GEW Thüringen
Du bist hier:

Umfrage der GEW Thüringen zum Gemeinsamen Unterricht legt deutliche Mängel offen, oder: Inklusion auf dem Rücken der Beschäftigten

Angesichts der Pläne des Bildungsministeriums zur Verabschiedung eines Inklusiven Schulgesetzes führte die GEW Thüringen eine Umfrage zum Thema Inklusion und Gemeinsamen Unterricht unter den Thüringer Lehrer*innen und Sonderpädagogischen Fachkräften durch.

04.04.2016 - GEW Thüringen

Die repräsentativen Ergebnisse liegen nun vor. „Wenn es um die konkrete Anleitung und Organisation des Gemeinsamen Unterrichts geht, ergibt sich aus den Antworten der Kolleg*innen ein eher schlechtes Zeugnis für das Bildungsministerium und auch für die Städte, Gemeinden und Landkreise als Schulträger. Tatsächliche Inklusion zum Wohle der Kinder kann nicht auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen werden, aber leider ist das oftmals die Realität“, so Kathrin Vitzthum, Landesvorsitzende der GEW Thüringen.

Ein Großteil der Kolleg*innen empfindet die Arbeit mit einem oder mehreren Kindern mit Förderbedarf als belastend. Da die Inklusion oft ohne Vorbereitung der Kolleg*innen in den allgemeinbildenden sowie auch der Kolleg*innen in den Förderschulen mit dem Gemeinsamen Unterricht begonnen hat, fühlen sich viele Kolleg*innen belastet. Sie wurden ohne entsprechende Unterstützung vor neue Aufgaben gestellt. Auf den Gemeinsamen Unterricht fühlen sich Dreiviertel der an der Umfrage teilgenommenen Kolleg*innen nicht vorbereitet.

Als großes Problem erwies sich wieder einmal, dass die Rahmenbedingungen für einen gelungenen Gemeinsamen Unterricht in den meisten Fällen nicht oder nur teilweise hergestellt wurden. Noch immer ist die Raumsituation sehr unbefriedigend. Oft haben die  Schulgebäude durch ihre Bauweise und Auslastung keine freien Kapazitäten mehr übrig. Nicht immer und vor allem nicht durchgehend ist eine Beschulung im Klassenverband für alle Schüler*innen möglich. Daher müssen Rückzugsorte und Fördermöglichkeiten in jeder Schule geschaffen werden, daran mangelt es. 

Zudem ist die personelle und sächliche Ausstattung (Stichwort Fördermaterial) oftmals mangelhaft, darunter leiden die Pädagog*innen und die Kinder. Hier besteht dringender Handlungsbedarf, um den Kindern im Gemeinsamen Unterricht sowie den Pädagog*innen die notwendige Unterstützung zukommen zu lassen. Die Kolleg*innen benötigen für die notwendige und sinnvolle Absprache untereinander Zeit. Für 75 % der befragten Pädagog*innen ist die Zeit zur Kommunikation jedoch nicht ausreichend. Eine Qualitätserhöhung des Gemeinsamen Unterrichts hängt eng mit besseren Arbeitsbedingungen zusammen. 

Es ist ebenso notwendig, an den Schulen geeignete Konzepte zu erarbeiten sowie Informations- und Fallberatungen mit dem am Kind arbeitenden Professionen durchzuführen. Es gaben aber nur circa die Hälfte der Befragten an, dass an ihrer Schule ein Konzept erarbeitet wurde oder wird. 

Gutachten sind eine wichtige Grundlage zur Einschätzung des Förderbedarfes. Sie müssen realistisch und am Kind erarbeitet werden und sie müssen klare und einfache Hinweise zur Handhabbarkeit enthalten, um daraus geeignete Förderungen am Kind abzuleiten. Mehr als 60 % der befragten Kolleg*innen gaben jedoch an, dass die Gutachten nicht zeitnah genug erstellt wurden. Die Bearbeitung von Anträgen erfolgt zu spät oder wird ohne weitere Begründung abgelehnt, der Inhalt der Gutachten geht oftmals an der Realität vorbei.

Die GEW Thüringen hat aus den Ergebnissen der Umfrage folgende Handlungspunkte erarbeitet und fordert die Thüringer Landesregierung im Interesse der Kolleg*innen und der Kinder zur Umsetzung auf: 

  • Aufbau eines professionellen Beratungs- und Unterstützungssystems
  • Professionelle und fachliche Begleitung und Unterstützung an jeder Schule. Für Teamberatungen, Planungen, Absprachen, Vor- und Nachbereitungen für Lehrer*innen, SPF, Erzieher*innen und Förderschullehrer*innen muss ausreichend Zeit zur Verfügung stehen.
  • Mehr Personal an den Schulen hin zu einem Mehrpädagog*innensystem
  • Mehr Gemeinschaftsschulen und/ oder Ganztagsschulen, da hier eine bessere Einbindung von Förderung möglich ist.
  • Zusätzliche Raumkapazitäten neben den normalen Unterrichtsräumen
  • Alle Schulen müssen ausreichende finanzielle und sächliche Mittel zur Unterrichtsgestaltung und eventuellen Therapieformen erhalten.
  • Angemessene Klassenstärken, um alle Schüler*innen bedarfsgerecht zu beschulen und alle gleichberechtigt individuell fördern zu können.
  • Die Bereitstellung von Schulbegleiter*innen/ Integrationshelfer*innen muss ausreichend und für alle Gebietskörperschaften vorbereitet und organisiert werden.
  • Förderzentren und DaZ-Zentren müssen ein wesentlicher Bestandteil des Thüringer Schulsystems sein.

Weitere Details zu den Ergebnissen der Umfrage (incl. Diagramme, die für redaktionelle Zwecke verwendet werden dürfen) finden Sie hier.

Zurück