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Zweifelhafte Untersuchung attestiert Deutschen mangelndes wirtschaftliches Grundwissen

Erneut warnt eine Studie: Vielen Deutschen mangelt es an ökonomischem Grundwissen. Die Untersuchung des Berliner Wissenschaftlers Gerd Gigerenzer hat ergeben, dass 1000 Befragte von 25 Fragen des „Indikators minimalen Wirtschaftswissens“ weniger als 14 richtig beantworten konnten. Doch die Studie hat erhebliche Mängel.

21.03.2013

Schon ein Blick auf den Fragebogen der Studie zeigt: Hier geht es nicht um das Verstehen ökonomischer Zusammenhänge. Hier werden vielmehr im Stil eines Quizspiels Fragen im Multiple-Choice-Verfahren gestellt. Die Auswahl der Fragen wird nicht begründet und es wird auch nicht erwähnt, wem das Wissen nutzen soll. Den Schülerinnen und Schüler der allgemeinbildenden Schule in ihrer Lebenswelt? Den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern bei der Bewältigung ihrer alltäglichen Aufgaben?

Das Handelsblatt jedenfalls betreibt mit den Ergebnissen sogleich eine bildungspolitische Skandalisierung. Es verrät zwar, wer die Untersuchung durchgeführt, nicht aber, wer sie finanziert hat. Die Lösung für das Dilemma wird jedoch gleich mitgeliefert: Mehr ökonomische Bildung muss her! „Entscheidend ist aus meiner Sicht, dass es in der Summe rund 200 Stunden Unterricht werden“, meint Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL) in Handelsblatt Online. Hier wird nicht über den umfassenden Bildungsauftrag von allgemeinbildenden Schulen diskutiert und auch nicht über fächerübergreifendes Lernen. Es gibt nach Auffassung des Deutschen Lehrerverbandes offenbar nur eine Lösung: Mehr Stunden für Wirtschaft! Welche Fächer und welches Wissen dafür gekürzt werden sollen, wird nicht beantwortet.

Zu Relevanz, Nutzen und Gefahr der Untersuchung des Berliner Wissenschaftlers Gerd Gigerenzer:

In einem persönlicher Kommentar kritisiert der Soziologe Reinhold Hedtke auf der Seite "Initiative für eine bessere ökonomische Bildung" das Handelsblatt für seinen Alarmismus. "In Sachen ökonomische Bildung will das Handelsblatt seine Leserinnen und Leser für dumm verkaufen. Es setzt auf Kampagnenjournalismus statt auf Sachinformation samt kritischer Recherche", schreibt Hedtke. Seit Jahren förderten Verlag und Redaktion das politische Projekt „Schulfach Wirtschaft“. Da störten Fakten nur. Das Handelsblatt und seine Aktivisten ignorieren dabei laut Hedtke, dass heute viel mehr Wirtschaft auf den Stundenplänen steht als je zuvor. "Die meisten Schulen unterrichten Wirtschaft heute mindestens so oft wie Politik. Und viel häufiger als Recht oder Gesellschaft", verdeutlicht der Soziologe von der Universität Bielefeld in seinem Kommentar.

Hedtkes Kollegin Bettina Zurstrassen bemängelt besonders die Erhebungsmethode. Zurstrassen ist überzeugt, dass eine derartige Studie auch in anderen Themengebieten wie Kunst, Politik, Astronomie, Technik oder Geografie zu vergleichbar desolaten Ergebnissen geführt hätte. Der "Indikator minimalen Wirtschaftswissens" passt aus Sicht der Wissenschaftlerin dabei ideal in den Mainstream der politikaffinen Bildungsforschung. "Er reiht sich nahtlos in die Trivial-Pursuit-Gesellschaft ein", in eine Bildungsideologie, die angetreten ist, Bildung zu (ver)messen und dabei auf Faktenwissen zu reduzieren.

Beide Kommentare finden Sie im Kasten rechts verlinkt.

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