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Berufliche Bildung und CoronapandemieViele schwarze Wolken am Himmel

In Corona-Zeiten ist die Lage auf dem Ausbildungsmarkt schwierig. Die Betriebe bekommen Prämien, verunsicherte Jugendliche suchen oft vergeblich Rat. Orientierung könnten die berufsbildenden Schulen bieten.

10.09.2020 - Klaus Heimann, freier Journalist

Wenn Klaus Gräbener, Chef der Industrie- und Handelskammer (IHK) in Siegen, auf die Zahl der Ausbildungsplätze in der Region schaut, dann ist er ziemlich ratlos. Natürlich hat er den Rückgang bei den angebotenen Lehrstellen im Corona-Krisenjahr erwartet. Das Minus von 26 Prozent in der Halbjahresbilanz hat ihn dann aber doch überrascht. Klar, die Industriebetriebe leiden unter der Krise, Kurzarbeit ist an der Tagesordnung, und wie viele im Herbst zum Insolvenzrichter gehen müssen, will der Kammer-Mann nicht voraussagen. Viele schwarze Wolken am Himmel, aber einen derartigen Einbruch auch bei der Ausbildung, den hatte er so nicht erwartet.

Die IHK in Siegen griff zum Telefon und kontaktierte 670 Betriebe direkt, die weniger Verträge als im Vorjahr abgeschlossen hatten. Die betrieblichen Einzelerfahrungen fügten sich dann zu einem gar nicht so negativen Bild zusammen: Es gab zum Stichtag bei sinkendem Angebot noch 600 freie Ausbildungsplätze in den IHK-Mitgliedsbetrieben. „Das ist schwer zu erklären: Auf der einen Seite sinkt wegen der konjunkturellen Unsicherheiten das betriebliche Angebot in Teilen der Wirtschaft, aber trotzdem gibt es noch viele unbesetzte Stellen“, beschreibt Gräbener das Dilemma.

„Wir glauben, dass viele Eltern ihren Kindern wegen der gravierenden wirtschaftlichen Unsicherheiten derzeit raten, zunächst noch ein Jahr in die Schule zu gehen oder aber ein Studium in Angriff zu nehmen.“ (Klaus Gräbener)

Überrascht sind die Akteure vor Ort vom Rückgang bei den Bewerberinnen und Bewerbern. Offenbar zögern viele Jugendliche, bei den Angeboten zuzugreifen. „Wir glauben, dass viele Eltern ihren Kindern wegen der gravierenden wirtschaftlichen Unsicherheiten derzeit raten, zunächst noch ein Jahr in die Schule zu gehen oder aber ein Studium in Angriff zu nehmen.“

Wenden die Schulabgänger sich jetzt von der beruflichen Ausbildung im Betrieb ab? Ob das so ist und wie viele es am Ende sein werden, das ist noch unklar. Erst wenn im Herbst die genaue Zahl der Studienanfänger sowie der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge und einige Monate später die Daten der berufsbildenden Schulen vorliegen, wird zu erkennen sein, ob sich die Bildungsströme unter dem Eindruck der Corona-Krise neu sortieren.

Aber schon jetzt steht fest: Es gibt viel Unsicherheit bei den Jugendlichen. Die jährliche Absolventenbefragung des u-form Verlags zeigt: 73 Prozent der Schulabgängerinnen und -abgänger haben Angst, keinen Ausbildungsplatz zu finden. Auch Ansgar Klinger, GEW-Vorstandsmitglied für Berufliche Bildung, registriert die Verunsicherung. „Gerade Abiturienten wenden sich von der dualen Berufsausbildung ab und setzen auf das vermeintlich sichere Studium. Um diese Gruppe mache ich mir aber keine Sorgen, die wird ihren Weg gehen. Um die anderen, die jetzt ganz wegbleiben, um die müssen wir uns kümmern.“

„Es gab auch nicht den Druck von Lehrkräften, sich um einen Ausbildungsplatz zu kümmern.“ (Ansgar Klinger)

Für Klinger sind gerade die Jugendlichen ohne Hochschulzugangsberechtigung „Opfer eines weitreichenden Ausfalls der etablierten Berufsberatung in den Schulen“. Schließlich konnten Berufsberatung und -orientierung in den entscheidenden Monaten wochenlang nicht in der bisherigen Form stattfinden, und damit fehlte es an Anleitung und Empfehlungen. „Das rächt sich jetzt. Und es gab auch nicht den Druck von Lehrkräften, sich um einen Ausbildungsplatz zu kümmern.“ Für den GEW-Mann erklärt dies einen Teil der nachlassenden Nachfrage nach Ausbildungsplätzen.

Tobias Maier, Forscher beim Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) in Bonn, zieht Parallelen zum Verhalten der Jugendlichen während der Finanzkrise 2009. Auch damals ging die Nachfrage nach betrieblicher Ausbildung deutlich zurück. Stattdessen gab es vermehrt den Wunsch, einen allgemeinbildenden Schulabschluss nachzuholen oder ein Studium aufzunehmen. BIBB-Forscher Maier prognostiziert, dass der Übergangsbereich in den berufsbildenden Schulen oder die schulischen Angebote in den Bereichen Pflege und Erziehung dieses Jahr mehr Interessierte anziehen.

Der Jugendsoziologe Prof. Klaus Hurrelmann aus Berlin sieht keine Verwerfungen, wenn er den Hochqualifizierten rät, auf ihre sehr gute Qualifikation zu vertrauen. „Der mittleren Gruppe würde ich raten, sich fortzubilden und nicht um jeden Preis auf den Arbeitsmarkt zu stürmen. Vielen jungen Menschen war es zuletzt wichtig, dass ein Job nicht nur Joch, sondern auch Freude mit sich bringt – das kann so bleiben.“ Bei der dritten Gruppe ist für ihn klar: „Die sollten gerade alles daransetzen, ihr Qualifikationsniveau zu verbessern.“

„Vollzeitschulische Bildungsgänge sind stundenintensiver als Teilzeitklassen im dualen System. Wir haben einen enormen Mangel an Lehrkräften.“

Britta Delique, Mitglied im Leitungsteam der Bundesfachgruppe für kaufmännische Berufe der GEW und Schulhauptpersonalrätin, hat für das Land Niedersachsen noch keinen Überblick, einen Aufwuchs erwartet sie allerdings im Bereich Pflege und Handel. Die Lehrerin an der berufsbildenden Schule I in Leer hofft, dass die staatlichen Ausbildungsprämien wirken.

Ralf Becker, Berufsschullehrer an der Werner-Heisenberg-Schule in Rüsselsheim und Vorsitzender der Bundesfachgruppe gewerbliche Schulen der GEW in Hessen, rechnet damit, dass „viele Jugendliche weiter zur Schule gehen und hier insbesondere in die Vollzeitformen der beruflichen Schulen“. Für sie ist das eine sichere Option, um dann, nach überstandener Pandemie, mit besseren Voraussetzungen in eine Ausbildung zu starten.

Für Bildungsexperte Klinger ist das Hinausschieben der Berufsentscheidung in einer unsicheren Zeit ziemlich rational. „Das kann Auswirkungen haben auf die Angebote der Grundbildung und Vorbereitung – die können einen Nachfrage-Schub bekommen.“ Den Übergangsbereich aufzustocken, sei zwar denkbar – aber es stelle sich dann die Frage, wer diese Klassen unterrichtet. „Vollzeitschulische Bildungsgänge sind stundenintensiver als Teilzeitklassen im dualen System. Wir haben einen enormen Mangel an Lehrkräften. Ein zusätzliches Angebot aus dem Boden zu stampfen, ist in jedem Fall schwierig, aber machbar.“