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Gastbeitrag des ThILLMUnterricht unter den Bedingungen der Distanz und Digitalität

Die Pandemie brachte auch und gerade im Schulbereich eine gravierende Umwälzung in den schulischen Lehr-Lern-Prozessen, ihren Formaten, Kommunikations- und Organisationsstrukturen mit sich. Nicht nur Schüler:innen mussten von heute auf morgen gewohnte Abläufe, Rituale und Prozessstrukturen völlig neu denken. Auch Lehrer:innen wurde quasi über Nacht mit völlig neuen Anforderungen konfrontiert, die ihnen mitunter auch völlig neue Kompetenzen abforderten.

08.04.2021 - Dr. Andreas Jantowski und Martin Seelig - Thüringer Instituts für Lehrerfortbildung, Lehrplanentwicklung und Medien

Hiermit ging ein fast schon als Kulturwandel zu bezeichnender Prozess der Digitalisierung des Lehrens und Lernens einher. Dem entsprechend musste den Lehrer:innen Gelegenheit gegeben werden, in relativ kurzer Zeit die grundlegenden Fähigkeiten zu erwerben, die sie für eine wirkungsvolle Umsetzung der Anleitung und Betreuung häuslichen Lernens der Kinder und Jugendlichen benötigten. Dem hat das ThILLM mit seiner Fortbildungsoffensive zum digitalen und häuslichem Lernen entsprochen und wir freuen uns darüber, so viele Kolleg:innen in so kurzer Zeit erreicht zu haben.

„Operation am offenen Herzen“

Des Weiteren ging es darum, die notwendigen technischen, i-technischen und pädagogisch-methodischen Voraussetzungen bereitzustellen, die es für ein erfolgreiches häusliches Lernen mit digitalen Medien braucht. Hierfür wurde die Thüringer Schulcloud in kürzester Zeit mit dem Status eines Pilotprojektes für möglichst alle Thüringer Schulen geöffnet. Dies erforderte nicht nur eine gewaltige logistische Anstrengung, sondern auch intensive Arbeiten hinsichtlich des Ausbaus der Serverkapazitäten, der Aufnahme von Anwendungen in die Cloud, wie beispielsweise das Videokonferenztool BigBlueButton, und nicht zuletzt eine enorme Betreuungsleistung der Lehrpersonen, die sich mit ihren Problemen an das ThILLM gewendet haben. Wir haben hier sinnbildlich gesprochen „eine Operation am offenen Herzen“ vorgenommen und im Großen und Ganzen und mit größtmöglichem Engagement der Mitarbeiter:innen des ThILLM ist uns diese auch gelungen.

Ausbau und Wandel des Angebots, auch für Erzieher:innen

Zusätzlich wurden weitere Lernobjekte bereitgestellt, die Mediothek in die Cloud überführt, das Format der Online-Seminare, Blendet-Learning-Sessions, Streaming-Veranstaltungen, Erklärvideos und Online-Sprechstunden eingeführt. Und während es in einer ersten Phase zunächst um die Vermittlung der notwendigen technischen und infrastrukturellen Voraussetzungen ging, werden wir jetzt allmählig dazu übergehen, Themen der Medienbildung und der Medienkompetenzentwicklung in das Zentrum der Fortbildungen zu stellen. Hierbei werden auch Themen wie Medienethik oder auch datenschutzkonforme Anwendung von online-Instrumenten eine zentrale Rolle spielen. Für die Zielgruppe der Erzieher:innen planen wir dies ebenso. In der Vergangenheit konnten Erzieher:innen ebenfalls bereits Angebote in diesem Bereich nutzen. Verwiesen sei hier auf die Themen zum Datenschutz, zur frühkindlichen Mediennutzung oder spielerischen Umgang mit Robotern. Das Interesse nach diesen Angeboten ist bei allen Zielgruppen enorm hoch und wird tendenziell auch weiter auf diesem Niveau bleiben.

Notwendige Priorisierungen

Mit diesem Kulturwechsel in der Fortbildung mussten Priorisierungen vorgenommen werden. Nicht alles kann zu gleicher Zeit umgestellt werden und Präsenzveranstaltungen sind grundsätzlich nicht möglich. Wir orientieren uns auch hier vordergründig am Bedarf und sichern die dringend notwendigen Themenbereiche durch neue Formate ab. Hierbei denken wir an Veranstaltungen zur Unterrichtsentwicklung, Medienbildung, Prüfungen, Lehrplänen und unterrichtlicher Diagnostik. Aber auch Themen wie die individuelle Förderung und Beziehungsgestaltungen unter den Bedingungen der Distanz werden aufgegriffen. In diesem Zusammenhang sei auch auf unsere entsprechenden Publikationen und unsere Podcastreihe zu diesen Themen verwiesen. Wir unterstützen ebenso auf Anfrage Schulträger und Schulen in ihren Medienkonzepten, die ja auch die Ausstattungsfrage mit betreffen und versuchen, auch mit Fortbildungen den unterschiedlichen Ausstattungen der Schulen mit Hardware gerecht zu werden. Im Bedarfsfall müssen schulspezifische Ausstattungsregelungen aber dann auch mit gezielten innerschulischen Fortbildungen flankiert werden, wozu das Instrument der Schulinternen Fortbildung über die Budgetierung ein geeignetes Instrument ist.

Digital oder analog – oder beides?

Abschließend möchten wir noch kurz auf die Frage eingehen: Digitalisierung – wozu und um jeden Preis? Nein, digitale Medien sind notwendig und wann immer pädagogisch sinnvoll und didaktisch zu rechtfertigen sollte man sie auch einsetzen. Sie können gegenüber analogen Medien entscheidende Vorteile aufweisen, wie sie sinnvoll eingesetzt werden.

Eine einfache Substitution analoger Medien durch digitale reicht da nicht. Es muss ein pädagogischer Nutzen damit einhergehen und dies sollte auch hinsichtlich künftiger Modelle zur Unterrichtsentwicklung unser Anspruch sein. Medienbildung ist Teil von Demokratiebildung und muss sich gleichsam dem muttersprachlichen Prinzip durch alle Fächer ziehen. Dies bezieht sich aber auf die gesamte Medienbildung – analoge wie digitale.