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Wertschätzung statt Diskriminierung

Für eine Kultur der wertschätzenden Verschiedenheit setzt sich Elke Gärtner, Sprecherin der Bundes-AG LSBTI ein. In der Praxis erfährt die Grund- und Hauptschullehrerin aus Baden-Württemberg, dass Diskriminierungen wegen des Geschlechts leider immer noch an der Tagesordnung sind.

27.11.2013

Wie sieht die Lebensrealität an Schulen aus?
Wir haben ein sehr rigides geschlechterangepasstes Verhalten an Schulen. Nur wenige Lehrer_innen outen sich, weil sie Angst vor Diskriminierungen haben. Bei den Schülerinnen und Schülern ist das noch schwieriger, weil sie auf die Anerkennung ihrer Peergroup angewiesen sind und keine Außenseiter sein wollen. Hinzu kommt, dass die Vielfalt der sexuellen Orientierung im Unterricht nicht thematisiert wird und traditionelle Rollenbilder unreflektiert weitergereicht werden. Auch gegen Diskriminierung wird nicht wirklich vorgegangen, dabei ist die Suizidrate bei homosexuellen Jugendlichen fast doppelt so hoch wie bei Heterosexuellen.

Die GEW hat sich für den Abbau von Geschlechterstereotypen in der Bildung ausgesprochen. Wie wichtig ist dieser Beschluss?
Ich begrüße den Beschluss des Gewerkschaftstages sehr, der von unserer AG auf den Weg gebracht wurde. Er ermöglicht, dass wir jetzt in den einzelnen Ländern das Thema stärker voran treiben können. Es muss Pflicht sein, sich mit Geschlechtervielfalt und Rollenstereotypen kritisch auseinanderzusetzen. Das gilt für Bildungspläne, Materialien und für die Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern.

Wie kann das praktisch aussehen?
Das Thema betrifft uns alle und gilt für alle Bereiche, in denen wir mit Kindern und Jugendlichen arbeiten. Sie können selbst betroffen sein oder homosexuelle Eltern oder Verwandte haben. Für die Schule bedeutet das, sexuelle Vielfalt und Genderkompetenz in den Bildungsplänen zu verankern. Zurzeit gibt es gewaltige Unterschiede zwischen den Bundesländern. Oft wird das Thema in den Sexualkundeunterricht abgeschoben, dabei geht es hier um weit mehr als Wissens vermittlung und sexuelle Praktiken. Auch die Verlage orientieren sich mit ihren Produkten an den Bildungsplänen.

Was können Unterrichtsmaterialien bewirken?
Bücher und Materialien sind der heimliche Lehrplan und bestimmen die Unterrichtsgestaltung. Lehrer_innen orientieren sich daran und Schüler_innen werden durch diese Rollenbilder geprägt. Auch Mädchen, die sich in Mädchen verlieben und Jungen, die für Jungen schwärmen müssen abgebildet werden, das ist insbesondere in der Pubertät wichtig. Vielfalt muss wertschätzend und als Normalität in den Unterrichtsalltag integriert werden.

Was brauchen Lehrerinnen und Lehrer dafür?
Reflexionsfähigkeit ist die wichtigste Kompetenz, die Lehrende besitzen müssen. Den Gewerkschaftsbeschluss, Genderkompetenz als Schlüsselqualifikation in der Lehrer_innenausbildung zu verankern, halte ich für sehr wichtig. Lehrer_nnen müssen ihre eigenen festgefahrenen Rollenbilder kritisch hinterfragen und Kinder und Jugendliche ermutigen, ihren eigenen Weg zu gehen. Momentan kommt das Thema in der LehrerInnenausbildung nicht vor, es sei denn der/die AusbilderIn tut dies aus eigener Motivation heraus.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Ich wünsche mir, dass konsequenter gegen Diskriminierung vorgegangen wird. Das ist auch eine Form von Gewaltprävention. Lehrerinnen und Lehrer sollten füreinander eintreten und eine andere Kultur des Umgangs entwickeln und Beschimpfungen zum Tabu machen. Kinder und Jugendliche müssen endlich den Freiraum haben, sich frei von Diskriminierungen und ohne Angst für ihre Identität zu entscheiden, egal wie sie ausfällt, ob schwul, lesbisch, hetero-, trans- oder intersexuell.

Anmerkungen:
Der Unterstrich (_) auch Gender-Gap genannt, stellt einen Platzhalter zwischen den Geschlechtern dar, um viele verschiedene Geschlechtsidentitäten sichtbar zu machen und die Norm der Zweigeschlechtlichkeit in Frage zu stellen.

LSBTI steht für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans und Inter.
"Inter" oder zwischengeschlechtliche Menschen sind mit einem Körper geboren, der geschlechtlich nicht eindeutig zugeordnet werden kann.

"Trans" sind Menschen, die sich nicht mit ihrem biologischen Geschlecht identifizieren können und auch solche, die sich einer geschlechtlichen Zuschreibung ganz entziehen wollen.

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