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Grußwort des LandesrabbinersUnsere Verantwortung für die Zukunft

Den Erzählungen und Berichten über jüdisches Leben vor der Schoa können wir entnehmen, dass es ein vielfältiges jüdisches Leben gab: Jüdische Verlage und Buchhandlungen; jüdische Zeitschriften und Zeitungen; jüdische Schulen und Altersheime; jüdische Musikgruppen; unzählige Läden, die von jüdischen Menschen betrieben wurden. Es gab über 1.000 Synagogen und Betstuben, in denen regelmäßig Gottesdienste abgehalten wurden.

04.12.2020 - Landesrabbiner Alexander Nachama

Noch im September 1930 ist in der Prinzregentenstraße in Berlin eine Synagoge eingeweiht worden. Wurde bei der Einweihung einer anderen Synagoge im Jahr 1912 noch bekräftigt, dass „das deutsche Vaterland (...) in unserem Herzen ein heiliges Land“ sei, war die Stimmung 1930 anders:

„Leider ist es in diesem Augenblick nicht möglich, sich restlos Gedanken des Stolzes und der Freude hinzugeben“,

zitierte die „Jüdische Rundschau“ aus der Ansprache des Gemeindevorsitzenden. Der Grund der getrübten Freude war offenkundig: Bei der Wahl zum Reichstag im Jahr 1930 hatten die Nationalsozialisten ihre Anzahl an Sitzen von 12 auf 107 fast verneunfacht. Der Einzug rechter Parteien in Parlamente sollte niemals unterschätzt werden, auch heute nicht.

Am 9. November 1938 brannten die Synagogen. Dass jüdische Heiligtümer zerstört werden ist leider keine Einzelerscheinung in der jüdischen Geschichte. Schon der Tempel in Jerusalem wurde von den Römern im Jahr 70 zerstört: Dem Judentum sollte das zentrale Heiligtum fortan dauerhaft fehlen. Die Rabbiner ersetzen das große Heiligtum durch ein „Mikdasch me’at“, ein kleines Heiligtum. Aber nicht nur ein kleines Heiligtum, sondern viele kleine Heiligtümer: Synagogen, überall da, wo Juden wohnen. Vielleicht war dabei ein Gedanke: Ein zentrales Heiligtum kann zerstört werden, viele kleine Heiligtümer dagegen nicht. Spätestens die Nacht vom 9. zum 10. November 1938 sollte dies auf eine grausame Art und Weise widerlegen.

Was mag uns heute Hoffnung geben?

Die Hoffnung besteht meiner Auffassung nach darin, dass sich nach der Befreiung im Mai 1945 wieder jüdische Gemeinden in Deutschland gegründet haben. Estrongo Nachama, mein Großvater, war einer derjenigen, die in Deutschland geblieben sind. 1918 in Griechenland geboren, war er 1943 von Saloniki nach Auschwitz deportiert worden. 1945 ins Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert, ist er am 5. Mai auf dem Todesmarsch in der Nähe von Neurupin von der Roten Armee befreit worden. Als einziger einer großen Familie überlebte er die Schoa.

Nach der Schoa war Estrongo über 50 Jahre Oberkantor der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Bis zu seinem Tod im Jahr 2000 war er stets um Versöhnung bemüht. Für ihn schien die Versöhnung der Weg, um weiterzuleben. Gerne zitierte Estrongo den vorletzten Vers der Klagelieder: „Führe uns zurück zu Dir, Ewiger, wir wollen uns Dir nähern. Erneure unsere Tage, wie sie einst waren.“ Unsere Tage können nicht wieder so werden, wie sie einst waren. Das war den Verfassern des Klagelieds nach der Zerstörung des Tempels genauso bewusst wie den Schoa-Überlebenden. Trotzdem haben diese Worte etwas Tröstliches. Denn sie implizieren, dass das, was es einst gab, zwar leider nicht mehr existiert, aber dennoch nicht verloren ist.

Es lebt weiter: In den Erzählungen der Schoa-Überlebenden. In unserer Erinnerung an diese Erzählungen und der allseitigen Verantwortung, antisemitischen Tendenzen vorzubeugen und nie wieder das zuzulassen, was zwischen 1933 und 1945 geschah.

Landesrabbiner Alexander Nachama