GEW Thüringen
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Zum Abschied von Petra Rechenbach

Die Mitarbeiter*innen der Landesgeschäftsstelle sprachen mit Petra Rechenbach, von 1991 bis 2016 Referentin für Bildung der GEW Thüringen, anlässlich ihres bevorstehenden Wechsels in die Freistellungsphase der Altersteilzeit.

31.01.2016 - GEW Thüringen

Du warst sozusagen eine Aktivistin der ersten Stunde, sprich Gründungsmitglied der GEW Thüringen. Welche Erlebnisse verbindest du damit? Haben sich eure Ideen der Gründung bis heute gehalten bzw. bewährt?

Zum damaligen Zeitpunkt war die GEW für mich eine Alternative auf der Suche nach einem Betätigungsfeld außer meiner beruflichen Tätigkeit in der Schule. Ich habe mich damals umgehört, auch bei den Veranstaltungen des Beamtenbundes. Aber das was die damaligen „Westkollegen und -kolleginnen“ der GEW in ihren Reden, den bildungspolitischen Zielen und den Einsatz für gute Arbeitsbedingungen in der Schule vermittelt haben, das entsprach auch meinen Vorstellungen. Beeindruckt hatte mich vor allem der selbstbewusste Auftritt der Kollegen und Kolleginnen aus Hessen und Reinland Pfalz, die damals unsere „Helfer“ waren. Das hat mich bei meinem eigenen Auftreten beeinflusst und mir Mut gemacht. Vor allem bei den Fortbildungsangeboten der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit in Hessen habe ich viel Neues kennenlernen dürfen.

Von Anfang an musste die GEW in Thüringen mit ihren Mitgliedern gemeinsam handeln und für ihre Rechte kämpfen, sonst hätten wir beispielsweise nicht bis heute den integrierten Hort an der Grundschule oder die Regelschule mit Real-und Hauptschule unter einem Dach. Außerdem hätte es viel mehr Entlassungen gegeben.

Es gab sehr viele Veranstaltungen, in denen die GEW über ihre Ziele in der Bildungs- und Tarifpolitik informiert hat, sowie über die Absichten der damaligen Thüringer CDU-Regierung und den damit verbundenen Umbau des Bildungswesens. Da hatten wir volle Säle. Ich habe mich in meiner ehrenamtlichen GEW-Arbeit von Anfang an um den Erzieher*innenbereich im Kindergarten und Grundschule gekümmert. Das war für die GEW West nicht selbstverständlich, da dort nur wenige Erzieher*innen organisiert waren. Das ist jetzt anders.

Mit Unterstützung unser Helfer*innen aus den „Altbundesländern“ war es uns in kurzer Zeit gelungen, fast 30.000 Kollegen und Kolleginnen an Thüringer Einrichtungen zu organisieren. Damals habe ich das alles ehrenamtlich gemacht, war im Bezirks- und Hauptpersonalrat und habe mich 1993 auf die Stelle als Referentin für den sozialpädagogischen Bereich beworben und bin seit dem hauptamtlich als Referentin in der GEW beschäftigt. Ich habe in dieser Zeit bis heute tolle Mitstreiter*innen und Freunde kennengelernt, die mir sehr ans Herz gewachsen sind. Schlimm war für mich die Zeit im Hauptpersonalrat, wo es um die Entlassungen wegen politischer Bedenklichkeit ging. Sicherlich haben es viele verdient, aber andere eben nicht. Dazu kam der unsägliche Abbau von Erzieher*innenstellen im Kindergartenbereich.

Die Ideen und Ziele von damals haben sich bis heute nicht viel verändert. Strategien und Arbeitsweisen haben sich entwickelt und bewährt. Bloß die „Mitmacher“ sind weniger geworden.

Du hast das erste Sommertreffen der GEW geplant. Wie kam es dazu? Welche Anlaufschwierigkeiten gab es? Warum warst Du immer aktiv bei der Organisation des Sommertreffens mit dabei?

Das Sommertreffen: mein „Kind“ – und dieses Jahr schon das Zwanzigste! Ich glaube Anlass war ein Besuch des „Fortbildungscamp“ in Sachsen, welches immer zu Beginn der Ferien bis heute stattfindet und zahlreiche unterschiedliche Fortbildungen in Seminaren anbietet und dazu noch ein Rahmenprogramm. Das hat uns gefallen und so entstand die Idee für ein Sommertreffen in Thüringen und ich war für die Organisation verantwortlich. Neben vielen Fortbildungen für den Beruf und die eigene Gesundheit stehen die Diskussionen zu aktuellen bildungspolitischen Themen und die Aktivitäten der GEW Thüringen im Mittelpunkt.

Wir haben immer viel Lob für die Sommertreffen geerntet, das tat gut und hat uns motiviert. Und die Teilnehmer*innen haben uns immer bestätigt, dass ihnen dieser Übergang in die Ferien gut tut. Ohne die Unterstützung der vielen Kollegen und Kolleginnen, sowohl hauptamtlich und ehrenamtlich, wäre uns das nicht gelungen. Das war eine sehr angenehme Seite in meiner täglichen Arbeit.

Welcher Streik, inclusive Vorbereitung und Durchführung fällt dir spontan ein?

Natürlich der Letzte – richtig gestreikt haben wir vorher nicht! Aber es fanden Demos statt, z. B. vor dem Landtag zum Erhalt der Grundschulhorte 2005. Das war beeindruckend, wie viele Leute wir damals mobilisieren konnten. Öffentlich Flagge zeigen, das ist immer ein Highlight in der GEW und superaufregend mit aller Vorbereitung und Organisation.

Was Außergewöhnliches fällt Dir noch zu Deiner Arbeit / Deinen Kolleg*innen / zur LGS ein?

Etwas Außergewöhnliches… Ach ja, da fällt mir etwas ein (da muss ich gleich lachen) und zwar die Überraschungsparty von meinen Kollegen und Kolleginnen in der LGS anlässlich meines 60igsten Geburtstages. Mein ehemaliger Kollege Christian Foss überraschte mich im Tigerkostüm!

Was hat sich wie ein roter Faden durch die gesamten Jahre deiner Tätigkeit in der GEW gezogen?

Die Entwicklung unseres eigenen GEW Bildungsrahmengesetzes. Damit haben wir Mitte der Neunziger, mit der Erarbeitung von Leitlinien, beim ersten Sommertreffen begonnen. Hauptschwerpunkte waren und sind das längere gemeinsame Lernen und gute Arbeitsbedingungen für alle, dafür setzen wir uns ein, streiten und kämpfen um unsere Forderungen, Ziele und manchmal auch Visionen umzusetzen.

Wie hast Du die Entwicklungen um den Hort miterlebt? Welche Erfolge und Misserfolge gab es?

Seit 25 Jahren beschäftigt die GEW Thüringen das Thema Hort an der Grundschule und die Arbeitsbedingungen der Erzieher*innen. Ich bin von Anfang in diesem Prozess mit dabei und aktiv, denn ohne die GEW mit vielen Mitstreiter*innen gäbe es den Hort an der Grundschule nicht mehr in dieser Form. Die Trennung und Abgabe an Freie Träger konnten wir bisher immer verhindern. Bereits 1993 wurden die Beschäftigungsumfänge der Erzieher*innen mit einer Änderungskündigung von 100 % auf 80 % reduziert. Aufgrund der demografischen Entwicklung in Thüringen und sinkender Schülerzahlen wurden allen Erzieher*innen im Grundschulhort vom Land Floatingverträge angeraten, die zur Folge hatten, dass die Erzieher*innen in einem Teilzeitmodell in mehreren Schritten bis auf 55 % der Arbeitszeit reduziert und seit 2008 alle wieder auf 80 % angehoben wurden. Ansonsten drohten Entlassungen. Für den

Stellenabbau der Landesregierung sollen die Horterzieher*innen geopfert werden. Deshalb stellt das Land seit 2006 die Erzieher*innen nur mit 20 Stunden Beschäftigungsumfang ein, egal welcher Bedarf existiert. Wenig später kam der Versuch der Landesregierung die Horte in kommunale Trägerschaft zu übergeben. Durch dieses Modellprojekt haben wir bis jetzt Erzieher*innen im Landesdienst und bei der Kommune.

Wir diskutieren in den verschiedenen Gremien immer auch die inhaltliche Ausgestaltung der Grundschule mit integriertem Hort in Richtung Ganztagsschule und fordern entsprechende Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten ein!

Deshalb hat die GEW Thüringen ihr Konzept „Ganztagsschule von Anfang an“ auf der Landesvertreterversammlung im September 2014 beraten und auf der Landesvorstandssitzung im April 2015 beschlossen und veröffentlicht: Unsere Vorstellung zu einer Ganztagsschule von Anfang an heißt gute Bedingungen für Kinder und Beschäftigte. Ich glaube, da habe ich einen guten Anteil daran. Darauf bin ich sehr stolz.

Wie hast Du die Arbeitsgruppenarbeit erlebt? Welche Höhepunkte, welche Frustrationen gab es?

Der direkte Kontakt mit den Kollegen und Kolleginnen in den Arbeitsgruppen war für mich ein wichtiger Grundstein in meiner Arbeit als Referentin. Dort haben wir unsere Ideen für eine bessere Bildungspolitik in Schulen und Kindertagesstätten entwickelt. Denn nur die Praktiker können mit uns gemeinsam beurteilen, ob unsere Ideen in den Einrichtungen gut ankommen und wir auf dem richtigen Weg sind.

Frustriert sind wir, wenn die Politiker uns nicht ernst nehmen!

Welchen Anfangselan aus der ersten Hälfte der 1990er Jahre braucht die GEW wieder?

Mehr Mitglieder, mehr Mitstreiter*innen… und heute mehr junge (aktive) Mitglieder, die den Generationenwechsel in der GEW mit bestreiten.

Bei welcher Situation / bei welchen Situationen in der LGS hast Du am meisten gelacht?

Da habe ich keine bestimmte Situation auf Lager, aber gelacht habe ich viel. Schließlich sind meine Kollegen und Kolleginnen in der LGS wie meine Familie auf Arbeit.

Bei welcher Situation / bei welchen Situationen wärest Du am liebsten vor Scham im Boden versunken?

Wenn ich etwas gesagt habe, was für mich im Kopf klar war, aber beim Aussprechen anders angekommen ist. Manchmal peinlich…

Zum Schluss

Die Arbeit mit euch hat mir viel Freude bereitet, manchmal war es auch traurig, aber es war nie langweilig und hat mich für mein Leben geformt! Danke an euch alle, an meine GEW - ich werde euch vermissen, aber bin nicht aus der Welt!