GEW Thüringen
Du bist hier:

Mädchen? Junge? Einfach ein Kind!"Was wird es denn?" - "Ist doch egal, Hauptsache gesund!"

Jörg Vetter vom Leitungsteam des Referats Frühkindliche Bildung und Sozialpädagogik macht sich als frischer Vater Gedanken darüber, welche Klischees seinem Kind gegenüber wirken. Und er stellt Fragen nach den Begrenzungen und nicht entwickelten Talenten, die mit klischeehafter Behandlung damit verbunden sind – auch bei seinem Kind.

02.12.2019 - Jörg Vetter - Mitglied im Leitungsteam des Referats Frühkindliche Bildung und Sozialpädagogik

Nun denkt man als frischer Vater über einige Dinge des Lebens nach. Zum einen weil sie nun in den Fokus gerückt sind und zum anderen weil sie mich als Vater unmittelbar betreffen. Vor 16 Monaten hätte ich über die Ausgestaltung eines Kinderzimmers oder über den Einkauf diverser Anziehsachen für das Kind nicht nachgedacht, zumindest nicht geschlechtsspezifisch. Was das heißt, kann man sich denken, wenn von grellen Farben und Einhörnern die Rede ist. Es ist nicht schlimm, aber wenn ein Junge ein rosa Kleid tragen möchte, ist der verwunderte Blick der Verwandtschaft vorprogrammiert. Warum bloß? Das ist mir als Frage oft in den Sinn gekommen.

Als stolze Eltern tragen wir unser Kind mit Freuden durch die Gegend und lassen alle Bekannten und Verwandten an unserem Glück teilhaben. Für viele ist es nicht ersichtlich, ob es ein Mädchen oder ein Junge ist, da ein bunter Kleidungsmix eine klischeehafte Geschlechterzuschreibung verhindert. Manchmal ist unser Kind ein Mädchen und manchmal ein Junge. Bekannte und Passanten werden im Glauben ihres Geschlechtertipps gelassen. Gedanken und Klischees werden für unser Kind noch nachgereicht und in meinem Kopf bleibt die Frage: Warum wohl?

Ist es jetzt, nach 15 Monaten, so wichtig, ob es hellblau oder rosa ist? Was spielt es für eine Rolle ob Pipihahn oder Puschmusch? Den Kindern ist es egal, so lang sich die Prägung durch Erwachsene in Grenzen hält. Sind aber erst einmal die Samen der Geschlechtertrennung aufgegangen, so treibt es mitunter ziemlich schlimme Blüten, wenn mir Kinder im Kindergarten vorsingen: „Jungs sind stärker, Mädchen sind Quark.“ Das finde ich nicht nur inhaltlich falsch sondern auch gemein. Woher sie das haben, war meine Frage. Die Antwort kam postwendend: „Aus dem Film im Fernsehen.“ Ich schreibe diesen Text nicht, um zu kritisieren, ich finde es einfach nur unfair.

Doch was hat das alles mit frühkindlicher Bildung zu tun?

Auf der einen Seite sehr viel, aber auf der anderen Seite auch gar nichts. Mit „viel“ meine ich die Prägung durch uns Erwachsene. Wir nehmen keine Kinder an, sondern Jungen und Mädchen. Mit dieser Kategorisierung und Trennung gehen auch all die ganzen (überholten) Rollenbilder und Klischees einher: Jungs sind stark und Mädchen machen den Haushalt, sind die berühmtesten (und abgedroschendsten) Klischees, die viele Erwachsene immer noch – oder dank CSU und AFD wieder – damit verbinden. Doch auch Jungs oder Männer wollen wissen, wie ein Baby zu versorgen ist. Sie teilen sich in die Elternzeit hinein, sie fragen sich, wie sie die Aufgaben in der Familie miteinander teilen können. Das Ziel ist, dass alle kraftvoll durch den Tag mit einem Neugeborenen kommen. Warum sollte es also nicht möglich sein, dass alle Kinder mit Puppen und Autos spielen, egal welchem Geschlecht sie angehören?

Mit „gar nichts“ ist der Einfluss des Geschlechts auf die frühkindliche Bildung gemeint. Diese Bildung, die jedes Kind (auf der ganzen Welt) erfahren soll, ist geschlechtsneutral. Schreiben, Lesen, Rechnen soll allumfänglich jedem Kind zuteilwerden. Was jedes Kind für Talente hat und was es dann aus seinen Talenten macht, ist ein spannender Weg. Einen, den wir fördernd begleiten können und sollten. Und dieser Weg ist bei weitem weniger vom Geschlecht abhängig, als wir Erwachsenen glauben wollen.

Diversität als lobenswerter Anspruch

Ein guter Schritt in die richtige Richtung ist die Umsetzung des „Thüringer Bildungsplans bis 18 Jahre“, in dem auch die Diversität ernst genommen wird: „Die Idee eines natürlichen und damit unveränderlichen Junge- oder Mädchen-Seins mit scheinbar vorgegebenen jungen- und mädchenspezifischen Begabungen und Eigenschaften führt aber auch häufig dazu, dass Begrenzungen entstehen und Potentiale eingeengt werden. Zudem kann es zu Erfahrungen von Abwertung und Ausgrenzung kommen, wenn Kinder und Jugendliche Normen in Bezug auf Körper, Identität, Begehren oder Verhalten nicht entsprechen.“ (Thüringer Bildungsplan bis 18 Jahre. Bildungsansprüche von Kindern und Jugendlichen, hrsg. v. Thüringer Ministerium für Bildung, Jugend und Sport, Erfurt 2015, S. 26)

Toleranz und Gleichberechtigung fängt nun einmal da an, wo ich nicht mehr in Grenzen und Kategorisierungen denke. Somit bleibt unser Kind ein Kind. Bunt und voller Entdeckerfreude. So bunt und vielfältig wie das Leben.

Zurück