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Versprochen ist versprochen

Ministerin Klaubert hat richtig festgestellt, dass sich in der Berufsschullandschaft etwas ändern muss. Aus diesem Grund hat sie gemeinsam mit den Schulträgern, den Kammern, dem Bildungsausschuss, sowie dem Landesschulbeirat alle Möglichkeiten gesucht, um etwas zu bewegen.

01.02.2016 - Dieter Gebhardt

„Erfurt (dpa/th) - Die Zukunft der Thüringer Berufsschulen soll sich im nächsten Jahr entscheiden. Im Januar solle ein Vorschlag zur Reform des Berufsschulnetzes vorgelegt werden, kündigte Bildungsministerin Birgit Klaubert (Linke) nach Angaben ihres Ministeriums am Donnerstag an. Nach ihren Vorstellungen soll das Berufsschulnetz angesichts gesunkener Schülerzahlen gestrafft werden. Ziel sei eine zukunftsfeste und solide finanzierte Schullandschaft. Klaubert versprach, dass die Berufsschulen in der Fläche erhalten bleiben. Dafür sollten sich Träger einzelner Schulen zu sogenannten Schulverbünden zusammenschließen. Das sollte auch über die Kreisgrenzen hinweg geschehen. Nach Ansicht der Ministerin sollte für Berufsschulen künftig ein Planungszeitraum von sechs Jahren gelten und nicht wie bisher von einem Jahr. Seltene Berufe wie Graveur, Büchsenmacher, Holzbildhauer oder Glasbläser sollten weiterhin als Lehrberuf erhalten bleiben.“ (Quelle: 10.12.15 /dpa) In der Fläche erhalten ist einer der guten Vorsätze, welche schon seit Jahren nicht eingehalten werden. Typisches Beispiel: Ca. 15% aller Berufsschüler Thüringens werden in den Erfurter Schulen ausgebildet. Von diesen haben etwa 40% ihren Wohnort in den Kreisen Gotha (9%), Ilm-Kreis (8%), Sömmerda (8%) und weitere. (Quelle: Heft 14 Stadtentwicklung Erfurt) Bedenkt man, dass in der Wachsenburg Gemeinde und dem Altkreis Arnstadt sich das größte Industriegebiet Thüringens befindet, ist es schon verwunderlich, dass in der ansässigen Berufsschule nur sehr wenige Berufe ausgebildet werden. Ursachen liegen wie auch in anderen „Randkreisen“, vor allem in den Absprachen der zuständigen Kammern und Schulträgern. Die Konzentration auf größere Schulstandorte ist offensichtlich und gewollt. „Die Beschäftigtenquote in Produktionsberufen ist mit 33 % die höchste aller Bundesländer und auch der mit 73 % höchste Beschäftigtenanteil mit Aus- und Fortbildungsabschluss verdeutlicht für Thüringen die große Bedeutung der beruflichen Ausbildung für Fachkräftesicherung sowie berufliche Perspektiven und soziale Chancen der Jugendlichen. Für beides ist die Berufsbildungspolitik angesichts der demographischen Entwicklung besonders gefordert.“ (Quelle: Berufsbildungsbericht Bertelsmann Stiftung 2015)                                                             

Das Wissen um die Notwendigkeiten ist zwar wichtig, muss aber auch in die entsprechenden Maßnahmen umgesetzt werden. Der Berufsschulnetzplan trägt diesem Anliegen im Kern zwar Rechnung, setzt dies aber nicht konsequent für alle Bereiche Thüringens um. Eine klare für die industrielle Weiterentwicklung nachhaltige Zielsetzung ist nur in den Zentren sichtbar. Die Sorgen und Nöte kleinerer Handwerksbetriebe werden nicht wahrgenommen.

Sind Berufsschüler die Stiefkinder des deutschen Schulsystems?

„Inzwischen sind die Berufsschüler so etwas wie die Stiefkinder des deutschen Schulsystems; es hapert an der Ausstattung, und es fehlt an qualifizierten Lehrkräften. Renzo Müller empört das: Eine „Dreistigkeit", eine „Zumutung für die jungen Leute" sei das, schimpft der Juniorchef der MV Fördertechnik im thüringischen Blankenhain. „Da geht es zu wie an der Losbude." In seinem Autohaus für Gabelstapler bildet Müller Land- und Baumaschinenmechatroniker aus, im Herbst fängt der neue Azubi an. Die Berufsschule liegt im mehr als 100 Kilometer entfernten Meiningen. Und damit fängt der Ärger an: In Meiningen werden die Azubis wochenweise im Blockunterricht ausgebildet und wohnen dann in einem Internat. Doch nun wird das Wohnheim saniert, das Ausweichquartier hat nur 60 Plätze – die unter den jungen Leuten ausgelost werden. „Gott sei Dank ist mein Azubi noch nicht volljährig", sagt Müller. Nur die Azubis unter 18 Jahren haben eine Chance auf einen Wohnheimplatz. „Die Volljährigen müssen zusehen, wie sie jeden Tag zur Berufsschule kommen", sagt der Mittelständler. „Ganze Berufsschulen werden zusammengelegt, das Einzugsgebiet wird immer größer", ärgert sich Müller. Da müsse sich niemand wundern, wenn es in einigen Handwerksberufen keinen Nachwuchs mehr gibt und sich immer mehr Betriebe aus der Ausbildung zurückziehen. „Die zunehmende Konzentration auf weniger Berufsschulen führt zu weiten Wegen für immer mehr Azubis", klagt Eric Schweitzer, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (Link: www.welt.de/themen/dihk/). Die Entwicklung sei besorgniserregend. Der DIHK hat fast 12.000 Betriebe über die Berufsschulsituation in ihren Regionen befragt. „Unserer Umfrage zufolge befürchten die Betriebe, dass sich dies negativ auf die Attraktivität der Ausbildung auswirkt." (Quelle: Die Welt vom 30.12.2015)                                                                                                                   

Diesen Aussagen ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen. Wir als GEW fordern schon seit langem die Beibehaltung des Netzes in der Fläche, die Förderung der Ausbildung in der Grundstufe in kleinen, wohnortnahen Klassen.

Aus unserer Stellungsnahme zum Berufsschulnetz                                                   

Von den über 300 Ausbildungsberufen wurden nach und nach immer mehr abgebaut, so dass diese in bestimmten Regionen nicht mehr ausgebildet werden. Das betrifft ca. 10% dieser Berufe. Ein Gegensteuern wäre möglich, wenn man die Anzahl der Schüler für die Grundstufe im ländlichen Raum in den dualen Ausbildungsgängen auf 8 verringerte und die für die Vollzeitausbildung auf 12.      

In den nächsten Jahren ist mit einem Anstieg der Schülerzahlen durch Migration zu rechnen. Im Berufsschulnetz ist eine Berücksichtigung derzeit nicht zu erkennen. Für eine gelungene Integration in unsere Gesellschaft wird das Erlernen von z. B. handwerklichen oder pflegerischen Berufen eine große Rolle spielen. Eine Stärkung des flächendeckenden Angebotes dieser Berufsausbildungen kann gegenwärtig nicht festgestellt werden. Diese Empfehlung, die berufliche Grundbildung im Wege der Zusammenführung von miteinander verwandten Ausbildungsberufen zu stärken, wird in der Planung des Ministeriums nicht thüringenweit umgesetzt. In  den zurückliegenden Jahren hat vielmehr eine gegenläufige Entwicklung an der Städtekette stattgefunden, was zur Folge hatte, dass sich das Problem, tragfähige Fachklassen an den Berufsbildenden Schulen zu bilden, weiter verschärft hat, insbesondere zu Lasten des ländlichen Raumes. Die gemeinsame berufsfeldübergreifende Beschulung in der Grundstufe und der Fachstufe 1 erfolgt überwiegend im Schulamtsbereich Mitte. Diese Möglichkeit muss stärker flächendeckend angewendet werden. Dazu ist die Einführung eines kostenfreien Azubitickets unbedingt erforderlich (siehe Mecklenburg-Vorpommern vom 01.09.2015).                                                                                                                 

Die Angebote der freien Träger betrachten wir als starke Konkurrenz zum Erhalt kleinerer Standorte staatlicher Schulen. Deutlich wird dieses Missverhältnis an den statistischen Zahlen zur Klassenbildung, dem Lehrer-Schülerverhältnis und der Anzahl dieser Schulen. ( L/S freie Träger 1:4 und L/S staatliche Schulen 1:14, 62 freie Träger zu 42 staatlichen Schulen mit der ca. achtfachen Anzahl an Schülern) Dabei ist zu bedenken, dass Schüler freier Träger zum Teil ihre theoretische Ausbildung an den staatlichen Schulen bekommen.                                  

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass nicht konsequent genug in allen Landesteilen die Forderung flächendeckender Erhalt von Standorten und wohnortnahe Beschulung umgesetzt werden sollen. Die Bevorzugung der Regionen an der Bundesautobahn A 4 zum Nachteil des ländlichen Raumes wurde nicht im erforderlichen Maße abgestellt.                                                                                       

Bei der Umsetzung dieses Entwurfes sind natürlich auch das Personal, dessen fachspezifische Ausbildung und deren Einsatzmöglichkeiten zu berücksichtigen. Es fehlt also ein zukunftsfähiges Personalentwicklungskonzept der staatlichen Berufsbildenden Schulen.                                                                                                    

Die von uns imitierte Veranstaltung zum Entwurf vom 19.11.2015 wurde von den Staatlichen berufsbildenden Schulen sehr gut angenommen. Dabei stellten deren Vertreter fest, dass insbesondere ihre Schulen stark geschröpft werden.                

Beispiele für Probleme an den berufsbildenden Schulen

  • SBBS Apolda: Diese Schule sitzt bereits auf gepackten Koffern, weil es einen Kreistagsbeschluss gibt, der die Auflösung vorsieht, man aber das Personal in die zukünftige Planung nicht einbezieht.                                                                                   
  • SBBS Sömmerda: Hier werden traditionell die Fliesenleger, besonders die Kachelofenbauer und Luftheizungsbauer ausgebildet. Diese sollen demnächst in Gera angesiedelt werden, obwohl das Fachpersonal seinen Sitz in Sömmerda hat und hier auch das Koordinationszentrum für diese Berufe ist. Die Zusammenlegung mit anderen Berufen wäre auch in Sömmerda möglich.   
  • SBBS Stoy Schule Jena: Die geplante Auflösung der Landesfachklasse Außenhandel im Ausbildungsberuf Kaufmann für Groß· und Außenhandel erscheint uns zum einen unbürokratisch und zum anderem dem Ziel einer erfolgreichen Ausbildung von Außenhandelskaufleuten nicht förderlich, da aus unserer Sicht die Qualität der Ausbildung massiv leiden würde.

Im Zusammenhang mit der Berufsschulnetzplanung ist auch der angedachte Entwurf eines Zweiten Gesetzes zur Änderung des Thüringer Schulgesetztes zu sehen. Hier soll das Ministerium die Richtlinien zur Klassenbildung und Frequenzen u.v.a., sowie die endgültige Standortfrage einer Schule entscheiden, wenn der Schulträger nicht in einer angemessenen Frist selbst entscheidet.

Wir bedanken uns bei den Vertretern der Schulen für die sehr gute Zusammenarbeit und würden uns freuen zukünftig gemeinsam an den Veränderungen in unserem Bereich positiv Einfluss zu nehmen.

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