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„Thüringen 19_19“: Demokratie stärken, demokratisches Lernen vorbereiten.

Dass die demokratische Erfahrungsqualität in pädagogischen Institutionen und das fachliche Lernen von Politik und Demokratie wichtig sind, ist unbestritten. Demokratielernen und politische Bildung beschreiben jedoch nicht nur wichtige Aufgaben in Schule und Jugendbildung, sondern sind – dies wird allzu leicht vergessen – grundsätzliche Bildungsaufträge für alle Fachkräfte in pädagogischen Berufen. Sowohl in der Thüringer Landesverfassung als auch im Schulgesetz ist dies als oberstes Bildungsziel fixiert.

22.01.2016 - Mario Förster

Allein ausreichend ist dies noch nicht: In der alltäglichen pädagogischen Praxis bleiben Demokratie- und Menschenrechtsbildung abseits der fachgebundenen Lehrinhalte allzu oft punktuell und in ihrer inhaltlichen Tiefe sehr unterschiedlich ausdifferenziert. Es kommt vor allem auf das Engagement von einzelnen Lehrer*innen an, ob die Schule, gar die KiTa oder die Sozialarbeit sich diesen Fragen widmen. Damit Demokratie im Alltag erfahren und gelebt werden kann, benötigen wir die Haltung und das Engagement aller Beteiligten. Neben der Umsetzung bereits bewährter Praktiken muss hinzukommen, dass es Möglichkeiten zur Entwicklung und Erprobung innovativer Methoden des Demokratielernens geben muss. Aufgabe der Bildungseinrichtungen ist daher, einen substanziellen Beitrag für Demokratieentwicklung zu leisten.

Das aber kann nur gelingen, wenn Unterstützung und hinreichend finanzielle, persönliche und auch materielle Bedingungen vorliegen. Dieser Einsicht folgen rund 30 unterschiedliche Akteur*innen und Initiativen aus allen Bildungsbereichen, die sich auf Einladung der Evangelischen Akademie Thüringen und der Landeszentrale für Politische Bildung im Herbst 2014 erstmals zusammengefunden haben. Gemeinsamer Ausgangspunkt der Initiative „Thüringen19_19“ und des mit ihr verbundenen Aufrufes ist der 100. Jahrestag der ersten Demokratie in Deutschland und die Verabschiedung der Weimarer Reichsverfassung 1919. Dieses Jubiläum hat seinen historischen Ort in Thüringen, ist aber demokratiepolitisch für ganz Deutschland von Bedeutung. Es geht den Initiator*innen deshalb nicht nur um ein geschichtsbewusstes Erinnern und Gedenken, sondern um ein „tätiges“ Jubiläum. Denn auch wenn die Herausforderungen der Demokratie heute vielfach anders gelagert sind als zur Zeit der Weimarer Republik, so sind doch die Gefährdungen unserer Demokratie offensichtlich: Rechtsextreme Gewalt und rassistische Initiativen richten sich auch in unserer Gesellschaft gegen  die demokratische Kultur, den der Demokratie eigenen Schutz der Minderheiten und gegen Menschenrechte. Zudem dokumentiert der „Thüringen Monitor“ seit Jahren die beunruhigende und weite Verbreitung antidemokratischer und diskriminierender Einstellungen in der Thüringer Bevölkerung. Die stetig zurückgegangene Wahlbeteiligung bei den letzten Landtagswahlen deutet auf eine Krise auch der demokratischen Repräsentation. Die in Thüringen noch junge Demokratie braucht alleine schon wegen dieser Herausforderungen eine stärkere Bindung und Verankerung bei den Menschen!

Der praktische Vorschlag von „Thüringen19_19“ liegt in der exemplarischen demokratiepädagogischen Entwicklung und Begleitung von landesweit 19 Kindertagesstätten, 19 Schulen und 19 außerschulischen Lernorten und Projekten. Sie sollen im Sinne einer für das Demokratielernen gehaltvollen politischen Bildung professionell qualifiziert und profiliert sowie als „Lernorte der Demokratie“ sichtbar gemacht und zertifiziert werden. Damit einhergehend sollen sie dauerhaft so etabliert werden, dass auch für die künftige demokratische und politische Bildung in Thüringen sowohl beispielhafte und überregional sichtbare Qualität als auch eine Anschlussfähigkeit für künftige Innovationen gewährleistet sind.

Das Aufeinandertreffen des bevorstehenden Gedenkjahrs und die aktuellen Herausforderungen für unsere Demokratie bieten eine einmalige Chance, die von uns genutzt werden sollte!

Mario Förster                                                                                                                                       Friedrich-Schiller-Universität Jena

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