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Was motiviert Lehrkräfte, sexuelle und geschlechtliche Vielfalt in der Schule zu berücksichtigen?

Seit November 2013 wird in Deutschland verstärkt die Frage diskutiert, inwieweit sexuelle und geschlechtliche Vielfalt fester Bestandteil des Schulunterrichts werden sollen. Die Debatte wurde durch eine Online-Petition ausgelöst, die sich gegen eine Verankerung des Themas im aktuellen Bildungsplan Baden-Württembergs richtete.

01.06.2015 - Sabrina Latz, Julian Scharmacher, Dr. Ulrich Klocke (Beitrag erschien in der tz Juni 2015)

Richtlinien hin oder her – es besteht eindeutig Handlungsbedarf, was die Situation LSBTI-Jugendlicher an deutschen Schulen betrifft. In einer Umfrage aus dem Jahr 2012 zur Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt an Berliner Schulen [1] zeigte sich, dass drei von fünf Sechstklässler*innen „schwul“ oder „Schwuchtel“ und zwei von fünf „Lesbe“ als Schimpfwort verwenden. Jeweils etwa die Hälfte lästert nach Angaben ihrer Mitschüler*innen über Personen, die für schwul oder lesbisch gehalten werden und macht sich über nicht geschlechtskonformes Verhalten lustig. Nur etwa ein Fünftel der Sechstklässler*innen weiß, dass man sich seine sexuelle Orientierung nicht selbst aussucht.

Und auch die Lehrkräfte verhalten sich nicht immer vorbildlich. Etwa jede vierte Lehrkraft macht sich gelegentlich darüber lustig, wenn Kinder oder Jugendliche sich nicht entsprechend ihrer zugeschriebenen Geschlechterrolle verhalten. Nur jede fünfte Lehrkraft verwendet Unterrichtsmaterialien, in denen auch Lesben und Schwule vorkommen. Dabei zeigt die Untersuchung, dass die Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt bei den Schüler*innen maßgeblich vom Verhalten ihrer Lehrkräfte abhängt. Je häufiger diese sexuelle Vielfalt thematisieren, desto positiver sind ihre Schüler*innen gegenüber Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Trans*-Personen eingestellt und desto mehr wissen sie über LSBT. Auch eine konsequente Intervention gegen Diskriminierung geht mit positiveren Einstellungen einher, wohingegen diskriminierendes Verhalten durch die Lehrkräfte auch die Diskriminierung durch die Schüler*innen verstärkt.

Es hängt also auch an den Lehrkräften, ob bei den Schüler*innen Homo- und Transphobie dominieren oder ob Vielfalt wertgeschätzt wird. Doch weshalb sprechen einige Lehrkräfte über sexuelle und geschlechtliche Vielfalt im Unterricht und andere nicht? Was motiviert einige, beherzt gegen Diskriminierung einzuschreiten, während andere davor zurückschrecken? Für die Beantwortung befragten wir über 500 Lehrkräfte aller Schultypen und Klassenstufen in ganz Deutschland, die meisten aus Baden-Württemberg, Niedersachsen und Berlin [2]. Die Lehrpersonen wurden über Lehrer*innenverbände, die zur Kooperation bereit waren, und Schullisten mit Mailadressen einzelner Bundesländer erreicht.

Ob Lehrkräfte beabsichtigten, sexuelle und geschlechtliche Vielfalt in ihrem Unterricht zu thematisieren, hing vor allem von ihrer Einstellung zu dieser Thematisierung ab. Diese
wiederum war vor allem dann positiv ausgeprägt, wenn die Lehrkräfte erwarteten, mit ihrer Thematisierung die Akzeptanz für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt bei den Schüler*innen verbessern zu können, z. B. indem sie LSBTISchüler*innen in ihrer Selbstakzeptanz unterstützen und psychischen Störungen und Suizidversuche vorbeugen. Weitere Beispiele für positive Konsequenzen einer Thematisierung waren die Unterstützung von Kindern aus Regenbogenfamilien und ein allgemein wertschätzendes Schulklima. Befürchteten die Befragten hingegen, bestimmte negative Reaktionen durch eine Thematisierung hervorzurufen,
z. B. eine „Frühsexualisierung“ ihrer Schüler*innen oder „Umerziehung“ zur Homosexualität, ging dies mit einer negativen Einstellung einher. Weitere Beispiele für befürchtete Reaktionen waren eine Abwertung des traditionellen Familienbilds oder eine Überbetonung von LSBTI auf Kosten anderer Minderheiten.

Auch bezüglich des Einschreitens bei Diskriminierung war die Einstellung relevant, hier wurde sie allerdings stärker dadurch bestimmt, wie wichtig es den Lehrkräften war, die Akzeptanz von LSBTI zu erhöhen, z. B. indem Diskriminierung abgebaut und das Schulklima verbessert oder die Diskriminierung als Anlass genommen wurde, um über Vielfalt zu informieren.

Ob Lehrkräfte beabsichtigten, sexuelle und geschlechtliche Vielfalt zu thematisieren und bei Mobbing von LSBTISchüler* innen zu intervenieren, hing zudem davon ab, ob sie sich dazu in der Lage fühlten, also Kontrolle über ihr Verhalten empfanden. Dieses Kontrollempfinden setzte sich aus unterschiedlichen Facetten zusammen. Diejenigen, die das Gefühl hatten, ausreichend Wissen über sexuelle und geschlechtliche Vielfalt zu haben, fühlten sich eher in der Lage, bei Mobbing konsequent einzuschreiten und Vielfalt zu thematisieren. Dazu passt der Befund, dass Personen, die bereits an einer entsprechenden Weiterbildung teilgenommen hatten, das Thema eher zum Teil ihres Unterrichts machten. Für die Thematisierung von Vielfalt empfanden zudem die Lehrkräfte mehr Kontrolle,
die glaubten, Zugriff auf entsprechende Lehrmaterialien zu haben und in ihrem Vorgehen die aktuellen Richtlinien für ihr Fach zu erfüllen. Bezüglich des Einschreitens bei Mobbing war das Kontrollempfinden dagegen umso schwächer, je mehr die Lehrpersonen annahmen, dass im Schulalltag zu wenig Zeit dafür zur Verfügung stehe oder das Thema an der Schule gemieden werde.

In der Studie wurde auch der Einfluss anderer Personen im Schulkontext auf die Lehrkräfte untersucht. Dieser stellte sich nur für die Absicht, Vielfalt zu thematisieren, als relevant heraus, nicht aber, bei Mobbing einzuschreiten. Der Einfluss war umso größer, je mehr die Lehrkräfte glaubten, dass die Eltern der Schüler*innen und das Kollegium von ihnen erwarten, LSBTI-Themen in den Unterricht einzubinden.
Auch der Einfluss der Schulleitung auf das Kollegium sollte beachtet werden. Dieser war in der Studie zwar geringer, jedoch sollten Rektor*innen Offenheit gegenüber LSBTI-Themen signalisieren.

Zusammenfassend schlussfolgern wir, dass das Potenzial des Themas für den Schulkontext noch besser kommuniziert werden sollte. In Fortbildungen sollte Lehrkräften vermittelt werden, wie LSBTI-Themen in den Unterricht eingebunden werden können und wie hilfreich sich eine Thematisierung auf die Wertschätzung von Vielfalt auswirkt. Um die Befürchtung von Sexualisierung abzubauen,
sollte darüber aufgeklärt werden, dass LSBT-Lebensweisen thematisiert werden können, ohne dabei über Sex sprechen zu müssen, und dass die sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität der Schüler*innen dadurch nicht beeinflusst wird.

 

[1] Klocke, U. (2012). Akzeptanz sexueller Vielfalt an Berliner Schulen: Eine Befragung zu Verhalten, Einstellungen und Wissen zu LSBT und deren Einflussvariablen. Berlin: Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft. www.psychologie.hu-berlin.de/prof/org/download/klocke2012_1.

[2] Latz, S., & Scharmacher, J. (2014). Schule unterm Regenbogen? Berücksichtigung sexueller und geschlechtlicher Vielfalt durch Lehrkräfte. (Master Thesis), Universität Leipzig und Humboldt-Universität zu Berlin.

 

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