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Zwei große Irrtümer

Nicht Gewerkschafter und Betriebsräte gehen in Klassenzimmern ein und aus, sondern Großkonzerne. Kaum ein Unternehmen, das nicht mit Lernmaterialien zu Themen wie Finanzen, Wirtschaft oder Arbeitsmarkt in die Schulen drängt.

05.12.2016 - Wolfgang Storz, Publizist

Hugo Willi, der 48-jährige Betriebsratsvorsitzende, stöhnt. Jetzt hat ihm der IG Metall-Funktionär erneut fünf Termine zugeteilt: Referate im Schulunterricht halten, Heranwachsenden erzählen, wie wichtig die Gewerkschaften, wie gierig viele Manager, wie wichtig Streikrecht und Mitbestimmung sind. Zu jedem Termin nimmt er Schulmaterialien der Hans-Böckler-Stiftung mit, um zu erklären, wie riskant Aktien sind, wie schädlich, die gesetzliche Rente abzubauen… Halt, alles erfunden, so ist es gerade nicht....!

Nicht Gewerkschafter und Betriebsräte gehen in Klassenzimmern ein und aus, sondern Daimler, Deutsche Bank, Commerzbank, Apple und andere. Es gibt kaum ein bedeutendes Unternehmen, das nicht mit Lernmaterialien zu Themen wie Finanzen, Wirtschaft oder Arbeitsmarkt in die Schulen drängt. Ohne Rücksicht auf den Schonraum Schule haben Konzerne, deren Stiftungen oder unternehmernahe Verbände in Geldmangel und schlechter Ausstattung der Bildungseinrichtungen ihre Chance entdeckt. Und bombardieren Lehrkräfte sowie Schülerschaft mit Broschüren, digitalen Geschenkpaketen, ihren Weltsichten, Marken-Logos – ungefiltert und ungeprüft. Doch Firmen und Konzerne sehen in den Heranwachsenden keine Lernenden, die selbstbewusste, kundige, empathische und gebildete Erwachsene werden sollen. Für sie sind es "Kunden": Objekte ihrer Werbung, Kinder von erwachsenen Konsumenten, künftige Arbeitskräfte.

Sich mit dem Vormarsch der Wirtschaft an Schulen kritisch auseinanderzusetzen, ist unentbehrlich. Warum? Weil bereits hier eine Denkwelt verbreitet wird, die ebenso gefährlich falsch wie unverändert mächtig ist. "Der homo oeconomicus ist tot", titelte die Financial Times Deutschland (FTD) am 14. März 2001. Inzwischen gibt es diese Zeitung leider nicht mehr, aber "der Kerl" lebt immer noch: Der Mensch, so will es die neoliberale Theorie, denkt, tut und fühlt, was ihm wirtschaftlich nützt. Er ist nicht das vernünftige und empathische, sondern das berechnende Wesen. Diese Botschaft geistert durch Sprache und Köpfe vieler Leitartikler, Professoren und Politiker, fast aller Manager und Unternehmer. Tausend Mal widerlegt von wenigen kritischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern und vom Alltag der Menschen, die dieser Kunstfigur misstrauen, die anders leben, faire Kooperation mehr schätzen als gnadenlosen Wettbewerb.

Doch noch immer steht die wirtschaftswissenschaftliche Theorie der Neoklassik, die vom Menschenbild des homo oeconomicus ausgeht, im Mittelpunkt des Fachs Wirtschaft. Auch an den Universitäten. Pluralistische Wirtschaftswissenschaften wurden zwar schon tausendfach beschworen, in Deutschland jedoch nie verwirklicht. Inzwischen verbünden sich Studierende mit kritischen Ökonomen, um für wissenschaftliche Vielfalt zu werben und alternative Lehrangebote zu organisieren. Das fachlich und demokratisch Selbstverständliche, die Vielfalt im Denken muss also mühsam erkämpft werden.

Ein weiterer Irrtum: Manager, Unternehmer, der Referent der Bank im Schulunterricht – gelten als "die" Fachleute. In der Tat: Sie sind Experten. Ebenso wie Betriebsräte und gewerkschaftliche Vertrauensleute, die in unternehmerischen Angelegenheiten oft genauso kundig sind. Aber wenn sie – der Manager, der Unternehmer, der Bankberater – an Schulen und in den Medien auftreten, sind sie – zuallererst Interessensvertreter der Aktionäre und Eigentümer. Sonst nichts. Sie berichten das, was dem Unternehmen am meisten nützt und reden nicht über das, was für alle in der Gesellschaft gut ist. Oder über das, was "wahr" ist. Die Mär von den "objektiven Fachleuten" zu zertrümmern und offenzulegen, welche Interessen wirklich hinter den so unanfechtbar daherkommenden ökonomischen Theorien stecken, klärt auf, ist bester Unterricht – und nützt der Demokratie.

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