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Digitale Mindestausstattung Wie hoch sind die Mehrbedarfe der berufsbildenden Schulen in Thüringen?

Im Frühjahr 2019 hat die Bundespolitik mit einer Grundgesetzänderung den Weg frei gemacht für die Umsetzung des Digitalpakts. Dieser soll Bundesmittel im Umfang von fünf Milliarden Euro an die Schulen bringen, Länder und Kommunen geben mindestens zehn Prozent hinzu. So sollen die Schulen mit schnellem Internet, digitalen Präsentationsmedien und Endgeräten ausgestattet werden. Doch welche Bedarfe haben die berufsbildenden Schulen und wie unterscheiden diese sich von den allgemeinbildenden Schulen? Reichen die im Rahmen des Digitalpakts zur Verfügung gestellten Mittel überhaupt aus?

10.02.2020 - Roman George - Referent für Bildungspolitik GEW Hessen / Ansgar Klinger - Leiter des Vorstandsbereich Berufliche Bildung und Weiterbildung GEW Hauptvorstand

Antworten auf diese Fragen ermöglicht eine Studie, die wir im Rahmen der GEW-Initiative „Bildung. Weiter denken!“ erstellt haben. (1) Bei der Abschätzung des Bedarfs der berufsbildenden Schulen orientieren wir uns an der Methodik und an den Modellannahmen einer Studie von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Universität Bremen. Sie gehen von Durchschnittskosten von 402 Euro pro Jahr und Schülerin oder Schüler an einer idealtypischen allgemeinbildenden Schule der Sekundarstufe aus. Die zugrunde gelegten Modellannahmen sehen u.a. die Ausstattung aller Klassen- und Fachräume mit modernen Präsentationsmedien sowie ein digitales Endgerät für jede Schülerin und jeden Schüler vor. Auch der IT-Support durch Fachkräfte findet Berücksichtigung. (2)

Die Kosten für das Land

Wir übertragen diese Modellannahmen und die für 14 Einzelpositionen ausgewiesene Kostenschätzung, nehmen aber an einigen Stellen Anpassungen an die spezifischen Bedürfnisse der berufsbildenden Schulen vor. So tragen wir beispielsweise höheren Lizenzkosten aufgrund berufsfeldspezifischer Software sowie einem höheren Aufwand für die pädagogische Koordination in Form von Anrechnungsstunden Rechnung. Außerdem ergänzen wir zwei weitere Ausgabenpositionen, die in der erwähnten Studie unberücksichtigt bleiben: dienstliche Endgeräte für Lehrkräfte sowie regelmäßige Fortbildungen. Dienstliche Endgeräte sind nicht zuletzt aus Gründen des Datenschutzes geboten. Damit die Möglichkeiten einer integrativen Nutzung der digitalen Medien für den Fachunterricht genutzt werden können, sind regelmäßige Fortbildungen unerlässlich. Darüber hinaus berücksichtigen wir auch, dass Berufsschülerinnen und -schüler in der dualen Ausbildung weniger schulische Ressourcen binden. Im Ergebnis können wir mit jährlichen Durchschnittskosten in Höhe von 387 Euro pro Schülerin oder Schüler an der Teilzeit-Berufsschule rechnen. Für die vollzeitschulischen Bildungsgänge gehen wir von 470 Euro aus.

Anhand dieser Schätzwerte lassen sich die zu erwartenden Kosten unter Zugrundelegung der aktuellen Schülerzahlen berechnen. Für die gut 23.000 Schülerinnen und Schüler, die in Thüringen einen vollzeitschulischen Bildungsgang an einer berufsbildenden Schule besuchen, wäre für eine digitale Mindestausstattung ein Betrag von 11 Millionen Euro pro Jahr erforderlich (Tabelle 1). Für die 26.000 Schülerinnen und Schüler, die im Rahmen einer dualen Ausbildung an den Lernorten Betrieb und in der Teilzeit-Berufsschule lernen, wären es 10 Millionen Euro. In der Summe ist für die berufsbildenden Schulen in Thüringen mit Kosten von 21 Millionen Euro im Jahr zu rechnen. Bundesweit ergibt sich so ein Bedarf von gut einer Milliarde Euro.

Schulträger und Unternehmen

Darüber hinaus können wir auch abschätzen, welcher Anteil der Gesamtkosten auf die verschiedenen Kostenträger entfällt. Auf die Kommunen als Träger der „äußeren“ Schulangelegenheiten entfällt der Großteil der Kosten, in Thüringen 12,4 Millionen Euro (Tabelle 2). Für das Land, das für die  „inneren“ Schulangelegenheiten zuständig ist, sind Kosten in Höhe von 1,5 Millionen Euro zu erwarten. Auch private Ersatzschulen werden von uns gesondert berücksichtigt, auf sie entfallen 4,0 Millionen Euro. Wir gehen davon aus, dass auch die Unternehmen einen Anteil der Kosten tragen müssen: Digitale Endgeräte können inzwischen durchaus als unerlässliche Ausbildungsmittel verstanden werden, so dass im Kontext der dualen Ausbildung die ausbildenden Unternehmen für deren Anschaffung aufkommen müssen. Daher müssten die Unternehmen 3,2 Millionen Euro aufbringen.

Mit unserer Bedarfsschätzung für die berufsbildenden Schulen lässt sich eine bestehende Forschungslücke schließen. Die erwähnte Studie der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universität Bremen ermöglicht eine Kostenschätzung nur für die allgemeinbildenden Schulen. Für diese wird ein jährlicher Bedarf von rund 2,8 Milliarden Euro kalkuliert. Unter Berücksichtigung der Kosten für die Fortbildung und die Ausstattung der Lehrerinnen und Lehrer mit dienstlichen Endgeräten lässt sich der Finanzbedarf der allgemeinbildenden Schulen für die Laufzeit von fünf Jahren auf 15,760 Milliarden Euro beziffern. Zusammen mit den 5,265 Milliarden Euro Bedarf der berufsbildenden Schulen ergibt sich eine Summe von rund 21 Milliarden Euro. Das bisher vorgesehene Volumen des Digitalpakts würde also lediglich ein Viertel des Gesamtbedarfs aller Schulformen abdecken oder – anders betrachtet – gerade ausreichen, um den Bedarf der berufsbildenden Schulen abzudecken.

Thüringen erhält in der fünfjährigen Laufzeit des Digitalpakts gut 132 Millionen Euro an Bundesmitteln, die mit 10 Prozent Eigenmitteln kofinanziert werden müssen. So werden insgesamt 147 Millionen Euro mobilisiert, aufs Jahr gerechnet etwa 29 Millionen Euro. Sollten aus diesen Mitteln die von uns geschätzten Bedarfe der berufsbildenden Schulen voll gedeckt werden, so verbliebe für die Gesamtheit der allgemeinbildenden Schulen ein Rest von nicht mehr als acht Millionen Euro. Offensichtlich sind die Mittel des Digitalpakts deutlich zu gering bemessen, um den Bedarfen aller Schulen und aller Schulformen gerecht werden zu können.

Mehr als digitale Endgeräte

Aus unserer Sicht müssen die Mittel aus dem Digitalpakt verstetigt werden, um den Schulträgern zu ermöglichen, sich den neuen Daueraufgaben im Zusammenhang mit der Digitalisierung von Schule zu stellen. Dabei geht es um weit mehr als die Ausstattung mit digitalen Präsentationsmedien und Endgeräten. Insbesondere zur Bereitstellung des technischen Supports durch IT-Fachkräfte besteht ein erheblicher Personalbedarf, denn diese Aufgabe kann und soll nicht von den Lehrkräften zusätzlich geleistet werden. Auch die von uns vorgesehenen Entlastungsstunden für Koordinatorinnen und Koordinatoren werden selbstverständlich personalwirksam. Nur mit qualifiziertem Fachpersonal und entsprechenden Fortbildungsangeboten können die Potentiale der Digitalisierung gehoben werden.


(1) Roman George/Ansgar Klinger (2019): Mehrbedarfe für eine adäquate digitale Ausstattung der berufsbildenden Schule im Lichte des Digitalpakts, Frankfurt. https://www.gew.de/fileadmin/media/publikationen/hv/Digitale-Medienbildung/BWd---DigitAusstOffensiveBB-A4-2019-web2.pdf

(2) Andreas Breiter/Anja Zeising/Björn Eric Stolpmann (2017): IT-Ausstattung an Schulen: Kommunen brauchen Unterstützung für milliardenschwere Daueraufgaben, Gütersloh.

Tabelle 1: Digitale Ausstattung der berufsbildenden Schulen: Schätzung der Gesamtkosten  pro Jahr (in Euro)

  Schülerinnen und Schüler Vollzeit Schülerinnen und Schüler Teilzeit Kosten Vollzeitsystem in EuroKosten Teilzeitsystem in EuroKosten insgesamt in Euro
Thüringen23.15926.26210.884.73010.163.39421.048.124
Deutschland1.079.2441.411.218507.244.680546.141.3661.053.386.046

Quelle: George/Klinger 2019, S. 13

 

Tabelle 2: Digitale Ausstattung der berufsbildenden Schulen: Verteilung der Kosten auf die Kostenträger pro Jahr (in Euro)

 KommunenPrivatschulenLandAusbildendeSumme
Thüringen12.383.6764.048.6301.464.3783.151.44021.048.124
Deutschland695.505.522105.365.40783.168.957169.346.1601.053.386.046

Quelle: George/Klinger 2019, S. 16

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