GEW Thüringen
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Unsere SichtDas Schuljahr 2020/2021 geht zu Ende - und wir ziehen Bilanz

Welche Auswirkungen hatten Lockdown und Homeschooling? Welche Maßnahmen sollten beibehalten werden? In welchen Schularten und -fächern fehlen Lehrer:innen? Welcher große Erfolg ist der GEW im Grundschulbereich gelungen?

22.07.2021

Dazu Kathrin Vitzthum, Landesvorsitzende der GEW Thüringen:

„Ich denke, dass ich für alle im Schulbereich Tätigen und auch für die Lernenden spreche, wenn ich sage: Gut, dass dieses Schuljahr zu Ende ist. Eine Pause haben alle dringend nötig.

Dieses Schuljahr war eines mit besonderen Herausforderungen. Corona hatte nach einer kurzen und trügerischen Verschnaufpause im Sommer 2020 das Zepter in die Hand genommen. Die Zahl der Quarantänen schoss ab Mitte November 2020 in die Höhe und irgendwann waren auch fast vollständige Schulschließungen nicht mehr zu vermeiden.

Ich will dennoch das Positive des Schuljahres 2020/21 voranstellen: Die Entscheidung, auch die Grundschullehrkräfte wie alle anderen Lehrkräfte mit zweiten Staatsexamen in die Besoldungsgruppe A13 beziehungsweise in die Entgeltgruppe E 13 zu heben ist eine wichtige Entscheidung und macht den Lehrberuf insgesamt attraktiver. Die Gleichstellung der Grundschullehrkräfte ist nun in 8 der 16 Bundesländer erreicht, ausgerechnet die großen Bundesländer stellen sich noch quer.

Ein Wermutstropfen aber bleibt: Das Finanzministerium ist nicht bereit, mit uns darüber zu verhandeln, dass tarifbeschäftigte Grundschullehrer:innen genau wie ihre verbeamteten Kolleg:innen stufengleich höhergruppiert werden. Diese Ungerechtigkeit führt dazu, dass die tarifbeschäftigten Grundschullehrer:innen nicht nur weniger mehr verdienen, sondern vor allem einen Teil ihrer durchlaufenen Erfahrungsstufen verlieren. Für diese Kolleg:innen fühlt sich das nach einer Missachtung ihrer Berufserfahrung an.

Arbeits- und Gesundheitsschutz

Für uns als GEW Thüringen stand der Arbeits- und Gesundheitsschutz immer an erster Stelle. Nur in einer gesunden Schule kann gut gelernt werden. Was wir aber in diesem Schuljahr leidlich erleben mussten: Arbeits- und Gesundheitsschutz sind nicht selbstverständlich, sondern musste und muss immer wieder erkämpft werden. Masken- und Testpflicht kamen aus unserer Sicht zu spät, die Impfpriorisierung des Bundes stellte pädagogisches Personal erst an die dritte Stelle und das trotz weitgehend geöffneter Schulen. Erinnern wir uns: In der ersten Dezemberwoche 2020 lag die Inzidenz bei Lehrkräften bei 1.200, im Landesschnitt lag sie zum Vergleich bei knapp 180. Da überraschte dann auch nicht das Ergebnis unserer Blitzumfrage unter unseren Mitgliedern im Februar 2021, bei der 92 % angaben, sich nicht ausreichend vor dem Coronavirus geschützt zu fühlen, wenn die Grundschulen wieder in voller Präsenz unterrichten würden. Der Arbeits- und Gesundheitsschutz wurde auch im Bereich der Arbeitszeit massiv verletzt. Zu lange galt es, den Distanzunterricht quasi nebenher zu machen, während des Wechselunterrichts sogar zusätzlich zum normalen Präsenzunterricht. Eine solch hohe Belastungssituation darf nicht wieder entstehen, ob die neue Unterrichtsdefinition des Bildungsministeriums dabei hilft, wird sich zeigen.

Die Doppelbelastung aus Distanzunterricht auf der einen Seite, Notbetreuung auf der anderen Seite, zuletzt Wechselunterricht hat Spuren hinterlassen, bei allen. Bei den Lehrkräften, den Erzieher:innen, den Sonderpädagogischen Fachkräften, auch bei Schüler:innen und Eltern. Für ihr Durchhaltevermögen möchte ich an dieser Stelle Danke sagen.

Nicht allein die sich ändernden und anzupassenden Maßnahmen waren das Problem, sondern deren permanente Kurzfristigkeit. Freitags um 15 Uhr veröffentlichte Verordnungen stellten jede Planung auf den Kopf und ließen damit die eh schon hohe Belastung aller deutlich steigen. Und obwohl der Distanzunterricht vielerorts viel besser organisiert werden konnte, weil die Schulcloud stabiler lief, Lehrkräfte auf Erfahrungen und Weiterbildung zugreifen konnten: die mangelnde technische Ausstattung von Schulen und Elternhäusern war weiterhin ein großes Problem.

Ein verlorenes Schuljahr ist es dennoch nicht, zumindest für den überwiegenden Teil der Schüler:innen. Aber Lerndefizite sind nicht auszuschließen und so werden alle Beteiligten Geduld brauchen, manches nachzuholen, zu wiederholen, bevor neues Terrain begangen werden kann. Hierfür muss das Bildungsministerium Freiräume für die Schulen gewähren, zusätzliches Personal einstellen, Räume und außerschulische Kapazitäten nutzen. Das vom Bund bereit gestellte Geld für die sogenannten Sommerschulen wäre daher besser in Personal und Ausstattung investiert.

Was den Start in das neue Schuljahr angeht, so ist unsere Forderung ganz klar: Eine Rückkehr in die Schulen kann es nur nach einer mindestens zweiwöchigen Testpflicht geben. Allen sei ihr Urlaub gegönnt und auch wenn die meisten sich vernünftig verhalten werden, das Virus unterscheidet nicht. Schulen müssen ihren Beitrag zur Vermeidung einer vierten Welle leisten und das heißt ganz klar: Zwei Wochen Testen und Maske tragen.

Rückblick Einstellungssituation und Bewertung

Positiv ist zu vermerken, dass theoretisch alle frei werdenden Stellen auch unterjährig wiederbesetzt werden können. Ob Ruhestand, Rente, Kündigung oder ein Todesfall, die 1:1-Nachbesetzung macht es möglich, dass diese Stellen nicht bis zum Schuljahresende unbesetzt bleiben müssen.

Allerdings ist das die Theorie: Praktisch können nach wie vor nicht alle Stellen besetzt werden, selbst ein Großteil der unbefristeten Stellen blieb unbesetzt. Das unterscheidet sich zwar von Region zu Region, aber grundsätzlich gelingt es in Thüringen nicht mehr, alle Stellen fachgerecht, das heißt, schulartspezifisch und fachspezifisch zu besetzen. Die Staatliche  Schulämter bemühen sich unter schwierigen Bedingungen, auch hier fehlt Personal, dennoch das ganz Jahr über Stellenbesetzungen vorzunehmen, Vorstellungsgespräche werden vor Ort in den Schulen geführt, in den Schulämtern und immer häufiger via Videokonferenzen.

Wo liegen die Probleme der Bewerbungssituation und was bedeutet das für die Schulen und die Pädagog:innen?

Insbesondere an den Regelschulen, aber auch an Grund- und Gemeinschaftsschulen bewerben sich immer weniger ausgebildete Lehrkäfte, bei denen sowohl Schulart als auch Schulfächer passen. Wenn z. B.  zwei ausgeschriebene Fächer nicht mit Bewerber:innen untersetzt werden können, dann wird auf ein Fach priorisiert und das zweite Fach auf beliebig gestellt, um überhaupt Bewerber:innen finden zu können. Besser ein Fach als gar keines, dass ist die Devise. Und das ist weder gut für die Schüler:innen, weil zunehmend Fachunterricht fremd vertreten werden muss, noch gut die Lehrkräfte, die sich auf unsicherem Terrain bewegen müssen. Haben bislang vor allem an den Regelschulen die Naturwissenschaften gelitten, so stellen wir nun fest, dass der Mangel generell um sich greift und auch vor den Gymnasien nicht mehr Halt macht.

Der Mangel führte dazu, dass noch nie so viele Seiteneinsteiger:innen den in den Thüringer Schuldienst eingestellt werden mussten. Was auf der einen Seite eine Bereicherung sein kann, ist auf der anderen Seite eine besondere Herausforderung. Seiteneinsteiger:innen verfügen über fachspezifische Kenntnisse, sie sind Expert:innen ihres Faches. Aufgrund zu weniger Qualifizierungsangebote fehlt es ihnen jedoch häufig an pädagogischen und didaktischen Kenntnissen. Oft gelingt trotz der Unterstützung in den Kollegien der Berufseinstieg nicht und führt nicht selten zu Überforderungen, Konflikten, manchmal auch Scheitern.

Ausblick nächstes Schuljahr 2021/22

Wir müssen leider auch für das kommende Schuljahr davon ausgehen, dass nicht alle unbefristeten und befristeten Stellen besetzt werden können und der Anteil der Seiteneinsteiger:innen weiter steigt, um ansatzweise den Unterricht abzudecken.

Der Fachunterricht an Regel- und Gemeinschaftsschulen muss zunehmend durch Abordnungen von Gymnasien abgesichert werden. Dies führt unter Umständen dann zu Kürzungen an den Gymnasien.

An den Grundschulen fehlen zunehmend Schulleitungen und flächendeckend Klassenleitungen. Das bedeutet, dass entweder Lehrkräfte zwei Klassen leiten oder Klassen zusammengelegt werden müssen, was angesichts der pädagogischen Arbeit und individuellen Förderung besonders in den Schuleingangsphasen zu einem schlechteren Lernklima führen dürfte.

Trotz der Hebung der der Beschäftigungsumfänge für die Horterzieher:innen auf 80 % einer 40-Stunden Woche hat sich die Bewerberlage nicht verbessert. Somit kann eine qualitativ hohe Hortbetreuung gemäß des Bedarfs und der Vorgaben aus der Verwaltungsvorschrift nicht mehr überall abgesichert werden. Es ist dringend notwendig, die Kapazitäten der Qualifizierungslehrgänge für nicht ausgebildete Erzieher:innen zu erhöhen, damit der Grundschulhort nicht zur Verwahranstalt verkommt, sondern die Wege zur Ganztagsschule weiter entwickelt werden können.

Die Unterrichtsabdeckung in den Förderschulen wird zunehmend schlechter. Unbesetzte Stellen führen zur Deckelung im Personaleinsatz, immer häufiger wird die Doppelbesetzung im Unterricht und bei den Fördermaßnahmen gestrichen, obwohl sie gerade da dringend notwendig ist. Auch der Gemeinsame Unterricht kann wegen der schlechten Personaldecke an den Förderzentren nur eingeschränkt abgesichert werden.

Zitat eines Kollegen:

„Schönreden reicht nicht mehr, wir steuern eigentlich auf einen Bildungskollaps zu.“

Welche Konsequenzen hat die sich verschärfende Personalsituation?

Wenn die zwingend notwendigen Einstellungen bis zum Beginn des Schuljahres am 6. September 2021 nicht gelingen, kann der Unterricht zwar weiterhin abgesichert werden, aber nur unter diesen Bedingungen:

  • Kürzung der Rahmenstundentafeln in den naturwissenschaftlichen und teilweise auch der Sprachenfächern,
  • Konzentration auf Abschlussklassen,
  • massive Kürzungen (50% oder mehr) der den Schulen zustehenden DaZ-Stunden,
  • epochal erteilter Fachunterricht,
  • Klassenzusammenlegungen (unter Missachtung des geltenden Klassenteilers) oder Aufhebung von Gruppenteilern
  • verstärkter Einsatz von Erzieher:innen am Schulvormittag, die dann am Nachmittag aber fehlen

Forderungen

Was wir dringend benötigen sind praktikable Strategien durch das TMBJS zum Umgang mit dem Personalmangel. Hierfür müssen die neuen Zulagen zur Personalgewinnung aus dem Besoldungsgesetz zielgerichtet und aktiv durch die Schulämter genutzt werden. Zulagen gibt es u.a. für den Einsatz in bestimmten Regionen, Mangelfächern und Schularten. Allerdings müssen noch die entsprechenden Rechtsvorschriften erarbeitet werden. Die Zeit drängt.

Hinsichtlich der besseren Ausstattung in den Mangelfächern bedarf es dringend einer am Bedarf orientierten Studienberatung und eine bessere Lenkung, damit fachgerecht ausgebildet wird. Die Ausbildungskapazitäten im Bereich der Förderpädagogik müssen dringend erweitert werden.

Seiteneinsteiger:innen müssen vor dem Start in der Schule einen pädagogisch-didaktischen Intensivkurs belegen und nicht länger von der ersten Stunde an allein unterrichten und vielleicht noch die Klassenleitung übernehmen.

Insgesamt wünschen sich die Schulen mehr Eigenverantwortlichkeit und mehr Vertrauen durch das Bildungsministerium und die Schulämter.

Die Forderung, Verwaltungsfachkräfte an jeder Schule zu beschäftigen, muss jetzt umgesetzt werden. Zumindest sind  Schulleiter:innen und Beschäftigte zeitweise von Verwaltungsaufgaben zu entlasten.

Der Beschäftigungsumfang von Horterzieher:innen ist auf 100 Prozent anzuheben, um die Attraktivität der Arbeit im Hort weiter zu erhöhen.

Zum Schluss nochmal Corona:

  1. In den ersten beiden Schulwochen müssen, wie bereits erwähnt, Masken- und Testpflicht für alle gelten.
  2. Überall dort, wo bislang und auch weiterhin keine ausreichende Be- und Entlüftungsmöglichkeiten bestehen, sind mobile Luftfilteranlagen zur Verfügung zu stellen. Die Gelder stehen bereit, sie müssen abgerufen werden.
  3. Die digitale Ausstattung von Lehrkräften und Schüler:innen muss weiter im Fokus stehen sowie Weiterbildungsmöglichkeiten für Lehrer:innen geschaffen werden.
  4. Schulen brauchen auch im nächsten Jahr Planungssicherheit, insbesondere dann, wenn von ihnen Flexibilität erwartet wird. Das bedeutet, eine intensive Kommunikation, vorausschauendes Handeln in einer möglicherweise erneuten pandemischen Lage sowie Vertrauen in die Handlungsfähigkeit von Schulleitungen und Pädagog:innen.

Zitat eines Kollegen:

„Jeder weiß, es drängt. Gedacht, entschieden und gehandelt wird aber wieder viel zu spät.““