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Transidente Schülerinnen in der Schule. Tipps für Lehrerinnen und Erzieherinnen

„Transgender ist so richtig Mode geworden“ habe ich letztens gehört. Nein, ist es nicht. Vielmehr führen die beginnende Enttabuisierung und die Informationsmöglichkeiten über die Medien dazu, dass Eltern „es“ nicht länger mit allen Mitteln aus dem Kind „austreiben“, wie es in meiner Generation noch Uses war.

01.06.2015 - Hannah Kruse (der Beitrag erschien in der tz Juni 2015)

Kanadische und US-amerikanische Spezialistinnen [1] berichten, dass sich in den letzten Jahren die Zahl hilfesuchender Eltern und Kinder pro Jahr verdreifacht hat. Trans-Organisationen schätzen die Anzahl transidenter Menschen auf 1 bis 3 von Tausend. In meiner Schule haben sich in den letzten drei Jahren fünf von ca. 1500 Personen als transident offenbart. Das „kleine T“ klopft an die Türen unserer Einrichtungen, und wir müssen dafür bereit sein.

Die zwei wichtigsten Tipps [2]:

  1. Transpersonen sind Menschen. Öffnen Sie Ihre Herzen, seien Sie empathisch.
  2. Machen Sie sich sachkundig. Oft genug werden Eltern bzw. die Transperson Ihnen Informationen anbieten. Sie können und sollten aber auch selbst in Medien recherchieren oder Informationsangebote seitens Beratungslehrerinnen oder Selbsthilfegruppen wahrnehmen.

Transidentität ist keine „Phase“ und keine willkürliche Entscheidung. Von Transidentität wird gesprochen, wenn die Person sich dauerhaft dem Geschlecht identifiziert, das nicht mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt. Keine Schülerin wird sich angesichts der nach wie vor bestehenden Stigmatisierung und Hürden „einfach mal so“ auf den dornigen Weg des Übergangs machen. Auch nicht, um mit Mädchen oder Jungen auf die Toilette zu gehen. Wer will schon andere auf der Kloschüssel beobachten? Erfahrungen aus den USA belegen, dass es zu keinerlei Übergriffen durch Transpersonen auf andere Schülerinnen kommt. Dies gilt ebenso für Umkleiden. Transidente Menschen sind keine Voyeure. Transmädchen sind z. B. keine „Jungs, die nackte Mädchen beobachten wollen.“ Transmenschen empfinden aufgrund der Nichtübereinstimmung von körperlichen Merkmalen und
geschlechtlicher Identität starken negativen Stress und werden diese körperlichen Merkmale anderen gegenüber nicht exponieren. Sie sind also auch keine Exhibitionisten. Im Gegenteil: Transidenten Schülerinnen den Zugang zu den ihrer Geschlechtsidentität gehörigen Einrichtungen zu verweigern, bringt sie vielmehr in Gefahr der Belästigung, der verbalen oder physischen Bedrohung.

Was also tun? Oft werden Eltern und Kind schon einen Therapeuten aufgesucht haben und ein Gutachten beibringen können. Ist dies nicht der Fall, empfiehlt es sich, einfühlsam zu handeln, Hilfe zu suchen und vor allem das Kindeswohl im Auge zu haben. Grundlegende Tipps, die ich aus eigener Erfahrung darlegen kann:

  • Nehmen Sie die Transperson an und ernst. Verwenden Sie die von der Transperson gewünschten Pronomen und Vornamen.
  • Gestatten Sie die Nutzung des korrekten Vornamens auf Heften, Leistungskontrollen und im  Klassenbuch. Es spricht nichts gegen dieses Vorgehen, siehe Gutachten: http://www.trans-kinder-netz.de/pdf/Augstein%20Maerz%202013.pdf
  • Nehmen Sie Mitschülerinnen und deren Eltern mit, indem Sie sachkundig und einfühlsam über Transidentität und die Situation sprechen; lassen Sie dabei zuerst und zuvorderst die Transperson zu Wort kommen. Kenntnis zum Thema weckt Verständnis und Akzeptanz! Dies ermöglicht dann i.d.R. auch ohne größere Reibung, der Transperson den Zugang zu Umkleide und WC, die ihrer Geschlechtsidentität entsprechen, zu erlauben.
  • Stellen Sie das Trans-Sein nicht in den Vordergrund, sondern konzentrieren Sie sich auf die Person.

Sie werden feststellen, dass transidente Schülerinnen, die nicht gezwungen werden, weiterhin in der zutiefst abgelehnten Identität agieren zu müssen, aufleben, glücklich sind und gedeihen.

 

[1] Die gewählten Pluralformen gelten für alle Geschlechter.

[2] Weitere Tipps sind unter: http://www.thur.de/ ~carsten/tz/

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