GEW Thüringen
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Minderheiten sind normalWider die Mehrheitsgesellschaft

Zuweilen wird kritisiert, dass wir als GEW auch Minderheiten im Focus haben. „Wir müssen uns wieder mehr um die Mehrheit kümmern“ – eine Kritik, die man mitunter auch im Landesvorstand hört. Was ist aber die Mehrheit? Gibt es sie überhaupt?

02.12.2019 - Thomas Hoffmann - Stellvertretender Landesvorsitzender

Wir sind zwar viele GEWerkschaftsmitglieder, eine Mehrheit stellen wir in der bundesdeutschen Gesellschaft aber nicht dar. Selbst an unserem Arbeitsplatz, in unserer Bildungseinrichtung, stellen in den wenigsten Fällen GEW-Mitglieder eine Mehrheit der Beschäftigten dar. Als Mann gehöre ich ebenso zu keiner Bevölkerungsmehrheit, und erst recht nicht mit 1,98 m Körpergröße und Schuhgröße 48. Ebenso gehöre ich als Angestellter im öffentlichen Dienst keiner Mehrheit der Bevölkerung an. Bei den diesjährigen Landtagswahlen hat keine Partei die Mehrheit der Abgeordnetenmandate gewonnen, es ist außerdem schwierig, überhaupt eine tragfähige Regierungsmehrheit zu gewinnen. Jede Landtagsfraktion stellt nämlich nur eine Minderheit dar, so wie die Wähler* egal welcher Partei in Thüringen nur eine Minderheit ausmachen.

Ich gehöre übrigens zahlreichen weiteren Minderheiten an: beispielsweise die Minderheit derjenigen, deren Väter aus Ostpreußen und deren Mütter aus Oberschlesien kommen. Auch als in Hamburg Geborener und in Thüringen Lebender gehöre ich zu einer Minderheit, ganz zu schweigen von der Minderheit der Binnenschiffer die
jetzt an einer Hochschule arbeiten. Ich bin mir sicher, dass jede*r von uns sich recht schnell zahlreichen Minderheiten zuordnen kann, in deren Schnittmenge ein einzigartiges Individuum steht, das Respekt verdient und dessen Würde unantastbar ist.

Der Begriff der Mehrheitsgesellschaft hingegen reduziert die Menschen auf wenige (äußerliche) Merkmale, die jedoch die Vielfalt menschlichen Lebens in keiner Weise widerspiegeln. Das sind bspw. alle Menschen, die zehn Finger und zehn Zehen haben, oder alle Menschen, die im Alter graue Haare bekommen. Im Kern sind wir also immer Teil vielfältiger Minderheiten und es müsste, rein theoretisch, jedes Mal erst einmal konkret benannt werden in Bezug darauf, was genau wir eigentlich gerade mit Mehrheitsgesellschaft meinen. Einfach nur unbestimmt „Mehrheitsgesellschaft“ sagen reicht hier nicht bzw. ist ein dürftiger Versuch, ein Anliegen abzubügeln.

Die Gesellschaft wird heterogener

Problematisch ist dabei insbesondere, wie mit dem Verweis auf eine angeblich existierende Mehrheitsgesellschaft suggeriert wird, dass alle Menschen sich dieser Mehrheit anpassen bzw. unterordnen sollen. Dies steht im Widerspruch zum Respekt vor der Würde des Menschen und ist oft auch gar nicht möglich. Ich bin mir sicher, dass – würde ich in Südostasien leben – ich auch mit größter Anstrengung physiognomisch nicht der „Mehrheitsbevölkerung“ entspräche. In Burkina Faso
übrigens auch nicht. Vielleicht auch nicht in Deutschland?

Das Heraufbeschwören einer vermeintlichen Mehrheitsgesellschaft verwischt außerdem, dass natürlich auch diese nicht immer mit einer Stimme sprechen kann. Nicht alle Mitglieder einer bestimmten Mehrheit verfolgen immer auch die gleichen Ziele. Immer kann es übrigens passieren, dass Mehrheiten anders besetzt werden und man sich plötzlich in einer Minderheit befindet. Konnten vor 30 Jahren Raucher* den Eindruck haben, die Mehrheit der erwachsenen Bevölkerung darzustellen, sind sie heute eindeutig in einer Minderheit – ebenso diejenigen, die kein Mobiltelefon haben. Die zunehmend heterogene Ausdifferenzierung der Gesellschaft führt dazu, dass es immer mehr Minderheiten gibt, denen wir uns mehr oder weniger zuordnen können bzw. zugeschrieben werden.

Wer bestimmt über die Mehrheiten?

Gleichzeitig stellt sich immer auch die Frage, wer eigentlich bestimmt, welche Minderheiten und Mehrheiten Beachtung finden und welche nicht. Es wird immer nur eine Minderheit unserer Mitglieder schwanger sein können – sollten wir deswegen die schwangeren Kolleginnen links liegen lassen? Sollten das dann auch die
Nichtschwangeren bestimmen dürfen? Sollten wir uns um Leiharbeiter* nicht kümmern, weil diese prozentual nur einen geringen Anteil der Beschäftigten stellen? Ist uns der Beschäftigte mit Laufschwierigkeiten egal, weil die meisten von uns gut laufen können? Und würden wir das gar anders sehen, wenn wir aufgrund von Alter
oder einem Unfall selbst Probleme mit dem Laufen haben?

Gerade das solidarisch Füreinander-Dasein ist ein wichtiges Mittel um zu zeigen, dass Gewerkschaft wichtig ist. Im Zweifelsfall will die Kollegin, egal welchen Hintergrundes, vor Ort Unterstützung und achtet nicht darauf, ob sie auch zufälligerweise gerade der ominösen Mehrheit angehört. Traditionelle Kräfte sind geneigt, Homogenität als Idealzustand zu vermitteln. Das entspricht aber nicht der heterogenen gesellschaftlichen Realität. Die Vielfalt menschlichen Lebens stellt meines Erachtens einen unschätzbaren Reichtum dar, an dem wir uns erfreuen können und für den es sich zu kämpfen lohnt.

Respekt vor anderen Menschen in allen Facetten ihrer Vielfalt ist der Kitt, der eine freiheitliche, offene und solidarische Gesellschaft zusammenhält. Deswegen ist es wichtig, dass die GEW als Bildungsgewerkschaft nicht eine irgendwie geartete Mehrheitsgesellschaft in den Vordergrund stellt, sondern sich für eine bunte Diversität menschlichen Lebens einsetzt. Als Beschäftigte im Bildungswesen und in der Wissenschaft können wir so dazu beitragen, dass sich Menschen aller Altersklassen
bestmöglich entfalten können.

In § 3 der Satzung der GEW steht nichts von den Interessen der Mitglieder einer „Mehrheitsgesellschaft“, vielmehr ist ein Antidiskriminierungsauftrag formuliert:

Zweck und Aufgabe der GEW sind:
a) Wahrnehmung der beruflichen, wirtschaftlichen, sozialen und
rechtlichen Interessen ihrer Mitglieder,
b) Förderung von Erziehung und Wissenschaft,
c) Ausbau und interkulturelle Öffnung der in den Diensten von Erziehung und Wissenschaft stehenden Einrichtungen,
d) Ausbau der Geschlechterdemokratie,
e) Verhinderung und Beseitigung von Diskriminierung.
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