GEW Thüringen
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Tag 2 der Bildungsreise, in meiner Heimatstadt Erfurt

Seit dem 9. April 2018 bereise ich Thüringen und schaue mir die Bedingungen an ausgewählten Bildungseinrichtungen (Kitas, Schulen, Hochschulen) an, mit denen meine Kolleg*innen tagtäglich zu tun haben. Hier meine Eindrücke vom zweiten Tag in Erfurt.

12.04.2018 - Kathrin Vitzthum

Am Morgen steht der Besuch der Puschkinschule an, eine Grundschule ziemlich genau zwischen dem Südviertel und Juri-Gagarin-Ring (für Nicht-Erfurter*innen: Zwischen Bildungsbürgertum auf der einen und sozialem Wohnen auf der anderen Seite). Zum Gespräch mit der Schulleiterin Frau Klose ist auch Oberbürgermeister Andreas Bausewein gekommen, der genau wie ich dem Vortrag über die Schule lauscht. Die Ganztagsschule mit rund 330 Schüler*innen, darunter etwa 70 Kinder nichtdeutscher Herkunft, arbeitet nach dem Lernhauskonzept. Im Idealfall lernen jeweils 10 Kinder der vier Klassenstufen mit zwei Lehrer*innen in zwei Klassenräumen, bilden Kurse, machen Projekte und werden dabei auch von zwei Erzieher*innen in den Nachmittag begleitet. Neben den Klassenräumen gibt es eine Schreib- und eine Forschungswerkstatt, die Aula wird als Musik- und Tanzraum genutzt. Ein grosses Lehrer*innenzimmer gibt es hier nicht, aber das ist Teil des Konzeptes, erklärt Frau Klose. Die Teams in den Lernhäusern haben Arbeitsplätze in ihrem Lernhaus, um sich vorzubereiten und Absprachen treffen zu können. Frau Klose sprüht vor Elan und so hat sie einen ganzen Fragenkatalog für den OB vorbereitet. Am dringlichsten ist die Frage nach der Sanierung, vor allem des Außenbereichs. Die alten Betonplatten auf dem Schulhof sind marode, der Schulgarten zwar groß und schön gelegen, aber nach der Neunutzung noch nicht wieder urbar gemacht und es fehlt an Spielgeräten. In den Treppenhäusern kleben die Kinder selbstgemalte Kunstwerke über die größten Schandflecke, die Pädagog*innen und die Eltern streichen die Räume selbst.

Frau Klose wünscht sich vor allem Kommunikation und Transparenz. Es sei schwer zu ertragen, von Sanierungen anderer Schulen zu lesen, ohne zu wissen, warum die eigene Schule mal wieder hinten runter gefallen ist. Etliche Anfragen und Anträge an den Schulträger wurden bereits gestellt, aber nur wenige beantwortet. Der OB gelobt hier Besserung und sichert den Kolleg*innen auch zu, dass im Falle einer Sanierung diese nicht ohne Einbeziehung der Schule erfolge. Beim Rundgang durch die Schule präsentieren die Pädagog*innen und die Elternvertreter ihren ganzen Stolz: Die neue Schüler*innenküche, die nach zehn Jahren Ende April endlich eröffnet werden kann. Hier werden die Kinder gemeinsam kochen und backen und damit ihren Speiseplan noch mehr mitgestalten als sie es jetzt schon können. Denn im Speisesaal steht ein Büfett, die Kinder können selbst wählen, was und wie viel sie essen wollen; da gäbe es auch schon mal Grießbrei mit grünen Bohnen, erzählt schmunzelnd die Hortkoordinatorin Frau Leichter.

Nachdem der OB zum nächsten Termin geeilt ist, nutzen die Pädagog*innen die Chance, mit uns über die personelle Situation zu reden. Es werde immer enger, klagt die Schulleiterin, zwei Langzeitkranke seit Beginn des Schuljahres, was zu Unterrichtsausfall führe, weil sie nicht nachbesetzt werden. Die Vertretungsreserve wirkt einfach nicht. Die Horterzieher*innen sind enttäuscht, dass sie mit nur 60 Prozent arbeiten müssen. Auch dass viele Impulse aus dem Modellprojekt mit der Überleitung in den Landesdienst verloren gegangen sind, beklagen sie und wünschen sich gemeinsam mit den Lehrer*innen die konsequente Weiterentwicklung der Thüringer Ganztagsschule. Der Hort alleine macht noch keinen Ganztag, darüber sind sich alle einig. Meine Kollegin Marlis Bremisch, mein Kollege Michael Kummer und ich verlassen die Schule mit mindestens zwei Erkenntnissen: Erstens, eine Schule hat Glück, wenn sie eine so engagierte Schulleitung hat, die vom Kind her denkt und alles Mögliche versucht, mit den Kolleg*innen im Team das Lernhauskonzept mit Leben zu füllen. Zweitens, Wertschätzung hat nicht mit allein mit Geld zu tun, sondern mit Kommunikation und Transparenz, mit Mitbestimmung und Planungssicherheit.

Als wir in der Kita Abenteuerland im Erfurter Norden ankommen, ist Mittagsruhe. Die Kinder schlafen tief und fest, obwohl wir zu sechst die Gruppenräume betreten. Begleitet von der Leiterin Frau Weitz, Frau Stephan als Fachberaterin für Kindertagesstätten beim Jugendamt Erfurt und unserer engagierten Personalrätin Janine Katschemba lernen wir das Haus kennen, das 45 Jahre auf dem Buckel hat. Überall im Haus gibt es frei verfügbare Räume, die ein bestimmtes Thema haben: Bauen, Wohnen, Malen, Basteln, Quasseln, u.v.m. Morgens entscheiden die Kinder selbst, worauf sie Lust haben, schnappen sich das zum Raum passende Armband und beginnen mit dem Entdecken. Mit dreizehn Erzieherinnen und einem Erzieher für derzeit etwa 146 Kinder im Alter von zwei bis sechs ist es eine Herausforderung, jeden Raum auch wirklich öffnen zu können. Drei Erzieherinnen sind im Beschäftigungsverbot bzw. in Elternzeit, zwei Stellen sind derzeit unbesetzt. Aufgefangen kann das nur, weil alle Mehrarbeit leisten. Bei 32 Wochenstunden eine enorme Belastung, bestätigen alle. Frau Stephan erklärt die Situation mit dem langwierigen Stellenbesetzungsverfahren und dem zunehmend spürbaren Fachkräftemangel. Im Übrigen, so merkt die Kitaleiterin an, wünsche sie sich mehr Beteiligung im Bewerbungsverfahren, schließlich gibt es ein pädagogisches Konzept, da müsse es schon passen. Baulich ist das Haus in einem guten Zustand, die letzte Sanierung ist fünf Jahre her. Trotzdem gibt es Wünsche: Das Außengelände müsse kindgerechter werden, es gibt zu wenig Geräte, die zum Ausprobieren und Entdecken einladen, eine Rutsche und eine Nestschaukel sind zu wenig.

Am Nachmittag nimmt uns der neue Kanzler der Universität Erfurt, Dr. Jörg Brauns, in Empfang. Im Mittelpunkt stehen der enorme Sanierungsbedarf von Mitarbeiter- und Lehrgebäuden sowie der seit drei Jahren leerstehende Audimax, ein historisches Gebäude, geschlossen wegen des fehlenden Brandschutzes. Gemeinsam mit Andrea Scholz und Julian Degen vom Betriebsverband löchern wir den Kanzler zu Planungsvorhaben, Finanzierungsfragen und zeitlichen Perspektiven. Die steigende Studierendenzahl macht einen größeren Hörsaal notwendig. Zurzeit werden etliche Vorlesungen in der Alten Parteischule gehalten. Richtig gelesen: Alte Parteischule. Ein Ort, der noch immer die DDR atmet und gern als Kulisse für Filme genutzt wird, weil Tapeten, Vorhänge und Einrichtung original sind, einschließlich kaputter Heizung und maroder Toiletten. Ziel sei, spätestens zum Wintersemester 2021/22 einen neuen Hörsaal auf dem Campus zu haben, eine zu lange Zeit findet Studierendenvertreter Julian. 

Beim Rundgang verheimlicht Brauns keine Baustelle und führt uns zum Schluss in die Lernwerkstatt. Qualiteach, ein Programm in der Qualitätsoffensive Lehrerbildung, hat die Konzeption der Lernwerkstatt vorangetrieben. Ergebnis ist ein großes Lernraum mit Material für jedes Unterrichtsfach zum Ausprobieren und Weiterentwickeln, mit Smartboard, an dem Lehramtsstudierende das digital unterstützte Lehren und Lernen erproben können. Es ist ein Raum, der einlädt, Lehr- und Lernsituationen in einem geschützten Rahmen erfahren und reflektieren zu können. Mittlerweile nutzen viele Dozenten die Lernwerkstatt für ihre regulären Seminare und tragen so dazu bei, anderes Lernen in die Universität zu tragen.

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