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GEW Thüringen zum Ländermonitor "Frühkindliche Bildungsssysteme" der Bertelsmann StiftungWas wir brauchen, ist der große Wurf!

Bedürfnisorientierte und individuelle Bildung und Förderung von Kindern sind nur mit ausreichend Personal realisierbar, ansonsten bleiben die anderen qualitativen Vorteile des Thüringer Bildungssystems blanke Theorie.

25.08.2020 - Nadine Hübener

Die Frühkindliche Bildung in Thüringen ist gut aufgestellt: hohe Quoten bei der Bildungsbeteiligung und umfangreiche Betreuungszeiten zeigen, dass es Thüringen auf quantitativer Ebene gelingt, ein umfassendes Angebot vorzuhalten. Laut Ländermonitor der Bertelsmann Stiftung werden 53 Prozent der Unter-Dreijährigen sowie 96 Prozent der Über-Dreijährigen in KiTas betreut und über 70 Prozent dieser Kinder haben wöchentlich Betreuungszeiten von über 45 Stunden.

Ergänzt wird dieses Angebot um hohe Qualitätsstandards, die durch die Arbeit mit dem „Thüringer Bildungsplan bis 18 Jahre“, ein hohes Qualifikationsniveau der Beschäftigten und kindgerechte Gruppengrößen ermöglicht werden. 87 Prozent der Beschäftigten in KiTas verfügen über einen einschlägigen Fachschulabschluss (z.B. staatlich anerkannte Erzieher*in) und 9 Prozent sogar über einen Hochschulabschluss. Das Thüringer Fachkräftegebot garantiert somit, dass fast ausschließlich pädagogische Fachkräfte auf höchstem Niveau die Bildung und Betreuung realisieren. Im Zusammenspiel mit den – laut Ländermonitor der Bertelsmann Stiftung – kindgerechten Gruppengrößen wird so die Basis für entwicklungsangemessene und fachlich reflektierte Bildungsarbeit gelegt. Zwar weisen andere unter den neuen Bundesländer noch deutlich bessere Gruppengrößen auf (führend ist hier Mecklenburg Vorpommern, gefolgt von Berlin, Brandenburg und Sachsen), aber Thüringen kann sich bundesweit mit seinem Vergleichswert durchaus behaupten.

Dem Frühkindlichen Bildungssystem in Thüringen mangelt es aber an etwas sehr Entscheidendem: die hohen Qualitätsstandards sind in der Praxis erst dann wirklich umsetzbar, wenn ausreichend Personal zur Verfügung steht. An dieser Stelle gibt es nicht nur einen deutlichen Aufholbedarf, sondern mit den steigenden Kinderzahlen hat sich die Personalausstattung bei den älteren Kindern sogar verschlechtert (11,6 Kinder je Fachkraft), bei den jüngeren Kindern stagniert sie seit Jahren (5,4 Kinder je Fachkraft). Dass für 95 Prozent der betreuten Kinder nicht genügend Fachpersonal zur Verfügung steht, ist ein Skandal.

Bedürfnisorientierte und individuelle Bildung und Förderung von Kindern sind nur mit ausreichend Personal realisierbar, ansonsten bleiben die anderen qualitativen Vorteile des Thüringer Bildungssystems blanke Theorie.

Die Bemühungen der Thüringer Landesregierung in den letzten Jahren, über kleinschrittige Personalschlüsselanpassungen die Bildungspraxis in den Kindertageseinrichtung zu verbessern, müssen nun endlich in einer Gesamtstrategie und verbindlichen Stufen zur Personalschlüsselverbesserung münden.

Was wir brauchen, ist der große Wurf statt vieler Tippelschritte!

Bereits im April diesen Jahres hatten wir mit einer Studie zur Fachkräftesituation in Thüringer Kindertageseinrichtungen auf diese eklatanten Personalengpässe und deren Zuspitzung bis zum Jahr 2030 aufmerksam gemacht.

Ohne politische Gegenmaßnahmen werden sich die bereits heute bestehenden Engpässe in Perspektive 2030 zu einer deutlichen Mangelsituation ausweiten. In der Folge drohen nicht nur Schließungen und Versorgungsengpässe, sondern vor allem eine Verschlechterung der Betreuungsqualität. Auf Grund des Personalmangels und der hohen Ausfallzeiten liegen die Fachkraft-Kind-Relationen schon jetzt zum Teil unterhalb der gesetzlichen Vorgaben. Diese wiederum liegen deutlich unterhalb dessen, was zahlreiche Experten – u.a. die Bertelsmann Stiftung – überhaupt als Voraussetzung für gelingende frühkindliche Bildungs- und Entwicklungsprozesse benennen.

Wie unsere Studie zeigte, ist eine gute Kindertagesbetreuung wünschenswerter Weise gebührenfrei, bedarf aber zunächst der Fachkräftesicherung und einer Aufwertung des Berufsfeldes. Diese Teilziele sind eine notwendige Voraussetzung, um den Beruf attraktiv zu machen, damit die gute Infrastruktur und die hohen Betreuungsquoten in Thüringen verstetigt werden kann. Zugleich kann nur so eine Betreuungsqualität gewährleistet werden, die tatsächlich dem Anspruch gerecht wird, Erziehung und Bildung im Kleinkindalter als eine sehr wichtige gesellschaftliche Aufgabe zu definieren.