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Wie gut ist die Lehrer*innenausbildung in Thüringen? Die wichtigsten Ergebnisse der Umfrage unter den Lehramtsanwärter*innen im Überblick

Die GEW Thüringen befragte nach 2014 erneut die Lehramtsanwärter*innen (LAA) des Landes Thüringen zur Qualität ihrer bis dahin durchlaufenen Lehrer*innenausbildung. Im Zeitraum von 11. bis 30.04.2018 beantworteten 158 LAA den Fragebogen ganz oder teilweise, was einer Teilnahmequote von ca. 17,7 Prozent entspricht – damit sind die Ergebnisse repräsentativ. Zentralen Befunden wie die leichte Verbesserung bei der Belastung der Lehramtsanwärter*innen stehen weiterhin große Schwachstellen gegenüber – ungenügende Terminverzahnungen und mangelnde Vorbereitung auf den Berufsalltag sind zwei Beispiele davon.

05.09.2018 - GEW Thüringen

„Gut und realistisch vorbereitet zu werden auf den Lehrerberuf ist ein wichtiger Punkt, wenn es darum geht, dass die neuen Kolleginnen und Kollegen später gute Arbeit leisten können. Davon profitieren alle im System Schule – die Kinder und Jugendlichen, die Eltern und natürlich die Lehrerinnen und Lehrer selbst“, so Kathrin Vitzthum, Landesvorsitzende der GEW Thüringen, über den Grund, warum die Bildungsgewerkschaft diese großen und systematischen Umfragen durchführt.

Am 31.08.2018 stellt die GEW Thüringen die Studie zum Tag der offenen Tür in der Heinrich-Mann-Straße 22, Erfurt, ab 15 Uhr vor.

 

Schlussfolgerungen aus den Ergebnissen und Empfehlungen für die Lehrer*innenausbildung

Bedeutsam für die Einstellungspolitik des Landes Thüringen bei den Lehrkräften ist die erneute Bestätigung (wie schon 2014), dass es einem Großteil der Lehramtsanwärter*innen (LAA) nur wenig auf die Verbeamtung ankommt. Sogenannte weiche Faktoren wie Familie, Freunde, Beziehungen sind deutlich wichtiger für die Entscheidung des zukünftigen Arbeitsortes, vor allem aber eine schnelle Zusage bei einer Bewerbung.

  • Struktur der Ausbildung

Für einen Großteil der Befragten ist die unfreiwillige Wartezeit auf den Beginn des Vorbereitungsdienstes (4-12 Monate nach dem Abschluss der 1. Phase) zu lang und dies vor allem bei Absolvent*innen der Universität Erfurt.

Empfehlung der GEW Thüringen: Die Termine zwischen der 1. Phase an der Uni Erfurt und der
2. Phase am Studienseminar müssen besser und überhaupt miteinander  verzahnt und aufeinander abgestimmt werden. Das Problem ist allen beteiligten Institutionen  (Bildungsministerium, Schulämter, Studienseminare, Universitäten) seit langem bekannt. Dazu ein LAA: „Start des Vorbereitungsdienstes sollte der Schuljahresbeginn sein. Es sollte ein nahtloser Übergang von Universität zu Vorbereitungsdienst möglich sein.“

Der Aussage „Die Trennung zwischen theoretischer und praxisdominierter Phase ist sinnvoll“
und „Die verschiedenen Ausbildungsphasen sind sinnvoll miteinander verbunden“ stimmen die LAA noch weniger zu als 2014. Dazu ein LAA: „Die Verantwortlichen im Studienseminar müssten sich mit unseren Studieninhalten auseinandersetzen. Über die Inhalte aus den allgemeinen Seminaren können wir nur den Kopf schütteln, weil wir das alles viel ausführlicher an der Uni gelernt haben.“

Empfehlung der GEW Thüringen: Auch inhaltlich sollten zwischen der 1. Phase der Lehrer*innenausbildung an der Universität und der 2. Phase am Studienseminar mehr und bessere Kooperationen und gegenseitige Bezüge stattfinden. Auch dieses Defizit ist seit Jahren bekannt und wird von uns erneut angemahnt.

  • Inhalte

Über 50 % der LAA fühlen sich durch den Vorbereitungsdienst nicht ausreichend mit Kommunikationsstrategien für Gespräche mit Schüler*innen ausgestattet und mehr als 60 % der LAA äußern dasselbe in Bezug zu Kommunikationsstrategien mit Eltern, mithin also auf zwei zentralen Feldern der Tätigkeit von Lehrer*innen an Schulen.

Empfehlung der GEW Thüringen: Die konsequente Ausrichtung der 1. und 2. Phase der Ausbildung an der gewünschten und benötigten Handlungskompetenz ist dringend geboten. Dazu müsste die Fragestellung „Welches Wissen, welche Fertigkeiten und welche Kompetenzen benötigen angehende Lehrer/innen im Schulalltag?“ normativ sein, denn es geht um das Fitmachen für den Berufsalltag und nicht allein um fachwissenschaftliche Kompetenzen, die weit über dem liegen, was an Schule tatsächlich benötigt wird.

  • Fachleiter*innen

Weniger als 20 % der LAA sagen, dass die Besprechungen der Unterrichtsstunden durch die Fachleiter*innen in Richtung der Stärken tendieren.  Der Aussage „Von meinen Fachleiter*innen wird Kritik konstruktiv geäußert“ stimmen dabei signifikant weniger LAA zu als 2014. Und: Der Aussage „In welchem Maß assoziieren Sie den Begriff ‚autoritär‘ mit den Unterrichtsbesuchen durch Ihre Fachleiter*innen?“ stimmen signifikant mehr LAA zu als 2014.

Empfehlung der GEW Thüringen: Der Umgang der Fachleiter*innen mit den LAA ist den Aussagen der Betroffenen nach teilweise verbesserungswürdig. Es kann vermutet werden, dass die Gründe hierfür im Bereich der Arbeitsbedingungen der Fachleiter*innen und im Bereich mangelnder Weiterbildungsmöglichkeiten liegen.

  • Belastungssituation

Insgesamt ist die Belastungssituation der LAA im Vorbereitungsdienst etwas weniger geworden (mehr Freizeit, mehr oder überhaupt Zeit für private Dinge). Der Aussage „Ich bin an der obersten Belastungsgrenze angelangt“ stimmen signifikant weniger LAA zu als 2014. Es kann ein Zusammenhang mit dem Wegfall der 2. Staatsexamensarbeit vermutet werden. Dieser Wegfall  war ein greifbares Ergebnis im Nachgang der LAA-Umfrage der GEW Thüringen aus dem Jahr 2014. Damals wurde an dieser Stelle eine besonders hohe, aber unnötige Belastung der LAA nachgewiesen. Das Bildungsministerium hat daraufhin diese unter den Fachleiter*innen und Studienseminarleiter*innen ob ihres nicht vorhanden wissenschaftlichen Wertes schon lange infrage gestellte Prüfung abgeschafft.

Dennoch fühlen sich über 70 % stark oder sehr stark durch den Vorbereitungsdienst belastet. Es schätzen über 60 % ein, das die durchschnittliche Stressbelastung im Vorbereitungsdienst stark bis sehr stark ist. Denn: Problematisch ist immer noch und vor allem die Prüfungsphase am Ende des Vorbereitungsdienstes. Über 60 % der LAA lehnen ab, dass die Arbeitsbelastung während der praktischen Prüfung angemessen sei. Ein ähnliches Bild ergibt sich zur Arbeitsbelastung zur mündlichen Prüfung, hier sagen das 66 % und 80 % der LAA sprechen sich dafür aus, dass die zu haltenden Pflichtstunden während der praktischen Prüfungsphase reduziert werden sollten. Dazu ein*e Lehramtsanwärter*in: „Eine Entlastung der LAA kann nur durch größere Zeitressourcen geschaffen werden. Routinen und Sicherheit an der eigenen Schule, die Vertrautheit mit dem Kollegium und der Seminarleitung, das Verständnis für komplexe soziale Strukturen (Kinder, Eltern, Erzieher, außerschulische Mitarbeiter,  ...) kann durch keine andere Zugangsform geschaffen werden.“

Der Normalfall während eines Studiums ist der Wegfall anderer Pflichten innerhalb des Prüfungssemesters, um sich vollständig auf die Prüfungen konzentrieren zu können. Das gibt es im Vorbereitungsdienst jedoch nicht. Von den LAA wird die Ableistung ihrer Unterrichtsverpflichtungen und die zeitgleiche Prüfungsvorbereitung und –durchführung erwartet. Freie Tage für die Prüfungsvorbereitungen gibt es nur in sehr begrenztem Maße und sind bei weitem nicht ausreichend. Eine sinnvolle Prüfungsvorbereitung ist daher nur in der Freizeit möglich, unnötig hohe Belastungen der angehenden LAA die Folge. Von ausgebrannten Berufseinsteiger*innen profitiert aber niemand, weder die Schüler*innen, die Eltern, die Kolleg*innen, die Familie und Freunde noch die/der Betroffene selbst.

Empfehlung der GEW Thüringen: Der begonnene Weg der Entlastung der LAA muss weiter gegangen werden. Eine „Normalisierung“ der Belastung in den Prüfungsphasen  im Sinne einer Möglichmachung der ausschließlichen Konzentration auf diese Prüfungen ist das Ziel.

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