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Interview mit dem Thüringer BildungsministerWann und wie wird Sozialkunde als Kernfach der Demokratiebildung gestärkt?

Helmut Holter war von 2017 bis 2020 und ist wieder seit dem 04. März 2020 Minister für Bildung, Jugend und Sport in Thüringen. In diesem Interview spricht er mit uns über die Bedeutung des Schulfachs Sozialkunde, die Demokratiebildung an Thüringer Schulen und über die Ausbildungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten unserer Lehrer.

14.04.2020 - Das Interview führte Michael Kummer

Sozialkunde als das Kernfach der politischen Bildung ist in Thüringen marginalisiert. Welchen Grund hat es, dass das Schulfach Sozialkunde in Thüringen so wenig Wochenstunden hat und so spät anfängt (nach Regelschullehrplan in der 8. Klasse, nach Gymnasiallehrplan erst in der 9. Klasse)?

Wir leben in bewegten Zeiten. Das Interesse an politischen Diskussionen nimmt spürbar zu und unsere Schulen stehen vor der Aufgabe, Schülerinnen und Schüler darauf vorzubereiten, an diesen Diskussionen als mündige und verantwortungsbewusste Bürgerinnen und Bürger einer demokratischen Gesellschaft teilzunehmen.
Diese Aufgabe nehmen unsere Schulen und unsere Lehrerinnen und Lehrer sehr verantwortungsbewusst wahr. Und wir sollten hier genau hinschauen. Es ist richtig, dass das Fach Sozialkunde erst ab der 8. bzw. 9. Klasse gelehrt wird. Politische Bildung ist aber eine Querschnittsaufgabe der Schule. Sie findet sich bei Weitem nicht nur in der Sozialkunde wieder. Sondern auch in den Fächern Geschichte, Geographie, Ethik, katholische und evangelische Religion, Wirtschaft und Recht. Andererseits wird politische Bildung auch in außerunterrichtlichen Angeboten der Schule aktiv gelebt, wie etwa in den Schülervertretungen und deren demokratischer
Teilhabe an Entscheidungsprozessen in der Schule. Darüber hinaus wird in Thüringen die Kinder- und Jugendpolitik als eigenständiges Politikfeld verstanden und mittels unserer Beteiligungsstrategie umgesetzt.

Nicht nur, aber auch die letzten politisch chaotischen Wochen sind Anlass über mehr Demokratiebildung in unseren Schulen nachzudenken und zu entscheiden. Generell legen wir die Stundentafel auf den Prüfstand. Die Frage, ob wir dem Fach Sozialkunde dabei breiteren Raum in der Stundentafel einräumen, ist einer der Diskussionspunkte in der anstehenden zweiten Phase der Novelle der Schulordnung, die ab dem Sommer breit erörtert werden soll. Hier wollen wir die verschiedenen Perspektiven hören. Für mich ist entscheidend: Wir haben bereits heute eine der bundesweit größten Stundentafeln, die den Schülerinnen und Schülern ein hohes Arbeitspensum abverlangt. Wenn wir zu der Entscheidung kommen, dass das Fach Sozialkunde ausgeweitet werden soll, müssen wir Entlastung an anderer Stelle schaffen.

Wie viele Sozialkundelehrer*innen gibt es derzeit an den Thüringer Schulen und wie viele davon sind in ihrem Fach ausgebildet? Wie sieht die Bedarfsprognose aus und wie soll dieser Bedarf erfüllt werden?

Die Zahl der Sozialkundelehrerinnen und -lehrer hat seit 2010 deutlich zugenommen. 2010 waren es 360. Zum Schuljahresbeginn 2018 bereits 525. Die Bedarfsprognose sieht dabei keine Schwankungen bis in das Jahr 2035 vorher. Sollten allerdings Änderungen an der Stundentafel vorgenommen werden, verändert sich der Bedarf entsprechend. Da sich das Fach noch immer einer hohen Beliebtheit bei den Studierenden erfreut, gehen wir davon aus, dass dieser Bedarf gedeckt werden kann.

Haben Sie sich vorgenommen, das Schulfach Sozialkunde auszubauen? Und wenn ja: Welche konkreten Schritte zur Stärkung des Schulfachs Sozialkunde sind geplant?

Auf die noch zu führende Diskussion zum quantitativen Ausbau habe ich bereits verwiesen. Ich möchte den Blick aber auch auf die Qualität richten. Hier kommt den Staatlichen Studienseminaren und dem Thüringer Institut für Lehrerfortbildung, Lehrplanentwicklung und Medien (ThILLM) eine Schlüsselrolle zu. Wir sollten gemeinsam mit unseren Sozialkundelehrerinnen und -lehrern die Frage erörtern, wo wir die Ausbildungs- und Fortbildungsangebote gezielt verbessern können, damit sie den Herausforderungen gerecht werden.

Welche Gründe sprechen gegen eine Stärkung des Kernfachs der politischen Bildung?

Keine. Wir erwarten von den Schulen sehr viel. Sie sollen unsere Schülerinnen und Schüler befähigen, mündige und verantwortungsbewusste Bürgerinnen und Bürger einer demokratischen Gesellschaft zu sein. Hierfür müssen wir den Schulen gute Rahmenbedingungen geben, damit sie diese Aufgabe erfüllen können. Wenn uns die Schulen sagen, dass sie in Sozialkunde oder der politischen Bildung neue Ansätze brauchen, dann müssen wir darüber sprechen, wie wir diese umsetzen können.

Das Bildungsministerium spricht oft davon, dass die Demokratieerziehung ein Querschnittsthema aller Fächer und damit aller Lehrer*innen sei. Welche konkreten Weiterbildungsangebote gibt es für Nicht-Sozialkundelehrer*innen, um wenigstens Grundzüge der sehr eigenen und anspruchsvollen Politikdidaktik zu erlernen?

Für dieses Schuljahr sind viele Veranstaltungen im Bereich Demokratiepädagogik und Gewaltprävention geplant, insbesondere zu den Themen Streitschlichter, Schülervertretungs-/ Schülermitwirkungsarbeit, Lernen durch Engagement (Service Learning), Jugend debattiert und zum Themenjahr 900 Jahre jüdisches Leben in Thüringen. Interessierte Lehrkräfte können die Veranstaltungen auf den Seiten des ThILLM einsehen.

Alle Lehrkräfte haben den Auftrag, an Schulen für Demokratie zu erziehen. Gleichzeitig löste die AfD-Initiative „Neutrale Schule“ samt ihren Meldeportalen eine öffentliche Debatte darüber aus, wie politisch eine Lehrkraft sein darf. In welcher Weise unterstützt das Bildungsministerium (bzw. nachgeordnete Einrichtungen) als Dienstherr/Arbeitgeber die Lehrer*innen, die auf einem solchen Portal gemeldet werden?

Es muss zunächst unmissverständlich klargestellt werden: Es gibt keine „neutrale Schule“. Gemäß § 2 Abs. 1 Thüringer Schulgesetz leitet sich der Bildungs- und Erziehungsauftrag der Schule in Thüringen von den grundlegenden Werten ab, wie sie im Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland und in der Verfassung des Freistaats Thüringen niedergelegt sind. Die Schule erzieht zur Achtung vor dem menschlichen Leben, zur Verantwortung für die Gemeinschaft und zu einem
verantwortlichen Umgang mit der Umwelt und der Natur. Sie pflegt die Verbundenheit mit der Heimat in Thüringen und in Deutschland, fördert die Offenheit gegenüber Europa und weckt das Verantwortungsgefühl für alle Menschen in der Welt. Wesentliche Ziele der Schule sind die Vermittlung von Wissen und Kenntnissen, die Entwicklung von Fähigkeiten und Fertigkeiten, die Vorbereitung auf das Berufsleben, die Befähigung zu gesellschaftlicher Mitverantwortung und zur Mitgestaltung
der freiheitlichen demokratischen Grundordnung sowie zum bewussten, selbst bestimmten und kritischen Umgang mit Medien, die Erziehung zur Aufgeschlossenheit für Kultur und Wissenschaft sowie die Achtung vor den religiösen und weltanschaulichen Überzeugungen anderer. Die Schülerinnen und Schüler lernen, ihre Beziehungen zu anderen Menschen nach den Grundsätzen der Gerechtigkeit, der Solidarität und der Toleranz sowie der Gleichberechtigung der Geschlechter zu gestalten. Dabei werden sie darauf vorbereitet, Aufgaben in Familie, Gesellschaft und Staat zu übernehmen und dazu angehalten, sich im Geiste des Humanismus und der christlichen Nächstenliebe für die Mitmenschen einzusetzen. Die Schule fördert den Entwicklungsprozess der Schülerinnen und Schüler zur Ausbildung ihrer Individualität, zu Selbstvertrauen und eigenverantwortlichem Handeln. Sie bietet Raum zur Entfaltung von Begabungen sowie für den Ausgleich von Bildungsbenachteiligungen. Die natürlichen Rechte der Eltern und die ihnen obliegenden Pflichten zur Erziehung ihrer Kinder bleiben davon unberührt.

Damit wird deutlich, dass der gemeinsame Auftrag der Thüringer Schulen nicht neutral, sondern wertegebunden ist. Dies haben wir in einem Schreiben gegenüber den Thüringer Schulen noch einmal mitgeteilt. Wichtig ist mir, dass die Lehrerinnen und Lehrer ihren Aufgaben wie bisher verantwortungsvoll nachkommen. Wenn Lehrerinnen und Lehrer in irgendeiner Art und Weise offen oder verdeckt bedroht oder eingeschüchtert werden, so stellen wir uns im Rahmen unserer Fürsorgepflicht
stets vor sie.

Vielen Dank.

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