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Digitalisierung an HochschulenWie haben sich Arbeitsabläufe an Hochschulen durch Corona verändert?

Infolge der Corona-Pandemie konnten bei der Digitalisierung von Lehrangeboten und Arbeitsabläufen an Hochschulen große Fortschritte erreicht werden. Beispiele aus dem Arbeitsalltag an der TU Ilmenau vermitteln einen Eindruck.

05.06.2020 - Marko Hennhöfer - Lehrkraft für besondere Aufgaben und Vorsitzender des Personalrates an der TU Ilmenau Leiter des Referats Hochschule und Forschung der GEW Thüringen

In meinen Rollen als Personalratsvorsitzender der TU Ilmenau und als Lehrkraft für besondere Aufgaben sah ich mich mit den aufkommenden Einschränkungen im Präsenzbetrieb an den Thüringer Hochschulen ab Mitte März mit diversen Herausforderungen konfrontiert.

Personalrat: Sind Teilnehmer*innen einer Videokonferenz im juristischen Sinne anwesend?

Von Beginn der Einschränkungen an war klar, dass der Personalrat zu den Kernfunktionsbereichen der Universität gehört, da ohne die entsprechenden Mitbestimmungsverfahren keine Einstellungen oder Verlängerungen von Arbeitsverträgen möglich sind. Es mussten also praktikable Verfahren gefunden werden, wie die Personalratsmitglieder unter den Gesichtspunkten der Kontaktminimierung und des Infektionsschutzes Beschlüsse fassen konnten.

Die Idee bei Sitzungen auf eine Videokonferenzlösung auszuweichen war naheliegend – aber Mitte März zumindest rechtlich noch umstritten – heißt es doch im Personalvertretungsgesetz, dass Beschlüsse mit der Mehrheit der anwesenden Mitglieder gefasst werden. Die Frage, über die Juristen geteilter Meinung sind, ist, ob in Videokonferenzen die Teilnehmenden anwesend sind oder ob die Anwesenheit nur in einer Präsenzsitzung gegeben sein kann. Den Gesundheitsschutz der Personalratsmitglieder im Blick, folgten wir der Fraktion, die es für möglich hält, Beschlüsse per Videokonferenz zu fassen, wenn dies in einer Geschäftsordnung entsprechend geregelt ist.

Die erste Sitzung unter Krisenbedingungen fand dann mit sieben Personalratsmitgliedern in Präsenz mit entsprechendem Mindestabstand statt, um die Geschäftsordnung zu legitimieren, die danach Videokonferenzsitzungen ermöglichen sollte. Die übrigen sechs Mitglieder waren dabei schon per Videokonferenz zugeschaltet und konnten im weiteren Verlauf der Sitzung regulär mit einbezogen werden. Dabei lernten wir die Tücken von gemischten Sitzungen teils in Präsenz und teils online kennen. Die folgenden Sitzungen fanden dann ausschließlich online statt, was die technischen Aspekte wieder etwas vereinfachte. Jedes Mitglied hat dann eine Kamera und ein Mikrofon und Störgeräusche sind weitgehend ausgeschlossen. Seitdem funktionieren die Sitzungen nahezu problemlos. Lediglich in Einzelfällen kam es zeitweise zu Problemen, weil bspw. im Home-Office nur eine schwache Internetverbindung zur Verfügung stand.

Deutlich wurde jedoch auch, dass eine Videokonferenzsitzung kein 100-prozentiger Ersatz für eine Präsenzsitzung sein kann. Der kurze Austausch vor/nach den Sitzungen sowie in der Pause findet nicht statt, die Kommunikation ist eingeschränkt, da Mimik und Haltung kaum erfasst werden, Diskussionen sind weniger lebhaft, Kommentare zur Sitznachbarin, die ggf. für alle interessant sein könnten, unterbleiben, usw.

Lehre: Technisch gute Bedingungen, aber Herausforderungen in der Handhabung

Bei der Umstellung der Lehre auf digitale Formate ist es nicht überraschend, dass die Qualität der Angebote stark variiert. Für Lehrende ohne Erfahrung auf diesem Gebiet war schlicht die Zeit zu kurz, um sowohl technisch als auch didaktisch ausgereifte Online Angebote zu erstellen. Persönlich hatte ich bereits vor Jahren eine Vorlesung mit diversen Funktionalitäten der Moodle-Lernplattform angereichert und auch Videoaufzeichnungen meiner Lehrveranstaltungen bereitgestellt. Also ich war nicht ganz neu im Geschäft aber auch kein Experte.

Überrascht war ich, wie gut die Unterstützung der Lehrenden durch unser Zentralinstitut für Bildung und das Universitätsrechenzentrum funktionierte. Es wurden zentral Moodle-Kurse für jede Lehrveranstaltung angelegt und selbst die Beschaffung von Grafik-Tablets, Dokumentenkameras, Kameras und Mikrofonen für den Unterricht aus dem Home-Office gelang in der Woche vor Beginn der Online-Lehrveranstaltungen. Dank der engagierten Kollegen im Fachgebiet, die auch am Wochenende noch bereit waren, Funktionalitäten zu testen, startete am 20. April die erste Online-Lehrveranstaltung im Fachgebiet erfolgreich.

In meiner Lehrveranstaltung hatte ich dann etwa 50 Studierende, die mich im Home-Office als kleines Videobild sahen und parallel dazu im großen Bild den „Tafelanschrieb“ oder Datenblätter von Mobilfunkbauteilen, die ich zur Motivation und zum Praxisbezug typischerweise in der ersten Veranstaltung zeige. Als Einschränkung empfand ich dabei die schlechtere Schreibqualität und die geringere Schreibgeschwindigkeit verglichen mit dem Schreiben auf Papier oder an einer Tafel. Einige Studierende nutzen auch die Möglichkeit Fragen zu stellen und verwendeten dazu bspw. die Chatfunktion. Das fand ich praktisch, da ich so meine Ausführungen nicht unterbrechen musste und die Fragen an geeigneter Stelle beantworten konnte.

Fazit: Trotz teils geringeren Niveaus gegenüber Präsenzveranstaltungen gesellschaftlich dringend und notwendig 

Das Geschilderte ist nur ein sehr individueller und verkürzter Blick auf das Geschehen und es ist in vielen Fällen offensichtlich, dass die Wissens- und Kompetenzvermittlung derzeit nicht auf dem Niveau erfolgen kann, wie dies zuvor in Präsenzveranstaltungen der Fall war. In einer Zeit, in der in vielen Unternehmen Kurzarbeit, Jobverlust oder Geschäftsaufgaben das Geschehen bestimmen, halte ich es allerdings für essenziell, dass wir unserer gesellschaftlichen Verantwortung nachkommen und auch in dieser schwierigen Situation Studierende bestmöglich bilden.

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