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GEW in BIldung untewegsUnhaltbare Zustände in den Volkshochschulen

Lehrkräfte für Deutsch als Fremd- oder Zweitsprache sind meist prekär beschäftigt. In Baden-Württemberg hat sich ein GEW-Arbeitskreis gebildet, der das ändern will. Nahziel ist die Zahlung eines Urlaubsentgelts.

20.12.2019 - Christoph Ruf

12 Grad zeigt das Thermometer, als der Tross mit der GEW-Vorsitzenden Marlis Tepe und der baden-württembergischen Landesvorsitzenden Doro Moritz auf den Hinterhof der neu bezogenen Gewerkschaftszentrale im Karlsruher Stadtzentrum biegt. Die frühlingshaften Temperaturen in der zweitgrößten Stadt im Ländle passen nicht so ganz zu den selbst gebackenen Glühwein-Muffins auf dem Tisch, die als Vorgeschmack auf den für später geplanten Gang über den nahen Weihnachtsmarkt gedacht sind. Viel Anklang finden sie dennoch.

Am Vormittag hatten Tepe und Moritz im Rahmen der „GEW in Bildung unterwegs“-Tour die  Hardtschule im nahen Durmersheim besucht. Die Gemeinschaftsschule zählt zu den TOP-20-Bewerbern für den Deutschen Schulpreis 2019. Nun, beim zweiten Teil ihrer Reise durchs Badische steht zunächst ein Gespräch mit der für Bildungsfragen zuständigen Redakteurin der „Badischen Neuesten Nachrichten“ (BNN) an. Hier soll es um Fragen der Bildungsqualität, um die Digitalisierung und um mögliche Konsequenzen aus der vor wenigen Wochen veröffentlichten PISA-Studie gehen, die Deutschland eine zu enge Verbindung zwischen Bildungserfolg und sozialer Herkunft der Schülerinnen und Schüler attestiert hat. 45 Minuten sind für dieses Pressegespräch anvisiert, danach soll im weihnachtlich eingedeckten Besprechungsraum ein fliegender Wechsel stattfinden.

Prekäre Beschäftigung als Dank für Idealismus und Engagement

Vier Dozentinnen, die in Mannheim und Stuttgart „Deutsch als Fremd- oder Zweitsprache“ (DAF/DAZ) unterrichten, werden dann in Begleitung von Magdalena Wille aus der Stuttgarter GEW-Zentrale über ihren Arbeitsalltag berichten. Der DAF/DAZ-Bereich stützt sich trotz vollmundiger politischer Bekenntnisse zur Wichtigkeit der Sprachförderung bei Geflüchteten und Zuwanderern auf Menschen, die mit viel Idealismus und Engagement unterrichten. Und die zum Dank mit prekären Beschäftigungsverhältnissen abgespeist werden.

„Beim Förderalismus haben sich die Mütter und Väter des Grundgesetzes ja etwas gedacht.“ (Marlis Tepe)

Doch zunächst stehen heute Nachmittag beim Pressegespräch die großen bildungspolitischen Weichenstellungen auf der Agenda. Die Karlsruher BNN-Redakteurin treibt dabei die Frage um, wie angesichts vermeintlich leerer Kassen die Lesekompetenz der Schülerinnen und Schüler verbessert werden könne. Ob der Föderalismus hier nicht Teil des Problems sei, möchte sie wissen. Marlis Tepe verneint das entschieden: „Dabei haben sich die Mütter und Väter des Grundgesetzes ja etwas gedacht.“ Der Föderalismus sei als historische Konsequenz aus dem Dritten Reich implementiert worden. Er sei auch kein grundsätzliches Problem, dessen konkrete Ausgestaltung sei es aber durchaus. Zu groß sei nämlich die Spreizung zwischen den Bundesländern, in denen zwischen 3300 und 10.100 Euro pro Kind an allgemeinbildenden Schulen investiert würden, „immerhin eine Differenz von 6.800 Euro“. Benachteiligte Städte wie Kassel oder Gelsenkirchen kämen zudem innerhalb ihrer Bundesländer noch mal schlechter weg. „Da ist es nicht verwunderlich, wenn Kinder aus, die zu Hause nicht gefördert werden, am Ende der zweiten Klasse nicht so weit sind wie Gleichaltrige im wohlhabenden Hochtaunuskreis“, so Tepe.

GEW in Bildung unterwegs
Vertreterinnen des Arbeitskreises DAF-DAZ-Lehrkräfte (v.l.n.r.): (Doro Moritz), Lioba Geier, Magdalena Wille (Hauptamtliche Referentin), Clarissa Haziri-Hagner, (Marlis Tepe), Christiane von Schilling, Marianne Althoff-Hanke (Foto: David Matthiessen).

Auch das in Baden-Württemberg viel diskutierte faktische Scheitern des Nationalen Bildungsrates sei in diesem Zusammenhang ein Problem, ergänzt Doro Moritz. Die Landesregierungen in Stuttgart und München hätten offenbar die Schaffung eines Konkurrenz-Gremiums zur BMK befürchtet und auf stur geschaltet, vermutet die GEW-Landesvorsitzende. Genau das sei aber fatal, da in den kaputtgesparten Landes-Ministerien nicht mehr viele Beamte zu finden seien, die sich grundlegende Konzepte Gedanken machen. „Da sitzen nicht mehr viele Menschen, die nachdenken.“ Umso wichtiger sei die Schaffung eines bundesweiten Gremiums, das sich möglichen Lösungen für die grundlegenden Herausforderungen der Bildungspolitik widmet.

„Kein Arbeitslosengeld, kein Krankengeld, kein Urlaubsentgelt.“ (Clarissa Haziri)

15 Uhr ist es geworden, als vier Menschen in Karlsruhe ankommen, deren Schicksal nicht nur im Ministerium für Nachdenklichkeit sorgen müsste: Clarissa Haziri, Christiane von Schilling und die mittlerweile pensionierte Marianne Althoff-Hanke aus Stuttgart sind mit Lioba Geier (Mannheim) und Magdalena Wille (GEW) nach Karlsruhe gekommen. Alle vier sind Mitglieder des GEW-Landesarbeitskreises DAF/DAZ-Lehrkräfte. Sprecherin Haziri nennt die Details der prekären Beschäftigungsverhältnisse, die nicht nur an der Stuttgarter Volkshochschule herrschen: „Kein Arbeitslosengeld, kein Krankengeld, kein Urlaubsentgelt. Und auf die 35 Euro, die wir pro Unterrichtsstunde bekommen, gehen über die Hälfte für Steuern und Abgaben drauf.“ Und das seien nur einige der Nachteile eines formal selbständigen Beschäftigungsverhältnisses: „Uns wird sogar vorgeschrieben, wann wir die 15-minütige Pause zu nehmen haben.“ Haziri und ihre Mitstreiterinnen wollen sich das nicht mehr gefallen lassen. „Als Fernziel haben wir die Festanstellung“, berichtet sie. „Aber wir müssen realistisch sein, wenn wir als Nahziel erreichen, dass wir endlich ein Urlaubsentgelt bezahlt bekommen, haben wir schon vieles bewegt.“

Engagement trotz Einschüchterung

Sich gegen die derzeitigen Zustände in der Erwachsenenbildung zu wehren, ist umso schwieriger, wenn der Organisationsgrad so gering ist wie in der Erwachsenenbildung. Umso beachtlicher, dass sich bereits 2015 ein DAF/DAZ-Stammtisch gebildet hat, der seither beharrlich die Forderungen artikuliert und verfolgt, mit denen die Politik zum Handeln gebracht werden soll. Treffen gab es bereits mit Gemeinderäten, dem „Deutschen Volkshochschul Verband“ (DVV) und Mitgliedern des Bildungsausschusses in Berlin. Und das trotz massiver Einschüchterungsversuche von Arbeitgeberseite, die selbst vor der Drohung mit Nichtverlängerung der Arbeitsverträge nicht halt machte. Die Frauen im Arbeitskreis haben sich nicht einschüchtern lassen. Und das zumindest mit partiellem Erfolg: Eine von der GEW unterstützte Klage beim Stuttgarter Arbeitsgericht, die die Zahlung von Urlaubsentgelt erzwingen soll, hat beste Aussicht auf Erfolg, berichtet Magdalena Wille. Und Marlis Tepe kündigt an, sie werde das Thema bei einem Gespräch mit der Kanzlerin aufs Tableau bringen. Auch Rita Süßmuth soll für die Probleme der DAF/DAZ-Lehrkräfte sensibilisiert werden. Mit der ehemaligen Familienministerin, die bis 2015 Vorsitzende des DVV war, hat sie schon öfter zusammengearbeitet. „Sie hat sich zusammen mit uns auch schon gegen prekäre Beschäftigungsverhältnisse eingesetzt.“ 

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