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GastbeitragWieviel Religion verträgt das Campusleben? Ein Gespräch mit meinem inneren Team.

Ein Kollege fragte mich unlängst, ob ich nicht motiviert sei, einen Artikel zu obenstehender Frage zu schreiben. Schließlich sei ich doch praktizierende Christin, Sozialarbeiterin, Mutter, Professorin für Soziale Arbeit, Vizepräsidentin für Studium und Lehre an der Hochschule Nordhausen und Social Justice und Diversity Trainerin. Die verschiedenen Rollen müssten mich doch geradezu prädestinieren, zum Thema Religion und Hochschule einen kurzen Beitrag schreiben zu wollen. Der Dialog mit meinem inneren Team (Persönlichkeitsmodell des Psychologen Friedemann Schulz von Thun, das die Pluralität des menschlichen Innenlebens beschreibt) hat folgendes ergeben:

01.12.2020 - Prof. Dr. Cordula Borbe - Hochschule Nordhausen

Die Christin in mir

möchtegern berichten, was für sie Christsein bedeutet: Sich immer wieder Gott zuzuwenden, nie fertig zu sein, sondern immer wieder aufzubrechen, neu zu werden, sich berühren zu lassen von Jesus, eng mit ihm in Verbindung zu sein und zu beten. Die Christin in mir spricht gern über das bedingungslose Vertrauen in Gott, die Gewissheit, dass er uns trägt. Auf dem Campus würde die Christin in mir gern öfter über ihren Glauben, insbesondere auch mit Vertreter*innen anderer Glaubensrichtungen ins Gespräch kommen.

Die Sozialarbeiterin in mir

verweist auf die Chance, Religion als Thema interkultureller Trainings zu behandeln und Religionsmittler*innen einzusetzen, die durch Peertrainings qualifiziert werden. Sie möchte zu interreligiösem Dialog ermutigen, der als ein Ergebnis von Demokratieerziehung eine wichtige gesamtgesellschaftliche Rolle spielt. Für den Bereich der Kindergarten- und Schulsozialarbeit sind religionssensible Bildungsangebote wichtig und empfehlenswert, die frühestmöglich insbesondere eine Dialogfähigkeit der verschiedenen Religionen fördert. Wie notwendig dies ist, zeigt uns nicht erst der jüngste Vorfall in Frankreich. Das zerstörerische Potenzial dialogverschlossener Religion ist zu lange unterschätzt und nicht thematisiert worden. Hier früh zu sensibilisieren, den unverzichtbaren Wert der Meinungsfreiheit zu vermitteln ohne zu provozieren, könnte in den nächsten Jahren bei zunehmender religiöser Diversität immer wichtiger werden.

Als Mutter

wünsche ich mir, dass meine Söhne in ihrem Studium Diskurs-Räume auf ihrem Campus finden. Dadurch erhoffe ich mir zum einen Toleranz und zum anderen eine Festigung des eigenen Glaubens, der sich dadurch ja immer auch in Frage stellen lassen muss und erst im Gespräch, das Gemeinsamkeiten und Unterschiede aufdeckt, an Profil gewinnt. Gleichzeitig erlebe ich, dass wir uns als Familie gegenseitig immer wieder ermuntern, Wissen über die Vielfalt der Religionen zu erlangen und entsprechende Dialoge (mit) zu gestalten.

Die Professorin in mir

sieht zunächst Hochschulen als studentischen Lebensraum, der aus Diskurs, Aufklärung und Wissensvermittlung besteht. Als Lehrende und Christin sind ihr die Themen Verantwortung im Rahmen öffentlicher Geschichtsarbeit und Erinnerungsarbeit zentrale Anliegen auf mehreren Ebenen. Gleichzeitig erkennt sie die großartige Möglichkeit, gemeinsam mit Studierenden neue Themen zu behandeln. Dazu bietet sich der Monat Dezember an, in dem sich in vielen europäischen Ländern die Christenheit im Advent auf das Fest der Geburt Jesu Christi, Weihnachten, vorbereitet. Ziel ist das Kennenlernen verschiedenster weitgehend unbekannter religiöser Feiertage. Die Lehrende in mir erinnert sich dazu an ein Seminar im Jahr 2013 mit dem Titel „Heterogenität und Lebenswelten“, in dem Studierende persönliche Kontakte zu Menschen jüdischen Glaubens, muslimischen Glaubens, hinduistischen Glaubens und christlich-orthodoxen Glaubens geknüpft haben und sich über deren Feiertage im Winter informiert haben und vielfach zum Mitfeiern eingeladen wurden. Denn keine noch so detaillierte Information kann Begegnung ersetzen. Dies wird uns besonders in dieser Zeit, in der wir aufgrund der Pandemie meist in unseren eigenen Gruppen bleiben (müssen), schmerzlich bewusst.

Als Vizepräsidentin für Studium und Lehre an der Hochschule Nordhausen

ist es mir wichtig, dass Religionszugehörigkeiten hör- und sichtbar sein dürfen. Manche Hochschulen haben Stille-Räume geschaffen, die für alle Religionen nutzbar sein sollen. An der Uni in Hamburg hingegen braucht es einen religiösen Verhaltenskodex, weil es zu-nehmende Konflikte aufgrund von Religionszugehörigkeiten gegeben hat. Ein Zehn-Punkte-Plan wurde ausgearbeitet, der Verhaltensregeln vorgibt. Orientierung dafür seien ganz klar die Vorgaben des Grundgesetzes gewesen. An dieser Stelle müssen die Hochschulen individuell entscheiden, wieviel Religion auf dem Campus sein darf. Der deutsche Staat hat sich in seiner Verfassung verpflichtet, Religionen und Weltanschauungen neutral zu begegnen und hat eine institutionelle Trennung von Staat und Religion vorgenommen.

Ist Religion also reine Privatsache?

Nein, so sollte es nicht verstanden werden, denn wir brauchen Dialog und Diskurs. Der Staat darf sich nur selbst mit keinem religiösen oder weltanschaulichen Bekenntnis identifizieren. Es ist politischer Konsens, dass Religionen maßgeblich durch ihr Werteverständnis zum Zusammenhalt der Gesellschaft beitragen (können). Das Bundesverfassungsgericht hat dem Staat daher eine „fördernde Neutralität“ gegenüber Religionen und Weltanschauungen nahegelegt. Wobei darauf verwiesen werden muss, dass nicht alle Religionen und Weltanschauungen die Werte des Grundgesetzes teilen. Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt aber von den Voraussetzungen benannter Werte, die er selbst nicht garantieren kann (Böckenförde-Diktum). Daher ist der Staat auch auf Religionsgemeinschaften angewiesen, welche die Voraussetzungen des Grundgesetzes (vor allem die unableitbare, unantastbare Würde des Menschen) teilen und stützen können. Als bedeutsam im Sinne einer historischen Prägung dieser Werte ist vor allem die jüdisch-christliche Tradition in Form der zehn Gebote im Tanach und der Bergpredigt (Matthäus 5-7). Nur solchen Religionen und Weltanschauungen, nicht aber extremistischen, seinen Grundwerten widerstreitenden, tritt der Staat mit „fördernder Neutralität“ gegenüber. Ähnlich verstehe ich es für die Kommunikationskultur an Hochschulen.

Die Social Justice und Diversity Trainerin in mir

möchte vor allem eine Sensibilisierung auch für religiöse Zusammenhänge bewirken. Häufig kommt es zu gesellschaftlich-strukturellen Benachteiligungen durch bestimmte Religionszugehörigkeiten, obwohl es gesetzliche Rahmungen in Deutschland gibt, die dies untersagen. Es ist bedeutsam, diese aufzudecken und gemeinsam wirksame Handlungsoptionen zu entwickeln, die Diskriminierung verhindern und vielmehr Begegnungsorte schaffen.

In der Doppelrolle als Christin und Social Justice und Diversity Trainerin

reflektiere ich Themen wie historische Verantwortung und Scham. Christliche Privilegien und Hegemonien müssen identifiziert und kritisch reflektiert werden. Dann greift die Chance, die eigene Religion als wichtiges Korrektiv des eigenen Denkens und Handelns zu erkennen und entsprechende Konsequenzen abzuleiten.

Insgesamt

vereinen sich die verschiedenen hier dargestellten Positionen in mir zu folgender Schlussfolgerung: Da postreligiöse westliche Gesellschaften dazu tendieren, Religion als wichtigen identitätsstiftenden und Resilienz fördernden Faktor für die Familie Mensch zu vernachlässigen, gewinnt die Schaffung interreligiöser Dialog-Räume gerade auch in Hochschulen neu an Bedeutung.