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EmpfehlungSystemsprenger

Vor nunmehr zwei Jahren erschien der deutsche Film „Systemsprenger“ in den Kinos und sorgte mächtig für Furore. Im Sommer dieses Jahres kam der Film in den Free-TV und erhitzte erneut die Gemüter. Allein die Ankündigung im NDR machte wohl eine landläufige Haltung deutlich: „Systemsprenger- Filmdrama über ein Problemkind.“

13.09.2021 - Sandy Kirchner -GEW-Mitglied, tätig im Bereich Kinder- und Jugendhilfe

Aus meiner Sicht ein sehr gelungener Film mit tollen Schauspieler*innen, der einen guten Problemaufriss des deutschen Jugendhilfesystems macht. Um diesem prämierten Film zu machen, hat Nora Fingscheidt für ihr Langspielfimdebüt fünf Jahre recherchiert. Ich stelle mir angesichts solcher Ankündigungen die Frage, wie unsere Haltung als Fachkräfte dazu aussehen sollte und was wir dafür tun können und müssen, um die Haltung den zweifellos herausfordernden Kindern gegenüber zum Positiven zu verändern, denn jedes Stigma erschwert die besonderen Hilfeverläufe weiter. Aus der Erfahrung heraus frage ich mich, ob es überhaupt richtig ist, die Kinder als Systemsprenger zu bezeichnen oder ob das Problem gar nicht beim Kind, sondern bei den Mängeln des Systems und/oder den Überforderungen der Helfer im System liegen. Am Ende besteht aber unter Fachkräften vermutlich Einigkeit darüber, dass die sogenannten Systemsprenger gar nicht das System sprengen, sondern sich selbst – getriggert durch das System – zerstören.

Aber nun mal von Beginn an

Die neunjährige Benni wirkt auf den ersten Blick wie ein ganz normales Kind. Im Kinosessel ist es beinahe amüsant, wenn sie aus dem Nichts einem vorbeilaufenden Rentner diverse Beleidigungen entgegen schmettert. Im Verlauf des Films verstören die Wutausbrüche zunehmend. So ist es unerträglich zu sehen, wie Benni einem kleineren Jungen mit voller Wut den Kopf immer wieder aufs Eis knallt, weil er ihr aus Versehen beim Eislaufen ins Gesicht gefasst hat.

Was der Film durchgehend klarmacht ist, dass Benni zurück zu ihrer Mutter will und einfach nach dieser Liebe giert. Die Mutter verspricht immer wieder, dass Benni zu ihr zurückkommen kann, kann diese Versprechen allerdings nicht halten, dabei wünscht man sich als Zuschauer:in durchaus ein Happyend. Wobei aus fachlicher Sicht das Happyend wohl eher von kurzer Dauer sein
dürfte, denn aus meiner Sicht greift auch hier einer meiner liebsten pädagogischen Grundsätze: „Kinder sind die Symptomträger
ihrer Eltern“. Was auch deutlich machen sollte, dass die Arbeit der Jugendhilfe nach Möglichkeit immer auch Elternarbeit bedeuten sollte. Stattdessen höre ich immer noch viel zu häufig, dass mit den Kindern etwas nicht stimmt.

Beziehungsabbrüche

Dabei erleben die Kinder in der Jugendhilfe immer wieder das Gleiche, was sie auch bereits im Elternhaus erlebt haben: Beziehungsabbrüche! Die Kinder funktionieren nicht entsprechend der vorgegebenen langen Hausordnung, testen Grenzen und erfahren die Hilflosigkeit der Fachkräfte und neuerliche Beziehungsabbrüche. Dieser Strudel geht weiter bis zu dem Moment, wo eine Einweisung in die Psychiatrie oder der nächste Einrichtungswechsel stattfindet. Und nein, für mich sind die Fachkräfte nicht das Problem im System, denn mit einem Mehr an Personalausstattung gäbe es mehr Ressourcen, um diesem Strudel entgegenzuwirken.

In der Vergangenheit habe ich häufig nach schwierigen Situationen - die auch das Ende einer Hilfemaßnahme hätten bedeuten können - gehört, dass wir als Einrichtung den Rahmen enger ziehen sollen, weil die Betreuten ja lernen müssten, sich an Regeln zu halten. Ich habe mich immer dagegen gesträubt, denn ich glaube fest daran, dass Krise auch Beziehungsarbeit bedeutet, die galt es für mich zu stärken, übrigens auch um die notwenigen kongruenten Konsequenzen zur Grenzüberschreitung gemeinsam durchzustehen. Damit haben wir gute Erfahrungen gemacht und konnten die Spirale der ständigen Einrichtungswechsel durchbrechen. Wobei die Lösungen natürlich nicht in jedem Fall so einfach sind.

Sicher könnte man neben den Beziehungsabbrüchen noch unendlich viele andere Probleme skizzieren, die der tolle Film beschreibt, aber es soll ja auch noch einen Anreiz geben, ihn selbst zu schauen.