GEW Thüringen
Du bist hier:

Stopp! Jetzt reicht es!

Unter diesem Motto startete die AG Gymnasien der GEW Thüringen eine Kampagne der Schularten Gymnasien und Berufsbildende Schulen.

17.02.2017 - Bianka Wollstädt

Begonnen mit einer Umfrage im Frühjahr 2016 gipfelte die Aktion in fünf schulamtsbezogenen Regionalkonferenzen. Die Kolleg*innen waren aufgefordert, ihre Arbeitsbedingungen zu schildern, Probleme zu benennen, ihre Unzufriedenheit über die Grenzen der Lehrerzimmer und Vorbereitungsräume hinaus zu verbalisieren. Zugegebenermaßen war die Resonanz im Allgemeinen nicht überwältigend, was es zunächst zu analysieren galt. NEIN, dies dürfte keineswegs auf mangelndes Interesse oder einen noch zu geringen Leidensdruck zurückzuführen sein, sondern sowohl auf ein sehr begrenztes Freizeitbudget als auch auf eine gewisse Resignation.

In einem Punkt allerdings sind sich alle einig: Die Arbeitsbelastung für die Pädagog*innen an den Thüringer Schulen ist in den letzten 20 Jahren ständig gestiegen. Unter den wechselnden Regierungen waren ständig Neuerungen an der Tagesordnung. Dabei wurde uns immer sehr deutlich gemacht, was hinzukommt, aber leider nie, was dafür wegfällt. Daher sagen wir:

Stopp jetzt reicht es!
Wir stoßen an die Grenzen unserer Belastbarkeit!

Im Folgenden seien die wichtigsten Innovationen genannt, mit denen sich Gymnasiallehrer*innen in den vergangenen Jahren auseinanderzusetzen hatten, die ihre Arbeit erschwerten und die sich im Großen und Ganzen als wenig zielführend erwiesen. Zielführend in dem Sinne, das Leistungsniveau an Gymnasien zu steigern oder wenigstens zu erhalten:

  • Die Einführung des Seminarfachs führte für die betroffenen Kolleg*innen zu einem erheblichen zeitlichen Mehraufwand, angefangen von der Einarbeitung in ein neues Unterrichtsfach bis hin zur Betreuung der Schüler*innen, welche aufgrund der kursübergreifenden Gruppenzusammensetzung oft erst in den späten Nachmittagsstunden erfolgen kann. Auch über die Durchführung und Bewertung herrscht mitunter bei Schüler*innen und Lehrer*innen noch immer Verunsicherung. Um dem Aufwand der Erstellung der Seminarfacharbeit gerecht zu werden, fordern wir daher die Einbringungspflicht der Seminarfachnote in den Abiturdurchschnitt und thüringenweite einheitlich geltende Regelungen!
  • Die Einführung einer zweiten Fremdsprache ab Klasse 5 halten wir für wenig sinnvoll, weil dies auch aus Gründen von Stundenkürzungen zu Lasten der eigenen Muttersprache geht und mangelnde Deutschkenntnisse werden bekanntlich längst nicht mehr nur bei Schüler*innen mit Migrationshintergrund beklagt. Deshalb fordern wir die Einführung der zweiten Fremdsprache erst ab Klasse 7! Ausnahmen sind auf Antrag möglich.
  • Für die Einführung bilingualer Module in einzelnen Unterrichtsfächern sind die Voraussetzungen in Thüringen nicht gegeben. Die eingesetzten Lehrer*innen verfügen entweder über eine Ausbildung im betreffenden Fach oder in der Fremdsprache. Das kann auch bei einem enormen Vorbereitungsaufwand nicht zu einem qualitativ hochwertigen Unterricht führen. Nach den bisherigen Erfahrungen sind weder eine erhöhte Motivation noch eine ansteigende Fremdsprachenkompetenz der Schüler*innen zu verzeichnen, dafür sehen wir allerdings die Erfüllung des Lehrplanes gefährdet, da die behandelten Themen nicht prüfungsrelevant sein dürfen und das bei der ohnehin schon geringen Wochenstundenzahl der betroffenen Fächer. Deshalb fordern wir das Aussetzen der bilingualen Module, solange die fachliche Zusammensetzung der Kolleg*innen keine immanente Anwendung der Fremdsprache zulässt!
  • Die Einführung flexibler Stunden ist nicht zielführend, da deren Verteilung größtenteils auf Grundlage der Lehrerbesetzung und nicht des tatsächlichen individuellen Förderbedarfs erfolgen muss. Wir fordern deren Abschaffung und eine verbindliche Zuordnung zu den Kernfächern und ggf. den „Einstundenfächern“, da in diesen auf Grund der verkürzten Stundenzahl im Durchschnitt ohnehin ein Leistungsabfall der Schüler deutlich wird!
  • Der Wahlpflichtbereich erfordert einen enormen Vorbereitungsaufwand, da oft keine geeigneten Lehrbücher zur Verfügung stehen. Die notwendige Kontinuität wird oft durch Personalmangel behindert. Soll damit möglicherweise ein Fachlehrermangel in bestimmten Bereichen verschleiert werden? Wir fordern daher die Rückführung dieser Stunden zu den Kernfächern!
  • Die Zuordnung des Faches „Medienkunde“ zu bestimmten Sachfächern führt ebenfalls zu einem hohen zeitlichen Vorbereitungs- und Arbeitsaufwand, da nicht alle Sachfachlehrer*innen die notwendige Medienqualifikation haben. Die Kolleg*innen dafür im Tandem arbeiten zu lassen, erfordert darüber hinaus einen erhöhten Aufwand in der Stundenplanung. Wenn überhaupt, dann sollte dieses Fach wieder als einzelnes ausgewiesen und vor allem die schulische Ausstattung an die Erfordernisse eines solchen angepasst werden!
  • Die Aufgaben des Klassenleiters sind in den letzten Jahren ständig gestiegen. Als einzelne Beispiele dafür seien nur Lernentwicklungsbögen und die damit verbundenen, sehr zeitaufwändigen Gespräche mit Eltern und Schüler*innen genannt. Unsere eindringlichste Forderung lautet deshalb: Eine in der Verwaltungsvorschrift festgeschriebene Anrechnungsstunde für jede Klassenleiterin/jeden Klassenleiter!

Wie lange lässt sich das ständig sinkende Leistungsniveau unserer Schüler*innen noch verschleiern? Obwohl die Regelschule einstmals das Herzstück der Thüringer Bildung werden sollte, kämpfen die Eltern am Ende der Klassenstufe 4 darum, ihrem Kind einen Platz am Gymnasium zu sichern, selbst wenn es die ohnehin schon zu hinterfragenden Zugangsbedingungen nicht erfüllt. Damit fehlen an den
Regelschulen die Leistungsträger, die deren Ansehen erhalten und stärken sollten. Und dafür erstellen wir an den Gymnasien heute Förderpläne für leistungsschwache Schüler. Was soll das? Da liegt doch
der Fehler ganz offensichtlich im System!

Aber aus Fehlern kann man lernen. Es ist an der Zeit, unsere Kräfte wieder auf unsere eigentliche Aufgabe zu fokussieren – die Absicherung eines qualitativ hochwertigen Unterrichts. In Zeiten von Personalmangel gilt es, sich auf die Kernaufgaben zu konzentrieren!

Zurück