GEW Thüringen
Du bist hier:

Wissenschaft und LehreWie hat sich die Arbeit an einer Hochschule während Corona verändert?

Diese Frage haben wir Dr. Christian Grywatsch, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Erfurt und GEW-Mitglied gestellt. Wir baten ihn, dabei auch die möglicherweise positiven Aspekte des coronabeeinträchtigten Lehrens darzustellen. Hier seine Perspektive und Einschätzungen:

22.04.2021 - Dr. Christian Grywatsch - Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Erfurt und Mitglied im dortigen GEW-Betriebsverband

Ich bin als wissenschaftlicher Mitarbeiter mit dem Schwerpunkt Lehre im Bereich der Lehrerbildung an der Universität beschäftigt und kann natürlich nur für meinen Bereich sprechen. Ganz pauschal kann ich sagen, dass SARS-CoV-2 meinen Arbeitsalltag vollständig umgekrempelt hat. Da meine Lehrtätigkeit quasi über Nacht in den virtuellen Raum verlegt wurde, musste ich mein komplettes Lehrkonzept überarbeiten und auf Instrumente zurückgreifen, die ich bis dato nicht kannte (WebEx, H5P, Wiseflow u.ä.). Dass die didaktisch-methodischen Entscheidungen meiner Präsenzveranstaltungen nur eingeschränkt an diese geänderten Rahmenbedingungen passfähig waren, erschwerte die Sache enorm. Seminare, Übungen und Praktika, die vom regen Austausch der Lehrenden und Lernenden leb(t)en, wurden sehr schwierig.

Schwieriger Anfang, aber auch Gewinne durch Notdigitalisierung der Lehre

Speziell in der Anfangsphase waren die technischen Voraussetzungen für einen virtuellen Unterricht nur eingeschränkt gegeben. Die Studierenden mussten die Mikros und Kameras ausgeschaltet lassen, um die Server nicht zu überlasten. So saß ich vor einem grau gekachelten Bildschirm und sprach ins Off, alternativ bestand die Möglichkeit den Studierenden Dateien zum Download bereitzustellen. Ein Feedback, die Grundlage für eine Reflexion meiner Entscheidungen, blieb in der Regel aus.

Letztlich waren meine ersten Wochen der Online-Lehre durch Learning by Doing gekennzeichnet. Diese Situation ist mittlerweile deutlich besser geworden. Die Server sind stabil, die Technik funktioniert, ich kann die Studierenden sehen und je nach Verbindungsqualität sogar so etwas wie ihre Mimik erkennen. Der Umgang mit den digitalen Instrumenten hat darüber hinaus ein gewisses Maß an Routine erreicht, so dass ich mich stärker auf didaktisch-methodische Fragen bei der Gestaltung der Lehre fokussieren kann. Darin kann man durchaus einen Gewinn in dieser Krisensituation sehen: Die Digitalisierung und die damit verbundenen Kompetenzen und Fähigkeiten haben einen enormen Schub erfahren. Ob und inwieweit der Nutzung dieser neuen Instrumente eine Nachhaltigkeit beschieden sein wird, kann ich im Moment noch nicht abschätzen.

Weiterhin nehme ich positiv wahr, dass dieser Prozess von allen Kolleg:innen geleistet werden musste und aus dieser „Notgemeinschaft“ neue Impulse für die Kooperation untereinander entstanden sind. Während ich mich vor der Krise nur selten mit fachfremden Mitarbeiter:innen über methodische Herangehensweisen in meinen Veranstaltungen austauschte, regte der Digitalisierungsdruck dazu an, in einem möglichst breiten Erfahrungsaustausch zu treten. So kam es, dass ich mich mit Kolleg:innen über meine Seminarkonzeption austauschte, mit denen ich „zu normalen Zeiten“ wahrscheinlich nicht über didaktische oder methodische Fragen gesprochen hätte.

Eingeschränkte Kontaktmöglichkeiten zu Studierenden elementar

Neben diesen positiven Effekten prägen aber vor allem die eingeschränkten Kontaktmöglichkeiten zu den Studierenden den Alltag. Ein Gespräch nach dem Seminar, eine Nachfrage auf dem Korridor, der Kontakt im Büro – all dies fällt weg, für die Studierenden und für die Mitarbeiter:innen. Und eigentlich wäre der Austausch im Moment wichtiger denn je: Welche Prüfung biete ich an, in welchem Format findet diese statt, wie sehen die technischen Voraussetzungen aus, gibt es Alternativen, welche Fristen muss man einhalten? Dass man auf all diese Fragen flexibel reagieren muss, wenn es zu kurzfristigen Änderungen und Anpassungen kommt, erhöht den Druck auf beiden Seiten und lässt die Unzufriedenheit mit dieser Situation wachsen.

Zunahme von Frust und schwindende Akzeptanz

Mit dem weiteren Fortschreiten der Krise hat der Frust jedoch nicht ab, sondern zugenommen. Während im letzten Frühjahr noch ein breites Verständnis für die Ausnahmesituation vorlag, schwindet die Akzeptanz für Einschränkungen und Auflagen und für kurzfristigen Vorgaben merklich. Die Angst der Studierenden zu den Verlierern der Pandemie zu gehören, nicht die gleichen Chancen zu haben und Benachteiligungen zu erleiden, nimmt massiv zu. Dies äußert sich vor allem auch darin, dass sie von einem enormen Druck berichten, dem sie sich ausgesetzt fühlen und dem sie sich erwehren müssen/wollen. So wurde ich von Studierenden für die Rahmenbedingungen scharf kritisiert. Wie könnte ich von heute auf morgen festlegen, die Prüfung mit einem Programm online zu schreiben, für welches ihr Rechner über bestimmte technische Voraussetzungen verfügen muss? Sie kennen das Programm nicht, verfügen nicht über die notwendige Technik und ich solle Ihnen bitteschön Alternativen an-bieten. Fakt ist, die Entscheidung lag nicht bei mir. Im Gegenteil, ich sah mich ebenfalls der Situation gegenüber, mich in kürzester Zeit in eine neue Prüfungssoftware einzuarbeiten, mit allen Konsequenzen.

Verteidigung der Maßnahmen trotz innerer Zweifel

Ich rechtfertige mich vor den jungen Menschen in meinen Kursen und muss Verständnis für Rahmenbedingungen schaffen, die ich selbst nicht zu verantworten habe – besser noch, hinter denen ich unter Umständen selbst nicht 100% stehe. Ich muss Studierende beruhigen und Ihnen immer wieder klarmachen, dass mir die Einschränkungen durch die Pandemie sehr wohl bewusst sind und sie durch diese keine Nachteile zu befürchten haben. Dass ich als Familienvater zweier Kinder auch betroffen bin und mich die Situation an meinem Arbeitsplatz auch pandemiemüde gemacht hat, erwähne ich besser nur selten.

Ich bin mir meiner privilegierten Situation im öffentlichen Dienst bewusst, ich kann und darf arbeiten, auch wenn sich die Rahmenbedingungen verschlechtert haben. Für viele Menschen scheinen dies jedoch geradezu paradiesische Zustände.

So möchte ich an dieser Stelle nicht klagen, auch wenn ich einfach meine alten Arbeitsbedingungen zurück möchte – Studierende ganz real in Seminaren, Übungen und Praktika treffen, mit ihnen zu arbeiten, zu sprechen, ihre Reaktionen wahrnehmen zu können und ganz analog in Austausch zu treten.