GEW Thüringen
Du bist hier:

Zweimal Brasilien

Viele Kollegen gehen zweimal ins Ausland. Trotzdem passiert es selten, dass jemand so wie Gudrun Sach zweimal in dasselbe Land kommt und dies als “normale” ADLK ohne Funktionsstelle.

04.04.2013 - Gudrun Sach

Fotos: Gudrun Sach, Manfred Brinkmann

Ich bin Lehrerin für Deutsch und Geschichte am Gymnasium in Leonberg/Württemberg. Weil zwischen meinen beiden Aufenthalten als Lehrerin in Brasilien über zwanzig Jahre, der Mauerfall und etliche strukturelle Veränderungen der Auslandsschulen lagen, sind einige meiner Erfahrungen vielleicht symptomatisch.

Colégio Humboldt in São Paulo
Zum ersten Mal an eine Begegnungsschule, und zwar ans Colégio Humboldt in São Paulo, kam ich im Januar 1987. Brasilien befand sich damals gerade erst auf dem Weg aus der Militärdiktatur in die Demokratie. Eine Hinterlassenschaft der Militärs war die enorme Staatsverschuldung mit einer Inflationsrate von zwanzig Prozent im Monat bei meiner Ankunft – später wurden es deutlich mehr! Wir ADLK mit unserem Gehalt in Deutschland blieben von den Folgen weitgehend verschont; die finanzielle Kluft zu den brasilianischen Kollegen allerdings war enorm, besonders die Männer unter ihnen arbeiteten an zwei oder drei Schulen. Ein Wunder, dass die Beziehung zwischen uns wenigen deutschen und den vielen brasilianischen Kollegen trotzdem so gut war! Ich fand es leicht, Portugiesisch zu lernen, habe mir allein ein Häuschen in einer ganz normalen Wohngegend ohne besonderen Schutz gemietet und mich von der deutschen Kolonie eher ferngehalten. Auch deshalb, weil es damals noch Alt-Nazis in Südamerika gab und gerade erst der KZ-Arzt Mengele vor São Paulo ertrunken war, den ausgerechnet die Kindergartenleiterin des Colégio Humboldt versteckt hatte. Weil an der Schule bekannt war, dass ich in Deutschland Stadträtin für die Grün-Alternativen gewesen war, hatte ich Befürchtungen, die sich aber durchaus nicht bewahrheiteten. Im Gegenteil: Das Unterrichten in den kleinen Klassen hat mir großen Spaß gemacht, das Niveau im Fach Deutsch war gut, auch weil in einer Industriestadt wie São Paulo oft neue Schüler direkt aus Deutschland kamen. Besonders viel Spaß gemacht hat mir die Theater-AG. Die Hierarchie im deutschen Teil der Schule war flach, wir waren fast alle ADLK und blieben mindestens vier, fünf Jahre. Trotzdem blieb das Unbehagen, in einer Privatschule ausschließlich Kinder wohlhabender Eltern zu unterrichten. Weil ich das Brasilien außerhalb des Schulumfeldes erleben wollte und schon immer gern genäht habe, habe ich einmal in der Woche in einer Favela mitgeholfen, in der Näh-Gruppe der Kooperative „Touca“ – es war nur ein kleiner Einblick, aber wichtig für mich.

Auxiliadora do Uruapiara
Wahrscheinlich hat auch diese Erfahrung unter vielen anderen dazu beigetragen, dass ich nach fünf Jahren meinen Vertrag mit dem Colégio Humboldt nicht mehr verlängert habe. Trotzdem wollte ich gern in Brasilien weiter arbeiten, wo ich mich inzwischen sehr heimisch fühlte, allerdings nicht im reichen Süden des Landes, sondern im Amazonasgebiet, das ich von mehreren Reisen kannte. Ich ließ mich also von Baden-Württemberg beurlauben, was damals „aus arbeitsmarktpolitischen Gründen“ einfach ging, und lebte fünf Jahre lang von dem Geld, das ich als ADLK gespart hatte. Und zwar in Auxiliadora do Uruapiara, einem kleinen Dorf ohne Strom und Wasserhahn am Rio Madeira, einem südlichen Nebenfluss des Amazonas, nur mit dem Boot erreichbar. Die Bevölkerung besteht aus der typischen „Caboclo“-Mischbevölkerung – mit den indigenen Stämmen an den Nebenflüssen arbeitete ein brasilianisches Paar. Ich kannte das Dorf von mehreren Ferien her, hatte mich mit den Frauen angefreundet (die Männer sind in der Trockenzeit alle monatelang auf Goldsuche) und mit ihnen zusammen beschlossen, eine kleine Näh-Kooperative zu gründen, um die Familien von den durchreisenden Händlern unabhängiger zu machen. Am Anfang ging ich noch viel zu sehr wie in einer Stadt im Süden Brasiliens vor, besorgte Tische zum Zuschneiden (bis sich zeigte, dass die Frauen viel lieber auf dem Boden arbeiteten) und einen Raum, in dem wir alle zusammen nähten (bis sich herausstellte, dass alle Frauen zu Hause auf ihre Kinder aufpassen mussten und deshalb jede ihre Maschine bekam und mit nach Hause nahm). Solche Anfangsfehler klärten sich schnell.

Leben in Amazonien
Dafür gab es neue Aufgaben: Weil ein Arzt nur in der viele Bootsstunden entfernten Kreisstadt Manicoré erreichbar war, half ich am Anfang mit den von meinen Verwandten besorgten Medikamenten aus. Das war aber natürlich unsinnig, keine Hilfe zur Selbsthilfe. Deshalb haben der Salesianer-Pater, der die Gegend mit seinem Hausboot bereiste, und ich in den siebzig Dörfern, für die er zuständig war, Wahlen zu Barfuß-Ärzten organisiert und für diese dann Kurse, in denen sie sich einerseits ihre althergebrachten Lieblings-Heilkräuter gegenseitig erklärten und andererseits den Umgang mit fünf Basismedikamenten (von der deutschen Aktion Medeor) lernten. Das nächste Problem war das Trinkwasser, das erstens mit dem Quecksilber der Goldsucher verseucht war und andererseits von den Frauen einen 35 Meter hohen Abhang hochgetragen werden musste, bis uns eine Pumpe mit Solarenergie an einem sauberen Nebenfluss das Leben erleichterte. Bei meiner Ankunft in Auxiliadora hatte ich nicht damit gerechnet, in den Kampf für die Menschenrechte verwickelt zu werden. Und zwar, als drei der Gefangenen in Manicoré, die der Priester und ich immer besucht hatten, nach einem misslungenen Ausbruchsversuch wieder gefangen, in Handschellen gelegt und in einem Wald erschossen wurden – im Auftrag des Bürgermeisters, wie wir zusammen mit dem Bischof und einem Landtagsabgeordneten in Manaus vor Presse und Fernsehen denunzierten. Diese Situation war die einzige, in der ich in all den Jahren in Brasilien wirklich Angst hatte! (Kleine Anmerkung für Leute, die bei Brasilien sofort an Kriminalität denken: Mir ist in all den Jahren dort nie etwas passiert – aber diesmal hatte ich Angst vor einer korrupten Polizei.) Dieses Problem, sich für die Politik verantwortlich zu fühlen, haben wir bei der Arbeit mit den Jugendgruppen aufgegriffen, wo dann die Jugendlichen selbst der „Político honesto“, der ehrliche Politiker werden mussten. In Amazonien habe ich mich wieder darauf besonnen, dass ich gern male – als evangelisch Ausgetretene sogar katholische Heilige für die kleinen Kapellen dort – und so haben wir dann auch den „Drachen der Ungerechtigkeit“ für den „Grito dos excluidos“ bei der Parade am Nationalfeiertag gebastelt.

Zurück nach Leonberg
Nach fünf Jahren lief das Ultimatum für die Beurlaubung aus; ich ging zurück nach Leonberg und nahm mir dabei zwei Dinge fest vor. Erstens: Ich jammere nicht und träume nicht von Brasilien und will nicht gleich wieder weg, sondern bringe mich in Württemberg ein, im Stadtrat und in anderen Gruppierungen. (In den großen Ferien ging es trotzdem jedes Mal nach Brasilien ...). Zweitens: Ich fange nicht dauernd an mit „Aber in Brasilien“ und erwarte nicht allzu großes Interesse – die anderen hatten inzwischen auch ihre Leben. Natürlich haben sich die Leute dennoch interessiert! Und es ergab sich mit einer Agenda-Gruppe für Leonberg ein Projekt, das nicht mit Brasilien (wer kann schon Portugiesisch?), sondern mit Peru zu tun hat (an meiner Schule ist Spanisch Fremdsprache): Es geht um ein Solar-Projekt eines Schweizer Ingenieurs im Hochland nahe dem Titicacasee, wo ich auch schon mit Abiturientinnen gearbeitet habe. Erst nach etlichen Jahren zurück in Leonberg habe ich mich wieder beim Bundesverwaltungsamt beworben, allerdings die ersten Angebote wie Bogotá, Málaga und die Mennoniten-Siedlungen in Paraguay abgelehnt, in der Meinung, dass man damit wohl aus der Liste fliegt, wie es früher war. Als dann schließlich das Angebot nach Rio kam, war ich überrascht und sehr glücklich.

Corcovado-Schule Rio de Janeiro
Die Corcovado-Schule, ehemalige Residenz des US-Botschafters, liegt am Nationalpark unterhalb der Christus-Statue sehr malerisch, die wilden Affen und Tukane sausen über den Schulhof. Und ich fand gleich am ersten Wochenende in der Zeitung meine Traumwohnung mit Blick auf die Bucht. Radeln am Wochenende, wenn entlang all der Strände aus Straßen Fahrradwege werden, ist traumhaft, unter der Woche habe ich immer die öffentlichen Busse genommen; ein Auto wie in São Paulo brauchte ich hier nicht. Die Schüler waren hier deutlich brasilianischer als am Colégio Humboldt, weil es in Rio kaum deutsche Industrie gibt. Weil ich aber ja längst gut Portugiesisch konnte, machte mir gerade DFU in Geschichte Spaß. Ganz besonders richtig am Platz fand ich mich, wenn in der Oberstufe eine Geschichtsstunde pro Woche gemeinsam von mir mit einem brasilianischen Kollegen gegeben wurde, z. B. zum Thema „Faschismus hier und dort“ oder „Revolutionen im Vergleich“. Aus diesen gemeinsamen Stunden entstand auch Ende 2008 ein Projekt zwischen der Corcovado und einer öffentlichen brasilianischen Schule zum Thema „60 Jahre Internationale Erklärung der Menschenrechte“, mit von den Schülern ausgesuchten Themen, vielen Zeitzeugen und einer Preisverleihung am Schluss für die Schüler, die sich besonders für die Realisierung der Menschenrechte einsetzten. Gleich oberhalb der Corcovado-Schule liegt die Favela Santa Marta. Natürlich lag es da buchstäblich nahe, Kontakte zu knüpfen und ein Projekt zu unterstützen. In meinem Fall begann es mit gemeinsamem Trommeln, ob beim Schulfest oder in dem Bus zum Sambodromo, wo die Jugendlichen beim Karneval mitmachen durften.

Gewaltiger Sprung nach vorn
Diese kleine Aktion war zufällig zeitgleich zur großen Kampagne des Staates zur „Säuberung“ der Favelas, der ich am Anfang wegen meiner Erfahrungen mit der Militärpolizei sehr skeptisch gegenüberstand. In diesem Fall hat sich aber tatsächlich einiges zum Besseren verändert: Während bei meiner Ankunft 2008 noch oft die Kugeln über unsere Schule pfiffen und wir die Schüler in die Tiefgarage bringen mussten, kann man jetzt unbedenklich durch Santa Marta spazieren. Das liegt daran, dass sich auch deren Infrastruktur geändert hat. Brasilien hat in den letzten zwanzig Jahren einen gewaltigen Sprung nach vorn gemacht, ist längst kein Schwellenland mehr und gut durch die Wirtschaftskrise gekommen, weil durch die Regierung der Arbeiter-Partei (bei all ihren Schwächen!) gerade auch die „Classe C“, die kleinen Leute, Arbeit finden, sich vieles leisten können und für genügend Inlandnachfrage sorgen. Das hat dazu geführt, dass es kaum noch Inflation gibt. Und dass die brasilianischen Kollegen viel besser verdienen als vor 20 Jahren und der Abstand zu den deutschen Lehrern viel geringer ist. Allerdings nicht die rechtliche Situation, die Brasilianer müssen immer noch am Schuljahresende bangen, wer (besonders von den älteren) denn jetzt wieder entlassen wird. Der Personalrat ist immer noch schwach. Aber im deutschen Teil des Kollegiums hat sich im Vergleich zu der Zeit in São Paulo vieles verändert. Und das gefiel mir nicht so gut.

Deutliche Hierarchie
Das Kollegium ist deutlich hierarchischer geworden: Der deutsche Rektor hat viel mehr Einfluss als früher, den er durchaus auch missbrauchen kann, wie es zu meiner Zeit in Rio war, als Posten nach Freundschaften vergeben wurden. Das war möglich, weil der Vorstand des Schulvereins sich nur um das Geschäftliche kümmerte und z. B. uns deutsche Lehrer auch nach Jahren noch nicht persönlich kannte. Und es gab jetzt sehr viel mehr Ämter für aufstiegswillige Kollegen, nicht alle sinnvoll, alle aber mit der entsprechenden Konferenz, bei der häufig unsinnig viel Zeit vergeudet wurde. Gesteigert wurde die Anzahl der Konferenzen noch dadurch, dass wir fast zeitgleich SEIS+, die Bund-Länder-Inspektion und die für Schulen ziemlich unsinnige ISO-Zertifikation absolviert haben. Evaluation statt Kerngeschäft! Hierarchischer ist das deutsche Kollegium aber auch nach unten geworden: Wir hatten kaum ADLK, aber viele Berufsanfänger als OLK oder BPLK, die von einer guten Beurteilung durch den Rektor sehr abhängig waren - KollegInnen aus den neuen Bundesländern mit schwieriger Arbeitsmarktlage und ohne Verbeamtung besonders. All das führte in meiner Zeit in Rio zu einer Spaltung innerhalb des deutschen Kollegiums, die zu einer durchschnittlichen Verweildauer von unter zwei Jahren führte. Weil diese hohe Fluktuation für eine Auslandsschule nicht gut sein kann, haben 25 ehe- und damalige Kollegen einen Brief an das BVA unterschrieben, in dem auf diesen Missstand hingewiesen wurde. Es hat mich gewundert, dass das BVA überhaupt so lange zugeschaut hat. Die Geschichte ging dann im Stil einer brasilianischen Telenovela intrigant und melodramatisch weiter, aber inzwischen sind sowohl der damalige Rektor als auch seine Vize-Rektorin zurück in Deutschland, und es scheint, dass das neue Rektoratsteam endlich mehr Ruhe schafft. Ich glaube, es gibt kaum etwas, was eine Schule dringender braucht!

 

Zurück