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Aus der SchulleiterperspektiveVom undemokratischen Unterricht und der Bildung von Klassenräten

Ein Schulleiter im Gespräch über die untergeordnete Rolle demokratischen Handelns in Schule, vom notwendigen Ausbau demokratischer Partizipationsmöglichkeiten und von den Klassenräten an seiner Schule.

08.04.2019 - Das Gespräch führte Marcel Helwig.

Falko Stolp ist Schulleiter der Gemeinschaftsschule am Roten Berg in Erfurt und ein engagierter Verfechter von mehr Demokratie und Mitbestimmung an Schulen. Hier spricht er über untergeordnete Rolle demokratischen Handelns in Schule, vom notwendigen Ausbau demokratischer Partizipationsmöglichkeiten und von den Klassenräten an seiner Schule.

  • Warum sollten die Demokratie und die Mitbestimmungsrechte vor allem von Schülerinnen und Schülern gestärkt werden?

Demokratisch handeln und agieren spielt im Schulalltag eine noch zu geringe Rolle. Wo wird denn Demokratie gelebt? Einmal im Jahr wird der Klassensprecher gewählt, alle zwei Jahre der  Schülersprecher. Und was ist dazwischen? Das Wirken der gewählten Sprecherinnen und Sprecher ist noch oft dem Zufall überlassen. Hier befindet sich das erste Handlungsfeld, an dem gearbeitet werden sollte.

Im Bewusstsein vieler Akteure in der Schule steht an erster Stelle der Unterricht, welcher dann zumeist „undemokratisch“ durchgeführt wird. Die Schülerinnen und Schüler haben zu wenig Einfluss auf die Gestaltung des Unterrichts und der Unterrichtsinhalte. Sie erhalten zu selten zum Beispiel die Möglichkeit, die Arbeit der Lehrerin oder des Lehrers zu bewerten. Ein taugliches Instrument zur Evaluation des eigenen Unterrichts durch die Schülerinnen und Schüler wie beispielsweise „Schüler als Experten für Unterricht“ wird ganz selten genutzt. Andere Evaluationsmethoden finden ebenfalls kaum Anwendung, obwohl es digital da leicht handelbare Apps gibt.

  • Welche Wege geht die Gemeinschaftsschule am Roten Berg dabei?

Hier liegen die größten Reserven. Das Thema „Demokratie lernen, leben und gestalten“ wurde an unserer Schule auf vielfältigen Ebenen auf die Agenda gesetzt. Neben einem Erasmusregioprojekt mit Schulen aus Deutschland, Niederlanden und Italien und dem Schulamt, sind wir dabei, den Klassenrat zu etablieren, das Thema Demokratie fächerübergreifend zu bearbeiten, Angebote außerschulischer  Partner zu nutzen, die Arbeit der Klassen- und Schulsprecher aktiver zu unterstützen und das Zusammenwirken des multiprofessionellen Teams nicht dem Zufall zu überlassen. Partizipatives Schulleitungshandeln, regelmäßige Evaluation der Schulleitung und des Teams sind Beispiele dafür. Auch hier setzen wir auf Unterstützung von außen.

Wir öffnen uns, auch gegenüber unserem Wohngebiet. Im Fokus unserer Bemühungen stehen nicht nur die Schülerinnen und Schüler, das Kollegium und die Eltern, auch die Einwohner gehören zu unserer Zielgruppe. Bestimmte Angebote, wie letztens ein Multivisionsvortrag zum Europäischen Parlament, haben wir für Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer und am Abend für das Wohngebiet organsiert. Wir hatten uns bei der Abendveranstaltung zwar mehr Resonanz gewünscht, aber daran arbeiten wir.

Zusammenfassend gesprochen: Wir sind als Schule immer bemüht, auf gesellschaftliche Entwicklungen zu achten und möglichst zu agieren und nicht nur zu reagieren. Das schützt uns vor Überforderung.

  • Wie ließe sich das auf andere Schulen übertragen?

Im Prinzip lässt sich alles auf andere Schulen übertragen. Es braucht eine Mischung aus gesetzlichen Vorgaben und Erweiterungen, die bestimmte Strukturen zwingend machen und eine Öffnung der Schule hinsichtlich Angeboten, Unterstützung und Bereitschaft, demokratisches Handeln sichtbarer zu machen. Das Unterstützungsangebot für die Schulen ist groß, da gibt es meines Wissens noch freie Kapazitäten.

  • Sollten die Maßnahmen vorgeschrieben werden wie in der aktuellen Schulgesetznovelle? Was ist mit Anreiz- und Unterstützungssystemen zur demokratischen Schulentwicklung?

Maßnahmen sollten vorgeschrieben werden, möglichst präzis und nicht nur in der Schaffung von Strukturen sondern auch hinsichtlich der Durchführung. Klassen- und Schülersprecher, Klassenrat, Schülerzeitungen, Veränderung der Zusammensetzung von Gremien, Möglichkeiten der Mitwirkung am Unterricht, Evaluation des Unterrichts und der Schulleitung, Lehrer und anderer. Anreiz- und Unterstützungssysteme sollten unbedingt gestärkt werden.

Macht sich eine Schule auf den Weg, „Schule ohne Rassismus“ zu werden, bekommt sie sicher Unterstützung beispielsweise durch Europäische Jugendbildungs- und Jugendbegegnungsstätte Weimar (EJBW), aber im Prinzip erfolgt das Engagement ja „freiwillig“. Wenn sich Schulen Projekten oder ähnlichem stellen, brauchen sie  finanzielle und personelle Unterstützung. Dies müsste durch Verwaltungsvorschriften geregelt werden. Die Vergabe von Abminderungen muss auf den Prüfstand – und zwar auf den demokratischen.

  • Demokratie findet also nicht nur in Gremien statt? Welche individuellen Rechte von Schülerinnen und Schülern, von Lehrerinnen und Lehrern und von Eltern sollten gestärkt werden?

Die Würde des Menschen ist unantastbar – und dieser Artikel muss gelebt werden. Alle Akteure haben ein Recht auf einen diskriminierungsfreien Schulalltag. Gewaltfreie Kommunikation zwischen allen Beteiligten und ein gemeinsames Arbeiten auf Augenhöhe sollten zum Regelfall werden. Schulleiter, Lehrer, Erzieher usw. sollten sich bewusst sein, dass sie die Demokratiebotschafter für die Kinder und Jugendlichen sind. Schule muss Teil des Lebens sein. Es darf einfach nicht passieren, dass zum Beispiel historische Höhepunkte – aktuell der 1. Weltkrieg oder der Holocaustgedenktag – „spurlos“ am Schulalltag vorbei gehen. Man kann ja aktuell mal schauen, welchen Einfluss das Wahljahr 2019 auf den Schulalltag hat, und nicht nur in Sozialkunde oder in Geschichte – das wäre ein wichtiger Fakt hinsichtlich der Zensuren. 

Ich habe das Gefühl, dass noch zu oft nur die Sachkompetenz in den einzelnen Fächern bewertet wird, obwohl das sicher von Fach zu Fach und von Schulart zu Schulart unterschiedlich ist. Würde man nach dem Kompetenzmodell bewerten, ergäbe sich ganz von allein eine Demokratisierung des Schulalltages.

  • In der Gemeinschaftsschule am Roten Berg wird mit Klassenräten gearbeitet. Wie sehen diese aus und was sollte dazu im Schulgesetz geregelt werden?

Für die Klassenräte benutzen wir als externe Hilfe die Materialen, die auf der Internetseite www.derKlassenrat.de zur Verfügung gestellt werden bzw. die man dort erwerben kann. Wir müssen ja nicht alles selbst erfinden. Wir haben durch eine Gruppe von Lehrkräften und einem außerschulischem Partner die Einführung geplant und arbeiten jetzt an der Umsetzung. 

Die Bildung von Klassenräten wünsche ich mir ins neue Schulgesetz, was aber nur der erste Schritt sein kann. Die Umsetzung und Handhabung sollte nicht dem Selbstlauf überlassen werden.

  • Viel hilft viel? Wie bewertest du die Forderungen von Landesschülervertretung und Landesjugendring mindestens 50 Prozent der Stimmen in der Schulkonferenz den Schülerinnen und Schülern zu geben?

Die Forderung der Landesschülervertretung (LSV) sehe ich gelassen. Warum nicht diese Veränderung? Es wäre eine logische Analogie zum demokratischen Agieren in der Gesellschaft. Den Hinweis der Kritiker, Schülerinnen und Schüler wären nicht reif genug für die eine oder andere Entscheidung, ist nur eine faule Ausrede. Meine Erfahrung ist, dass die Schülerinnen und Schüler sehr wohl mit komplexen Herausforderungen umgehen können. Die vehementesten Gegner haben oft nur Angst vor den Verlust von Einfluss.

  • Wenn Konflikte in der Schule nicht gelöst werden können, auch nicht in der Schulkonferenz, soll eine Ombudsstelle helfen. Wie sollte diese zusammengesetzt sein, mit welchen Aufgaben betraut und wo angesiedelt werden?

Die Inanspruchnahme einer Ombudsstelle wird meines Erachtens zurzeit die Ausnahme bleiben. Aus verschiedenen Gründen: Erstens fehlt einer Ombudsstelle der „Bekanntheitsgrad“, was sich aber ändern kann und sich auch wird. Zweitens ist das „demokratische“ Selbstbewusstsein der Interessengruppen noch nicht groß genug. Und drittens: ist dieses groß genug, reichen in der Regel die Instrumentarien in den Schulen zur Problemlösung. Dennoch ist das Vorhandensein der Ombudsstelle erforderlich und die nächste spannende Frage ist das wer, wo und über was. Hierzu müssten alle Möglichkeiten auf den Tisch. Das Ziel sollte sein, dass das Gremium unabhängig agieren kann, leicht erreichbar ist und seine Arbeit transparent und nachvollziehbar ist.

  • Antidiskriminierung ist ein wichtiges Anliegen, aber auch ein Thema für die zu schaffenden Ombudsstellen?

Selbstverständlich ist das Thema Diskriminierung und Antidiskriminierung eines für die Ombudsstellen. Ich denke, dass die Schaffung dieser Stellen der Demokratieentwicklung in den Schulen einen positiven Schub geben wird.

  • Vielen Dank.
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