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Wo gehobelt wird …

29.11.2017 - Kathrin Vitzthum

Über den Werkstattprozess und über die Weiterverhandlung des Personalentwicklungskonzepts

  • Der Werkstattprozess

Das klingt nach Hammer und Bohrer, nach Feile und Säge, nach Hobel und jeder Menge Staub. Mit diesen Werkzeugen arbeitet das TMBJS im Werkstattprozess „Zukunft Schule“ zwar nicht, aber dennoch wirbelt es eine Menge Staub auf.

Zu allererst steht nämlich die uneingeschränkte Erkenntnis, dass sich Vieles in der Thüringer Schulpolitik ändern muss: Unterrichtsausfall in nicht länger hinnehmbarer Fülle, hunderte langzeiterkrankte Lehrer*innen, ein Altersdurchschnitt nahe 52 Jahren, der eine Halbierung des Lehrerbestands bis zum Jahr 2030 bedeutet, Überlastungsanzeigen, die nicht bearbeitet werden, und vieles mehr. So stellt sich der Werkstattprozess als echte Herausforderung dar. Wie können wir Unterricht absichern, wie attraktiv für Nachwuchs werden? Welche Aufgaben haben eigentlich die  Lehrkräfte und welche die Schulleitung? Berücksichtigen Schulträger die pädagogischen Konzepte? Was heißt Ganztagsschule? Wie können Lehrkräfte lebenserfahrener werden und dabei gesund bleiben? Benötigen wir den Seiteneinstieg oder helfen Nachqualifizierungen von Lehrkräften und Erzieher*innen? Und was überhaupt passiert mit der Inklusion?

All diese Themen werden in den sog. Umsetzungswerkstätten „Zukunft kleiner Schulen“, „Entbürokratisierung“, „Unterrichtsgarantie“, „Inklusion“ und „Nachwuchsgewinnung“ unter Beteiligung der Landeseltern- und Landeschülervertretungen, der GEW und des tbb, des Hauptpersonalrates Schule, den Schulämtern, dem Thüringer Landkreistag sowie dem Gemeinde- und Städtebund beraten. Ziel ist es, bis Ende November/Anfang Dezember dem Bildungsminister Helmut Holter einen Maßnahmekatalog vorzulegen, der kurz-, mittel- und langfristige Lösungen für die missliche Lage im Schulbereich enthält. Das klingt nach einem Plan, einem gut durchdachten sogar.

Einzig: Das Problem Zeit. Innerhalb kürzester Zeit sollen umfangreiche Themen beleuchtet und daraus Maßnahmen abgeleitet werden, die massive Auswirkungen auf die an Schule Beteiligten haben können und werden. Und es steht doch außer Frage, das Eltern und Lehrkräfte verschiedene Perspektiven einnehmen, ebenso wie Schulämter und Schulträger. Kompromissfähigkeit aller vorausgesetzt, bleibt das Vorhaben ein Mammutprojekt, dem wir als GEW Thüringen derzeit fast unsere ganze Aufmerksamkeit widmen.

  • Das Personalentwicklungskonzept

Wir haben es lange eingefordert. Wir wollten bereits 2015 das Personalentwicklungskonzept (PEK) weiter verhandeln, neu justieren, der aktuellen Situation anpassen. Im Zuge der Diskussionen in der Expertenkommission wurde die Arbeit rund um das PEK wieder initiiert und läuft seitdem parallel zum Werkstattprozess.

Auch wenn die Themen in den Unterarbeitsgruppen denen der Umsetzungswerkstätten ähneln, wenn nicht sogar gleichen, so ist das Ziel hier doch etwas anders. Im PEK verhandeln GEW und tbb mit dem TMBJS über die Frage, wie auf der Basis attraktiver, sprich gut bezahlter und gesunder Beschäftigungsbedingungen, die notwendigen Veränderungen gestaltet werden können. Es geht um konkrete Vereinbarungen, wie hoch der Ersatzbedarf in den nächsten Jahren sein wird und wie dieser gedeckt wird. Es geht um die konkrete Ausgestaltung der Vertretungsreserve, deren Grundlage nur die unbefristete Einstellung sein kann. Es geht um die konkrete Umsetzung des Gesundheitsmanagments, das bereits in Form einer Rahmendienstvereinbarung existiert, aber faktisch nicht stattfindet. Es geht um den konkreten Umgang mit Abordnungen und Versetzungen, die hinsichtlich angestrebter Schulkooperationen nochmal mehr an Bedeutung gewinnen könnten. Es geht um konkrete Maßnahmen der fachspezifischen Nachwuchsgewinnung von Erzieher*innen, Lehrer*innen und Sonderpädagogischen Fachkräften. Und es geht nicht zuletzt konkret um die Grundsätze der Pädagog*innenbildung, sowohl hinsichtlich der inhaltlichen Konzeption wie auch der personellen Untersetzung in den Studienseminaren und Ausbildungsschulen. Die Betonung des Konkreten des PEK ist in Abgrenzung  zum Werkstattprozess notwendig. Während letzteres wohl eher den Weg beschreibt, wohin sich Schule in Thüringen entwickeln sollte, klärt das PEK die dafür notwendigen personellen, sächlichen und räumlichen Gelingensbedingungen. Und das sollte nicht nur eine Absichtserklärung bleiben, sondern eine verbindliche Vereinbarung der GEW und des tbb mit dem Bildungsministerium, sinnvollerweise sogar mit der Landesregierung sein.

Die Verhandlungen zum PEK sollen bis Ende des laufenden Schuljahres abgeschlossen sein. Das klingt nach viel Zeit, aber die haben wir und Ihr als Betroffene nicht. Denn Ihr müsst jeden Tag unter diesen schwierigen Bedingungen Eure Arbeit leisten, der Bildungsgerechtigkeit genüge tun und alle Kinder und Jugendlichen individuell fördern. Ihr seid die Säule des Systems und es tut dringend Not, Euch darin noch besser zu unterstützen.

Ich habe Minister Holter beim Forum „Zukunft Schule“ gefragt, wie verbindlich denn die Ergebnisse sein werden. Zu oft unterliegt Schulpolitik der jeweiligen Koalitionsfarbe. Schulpolitik ist hochpolitisch, keine Frage. Aber das System Schule verträgt legislaturabhängige Schwerpunktsetzungen nur mäßig. Minister Holter antwortete, sein Ziel sei ein „Thüringenplan Schule“, der getragen von Kabinett und Landesregierung, Gültigkeit für etwa 15 Jahre entfalten soll. Wenn das gelingt, dann ist die jetzt investierte Zeit in den Werkstattprozess und in die Verhandlungen zum PEK gut investierte Zeit. Sorgen wir mit dafür, dass Schulpolitik nicht länger auf Sicht gefahren wird, sondern mit Weit- und Nachsicht gestaltet wird.

  • Zu guter Letzt ein Dank

Ein herzliches Dankeschön an die Kolleg*innen, die sich an den Werkstätten und den Arbeitsgruppen beteiligen und auf unterschiedliche Weise mit ihren Ideen und Anregungen einbringen. Euch und allen anderen wünsche ich für das anstehende Jahresende eine besinnliche Zeit, frohe Weihnachten und alles Gute für das neue Jahr.

Mit gewerkschaftlichen Grüßen

Kathrin Vitzthum
Landesvorsitzende

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