturen, tragen das ihre dazu bei.

„Unbefriedigend und ernüchternd“ nannte Käpplinger seinen Versuch, Daten zur finanziellen Ausstattung des ZBW zu bekommen. Diese seien oft gestreut. Unklar bleibe auch, inwieweit der ZWB beworben werde, ob es Wartelisten gebe, wie viele Personen den Weg einschlügen und wie viele ihn abschlössen. Es fehlten zudem Fachgremien, die ihn kritisch-konstruktiv begleiten würden. Das habe zu einem „schleichenden Bedeutungsverlust“ des Zweiten Bildungswegs geführt.

Deutlicher Rückgang der Lehrkräfte

Die Hans-Böckler-Stiftung fördert jedes Jahr etwa 50 Stipendiaten im ZBW. Auffällig sei der wachsende Anteil von Frauen und Menschen mit Migrationshintergrund, erläuterte HBS-Vertreterin Michaela Kuhnhenne. Nur ein gutes Drittel der Stipendiaten habe davor noch eine sozialpflichtige Erwerbstätigkeit ausgeübt.

So breit wie das Spektrum der Angebote fächern sich Arbeitssituation und Bezahlung der Lehrenden an den Einrichtungen des ZBW auf. Käpplinger sagte, während es in Hessen keine Honorarkräfte und kaum befristete Beschäftigte gebe, setze Nordrhein-Westfalen an Volkshochschulen viele Honorarkräfte ein. Konkrete Zahlen fehlten oft. Teilweise zeige sich ein deutlicher Rückgang der Lehrkräfte in den vergangenen zehn Jahren.

In der GEW beschäftigt sich die AG Zweiter Bildungsweg mit der Situation der Beschäftigten. Sie verlangt, Lehrende wie Lernende mehr abzusichern. Der Bafög-Bezug müsse verbessert und vergleichbare und faire Arbeitsbedingungen für die dort arbeitenden Kolleginnen und Kollegen geschaffen werden. Nötig sei außerdem eine bildungspolitische Werbeoffensive. Der ZBW entwickele sich immer mehr zu einer „Schulform der Inklusion“. Ihre Forderungen will die AG in einen Antrag für den nächsten Gewerkschaftstag gießen.